Kindertheater aus Bayern und Europa in Nürnberg

23. bis 28. Januar 2018

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Pressestimmen Nürnberg

Besucht macht klug
Die beiden Theaterfestivals „panoptikum“ in Nürnberg und „Schöne Aussicht“ in Stuttgart erproben und diskutieren Chancen internationaler Kooperationen
Alle zwei Jahre finden in Nürnberg und in Stuttgart die beiden einzigen internationalen Kinder- und Jugendtheaterfestivals in der Bundesrepublik statt. In beide Festivals eingebettet sind zudem wichtige regionale Theatertreffen: in Nürnberg „sehenswerte“ Aufführungen aus Bayern, in Stuttgart das Treffen der Arbeitsgemeinschaft baden-württembergischer Kinder- und Jugendtheater. Während in Nürnberg Andrea Maria Erl vom Theater Mummpitz ihr Festival auf gesicherter finanzieller Basis planen konnte, sah es in Stuttgart vorübergehend so aus, dass den künstlerischen Leitern Brigitte Dethier und Christian Schönfelder vom Jungen Ensemble Stuttgart (JES) die nötigen Finanzmittel gestrichen würden. Zum Glück blieb es schließlich bei einer zehnprozentigen Kürzung, die durch Sponsoren aufgefangen werden konnte.
Zudem organisieren sich beide Festivals - „panoptikum“ in Nürnberg und „Schöne Aussicht“ in Stuttgart – nicht nur als reine Theatertreffen, sondern flankieren ihre Gastspiele durch Gesprächsrunden und Workshops. Während im Fränkischen sich traditionell die Programmmacher der großen Festivals aus aller Welt treffen und dieses Mal unter dem Motto „Next Generation“ ein spezielles Angebot an die Theaterwissenschaftsstudenten aus Erlangen entwickelt hatten, standen im Schwäbischen die Erfahrungen der Bühnen mit internationalen Kooperationen im Zentrum des Rahmenprogramms. (...).
Das Programm der Festivals wird bei aller Objektivität, die durch das Kriterium „künstlerische Qualität der Produktionen“ gegeben ist, immer auch durch subjektive Vorlieben bestimmt. Doch in der Überschau zeichnen sich durchaus gemeinsame Tendenzen ab, auch wenn nur eine einzige Produktion in beiden Festivals auftauchte: „Echoa“ von der französischen Gruppe Cie. Arcosm. Trommelnde Tänzer und tanzende Trommler begegnen sich, um mit großer Virtuosität und Verspieltheit den Alltag vom frühen Aufwachen bis hin zum Abend vorzuführen. In der Choreographie von Thomas Guerry und der von Camille Rocailleux komponierten Musik wird der eigene Körper wie die ganze Bühne zum Klangraum. Beinahe wäre auch ein weiteres Tanztheater auf beiden Festivals zu sehen gewesen: „Rennen“ in der Choreografie von Ives Thuwis und Gregory Caers von Kopergietery Gent. Zwanzig junge Männer im Alter von 8 bis 31 Jahren rennen tatsächlich ständig aus der Tiefe der Bühne nach vorne und wieder zurück. Dabei entstehen immer neue kleine Variationen, die viel vom männlichen Konkurrenzdenken erzählen, mit dem Höhepunkt, dass das gesamte Bewegungsrepertoire sich mit dem Auftreten eines jugendlichen Mädchens verändert. Weil allerdings einige der darstellenden Tänzer gerade mitten im Abitur stehen, konnte diese Aufführung nicht in Stuttgart gezeigt werden.
Die Tendenz hin zu Formen eines Bewegungs- und Tanztheaters ist nicht neu, aber sie verstärkt sich, nicht nur auf der internationalen Ebene, sondern wird nun auch auf regionaler. So war in Nürnberg ein - weniger geglücktes - Experiment von „Das Papiertheater & DE LooPERS“, in Stuttgart ein getanzte Version des „Peer Gynt“ vom Landestheater Tübingen zu sehen. Ein ganz anderer Schwerpunkt zeigte sich im kreativen Umgang mit Schöpfungsgeschichten (bei panoptikum) und Märchen. So erzählt „Eine kleine Sonate“ der dänischen Gruppe 38 im Spiel mit Objekten wie Kartoffeln und Kartoffelpressen wird nach vielen Anläufen auf und um einem alten klapprigen Lieferwagen herum die Geschichte von „Rotkäppchen“. Und auch in Nürnberg war von der Jungen Oper Mannheim ein „Rotkäppchen“ in der Komposition von Georges Aperghis zu sehen, mit spielenden Musikern. (...).
(Manfred Jahnke)
Die deutsche Bühne, August 2010

Bericht vom 6. Kindertheaterfestival PANOPTIKUM
Es begann mit einer eigenwilligen Rotkäppchen-Bearbeitung – das vielfältige und dichte Programm des sechsten europäisch-bayerischen Kindertheaterfestivals panoptikum, das vom 9.-14. Februar in Nürnberg über die Bühne ging – mit über 4.000 Besuchern und zahlreichen ausverkauften bzw. fast durchgehend hervorragend besuchten Vorstellungen. Zur guten Tradition des Festival gehört es, alle Varianten der Darstellungskunst und, besonders reizvoll, Cross-over-Produktionen jeglicher Couleur für kleine Menschen vorzustellen. Da verbindet sich dann Schauspiel- mit Puppen-, Tanz- mit Objekttheater und läßt die Genregrenzen fließend werden. Denn darauf legen die Festivalmacher besonderen Wert: die Vielfalt der theatralen Möglichkeiten abzubilden und genreübergreifendes Theater zu zeigen.
Ein verbeulter dreirädriger Lieferwagen, ein Ei, das erst noch gelegt werden muß und ein leibhaftiges Huhn, das nicht so recht mitmachen mag, spielen die Hauptrollen im Stück „Eine kleine Sonate“ – mit fantastischer Erzählkunst dargeboten von der dänischen „Gruppe 38“. Die Nebenrollen sind besetzt mit einer runzligen Kartoffel (die gibt die Großmutter, was sonst?) und einer rostigen Kartoffelpresse (mit alter Kartoffelpampe verklebt: der räudige Wolf!). Mit ihrer kreativen und bezaubernd-witzigen Interpretation des Rotkäppchen-Krimis ist Bodil Alling und ihren beiden musikalischen Mitspielern – Søren Søndberg als machohafter Komponist am Kontrabaß und Christian Glahn als Tolpatsch am Akkordeon – eine fulminante Mischung aus Schauspieler- und Objekttheater gelungen. Die Fliegenklatsche muß als Gewehrersatz für den Jäger herhalten. Die Ladefläche des Kleintransporters verwandelt sich in eine geschachtelte Kulisse mit Tür, Hühnerstall, beleuchteten Kästchen und wunderlichen Schubladen. So steht weniger das grimme Märchen als eine überbordende Freude am Erfinden und Spielen und die Demonstration des „Making of“ im Mittelpunkt einer besten Laune verbreitenden Inszenierung.
Dies vom Bamberger „Theater der Schatten“ zu behaupten – präsentiert im Programmteil „Fokus Bayern“–, wäre eine rechte Übertreibung. Dabei konnte mit der Bautzenerin Therese Thomaschke ein bestens beleumundeter Name der Puppenspielerzunft für die Regie gewonnen werden, und Norbert Götz’ Fragen nach dem „Geheimnis der Engel“ – Wo kommen die geflügelten Himmelsboten eigentlich her? Wie werden sie geboren? Was wissen sie von den Menschen? – bieten Stoff für eine veritable Geschichte. Statt dessen: Ein onkelhafter Von-oben-herab-Ton, ermüdender Physikunterricht der Marke „light“ zum Wesen des Lichts, schlampig projizierte Schattenrisse detailverliebter Laubsägearbeit (der man die vielen Stunden im Bastelkeller ansah) und eine arg schlichte Geschichte – die dann und nur dann an Reiz gewann, wenn Götz nicht gegenständlich mit Licht spielte und so die Unfaßbarkeit der „Wesen aus Licht“ faßbar machte.
Von ganz anderem Kaliber und – mal wieder – die einzige deutsche Gruppe, die es mit der internationalen Konkurrenz aufnehmen konnte: das Puppentheater aus Halle, das fast wie ein Kommentar zu den Bambergern wirkte. Taugt eine zerknüllte Papierbahn im Schattenriß zum Fels oder muß das Bäumchen filigran geschnitten sein? Naturalistisch vorgebastelt also oder frisch improvisiert? – Lars Frank und Uwe Steinbach sind sich höchlich uneins über die rechte Erzählweise: „Aller Anfang“ heißt ihre Adaption der biblischen Schöpfungsgeschichte, in der sie sich über den Stil der Welt-Neuerfindung streiten. Wenn die beiden Spieler ihr Material erkunden und ihm Bedeutung zuweisen, wenn sie mit dem Einfallswinkel der Lichtquelle experimentieren, um perspektivische Verzerrungen der Schatten und ihre veränderliche Größe zu untersuchen, wenn das Papierzerknüllen als Kunst entdeckt wird – und wenn bei alldem ein wenig die Geschichte auf der Strecke bleibt –, dann meint man, in einer Schöpfer-Werkstatt zu sitzen und nichts weniger als der faszinierenden Erschaffung der (Theater-)Welt in Sechs-Tages-Schritten beizuwohnen – ein bißchen Live-Musik gibt’ gratis dazu. Die (vorhersehbare) Moral, daß es zusammen einfach besser geht als gegeneinander (und daß jedem Anfang nicht nur ein Zauber, sondern auch ein Ende innewohnt), kommt auf leisen Sohlen und gänzlich unaufdringlich daher.
Auf dem vorletzten Festival präsentierte sich das Papiertheater des Nürnbergers Johannes Volkmann im Weltklasseformat – entsprechend hoch waren die Erwartungen, als im Rahmen von panoptikum zur Premiere gebeten und „eine ungewöhnliche Mischung aus Materialästhetik und Tanz“ versprochen wurde. Die annoncierte Kooperation des Papiertheaters mit dem Bremer DE LooPERS Tanztheater unter dem Titel „Ich sehe was … was du nicht siehst!“ enttäuschte jedoch auf ganzer Linie. Weil das Spiel mit Licht- und Schattenbildern, mit getanzten Körperknoten und geklecksten Farbmännchen, mit gerissenem und geknülltem Papier wirkte wie das dramaturgiefreie Ergebnis eines matten Wochenendworkshops, „knisterte das Papier mehr als das Ergebnis“, wie die Nürnberger Abendzeitung mit treffend harten Worten berichtete. Nur selten gelangen zwischen Licht und Schattenriß poetische Bilder, die dem Zuschauer – dem Titel folgend – die Möglichkeit zur individuellen Interpretation ließen.
Auf der Grenze zwischen Tanz und experimentellem Objekttheater bewegt sich die italienische „Compagnia T.P.O.“ Eine Tanzfläche, über die buntscheckige Objekte huschen: das ist „Der gemalte Garten“. Die psychedelisch anmutenden Objekte jedoch sind zweidimensionale, denn der Maler Rebwar Saaed schickt seine Assoziationen zu einem kurdischen Garten via an der Decke befestigtem Beamer auf den Tanzteppich und macht ihn so zur Leinwand und – überflüssigerweise – zur Mitmachbühne, um die sich die Zuschauer strumpfsockig gruppieren. Geometrische Harmonien, wuchernde Muster und Farbkleckse mutieren zu Fischen, Bäumen, Blättern und fliegenden Teppichen. Wie die computeranimierten Objekte über die Projektionsfläche hüpfen, rotieren und gleiten, so hüpfen, rotieren und gleiten auch die beiden Tänzerinnen und mühen sich mit stummer Gebärde, auf daß die Kinder es ihnen gleichtun und flüchtigen Farbflecken hinterherjagen mögen. Das ist gut gemeint, funktioniert schlecht – und läuft sich schnell tot, denn Nintendos Wii bietet abwechslungsreichere und herausfordernde Spiele mit mehr Interaktivität und Kreativität.
Spektakulär dagegen „Der kleine russische Zirkus“ des Viktor Antonov aus St. Petersburg, der wie wenig andere die hohe Kunst des Spiels mit der Trickmarionette beherrscht. Sein Miniaturzirkus – 2 mal 3 Meter Spielfläche reichen ihm völlig aus – ist bevölkert von exotischen Artisten und dressierten Tieren – von drei Affen etwa, die über- und untereinander durch die Manege purzeln und waghalsige Kunststückchen vorführen. Höchstens 40 cm hoch sind die Marionetten und kleine Kunstwerke, die den Zuschauer in Staunen und Entzücken versetzen. Poesie, Humor, präzises Timing und höchste puppenspielerische Meisterschaft machen die Aufführung zu einem ganz besonderen Erlebnis für Groß und Klein.
Von ähnlicher Qualität muß das preisgekrönte Figurenstück „Ente, Tod und Tulpe“ nach dem Bilderbuch von Wolf Erlbruch gewesen sein, dargeboten vom „Theaters Couturier & Ikkola“ aus Dresden, das der Berichterstatter nicht selbst sehen konnte. Der Kollege der Nürnberger Nachrichten jedenfalls berichtete von einer „federleichten Auseinandersetzung mit dem Tod, bei dem das Trio auf der Bühne sämtliche Möglichkeiten des Genres großzügig ausschöpft.“ Nicht auf den schnellen optischen Effekt hätten die Spieler gezielt, „sondern mit beeindruckenden Bildern eine tiefgründige Geschichte erzählt. Ganz groß!“
Zum Auftakt von panoptikum stand allen Beteiligten der Schreck über das drohende Aus für das Erlanger Figurentheaterfestival noch ins Gesicht geschrieben. Von einem „Zeichen, das Angst macht“ sprach Andrea Maria Erl, künstlerische Leiterin des alle zwei Jahre stattfindenden Festivals. Doch hat der Hauptsponsor, die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK), ihre Unterstützung für 2012 bereits fest zugesagt. Es wäre verwunderlich, wenn das Land Bayern und die Stadt Nürnberg als weitere Financiers der benötigten 190.000 Euro einen Rückzieher machen würden. Wir können uns also bereits heute auf die siebte Ausgabe von panoptikum freuen.
(Tristan Berger)
Spielart Berlin, April 2010

Panoptikum zog positive Bilanz
Das Kindertheaterfestival «panoptikum», das am Sonntag zu Ende ging, hat mit sehr vielen gut besuchten und etlichen ausverkauften Vorstellungen insgesamt über 4000 Zuschauer angelockt, sehr zur Freude des Veranstaltungsteams vom gastgebenden Theater Mummpitz. Für den Februar 2012 ist das nächste Festival dieser Art geplant.
Nürnberger Zeitung, 16.2.2010

Blüten, Balz und Balgerei
Über 4.500 Besucher kamen zum 6. Kindertheaterfestival "panoptikum". Zwischen Botanik und Projektionen machte zum Finale vor allem das gefeierte "Rennen" aus Belgien Eindruck
Auch eine kleine Schwächelperiode auf der Zielgeraden konnte den Gesamteindruck dieses 6. Kindertheaterfestivals "panoptikum" nicht trüben. Mit dem "Rotkäppchen" der Jungen Oper Mannheim als Schlusspunkt und dem "Rennen" des belgischen Jungs-Rudel Kopergietery als mächtig bewegtem und bewegenden Höhepunkt am Abend davor in der (natürlich) ausverkauften Tafelhalle schwebte das Publikum mit dem Veranstaltern um "Mummpitz"-Chefin Andrea Maria Erl auf Laune-Wolken. Mehr als 4500 Besucher unterstreichen die Akzeptanz: "Das Festival ist angekommen in der Stadt", sagt Erl.
Pflanzen, Tänzer, Projektionen: Das reinrassige Schauspiel war klar in der Minderheit in diesen Tagen. Und hinterließ auch nicht den stärksten Eindruck. Bei der Gruppe fünfnachbusch aus Bern etwa, die sich mit "Absolute Anfänger" in die Botanik schlägt, landen Eintagsfliege und Zeitrasen im Spinnennetz der kochbegeisterten Besitzerin und zappeln flügelschlagend in der Phantasie. Der Nürnberger Johannes Volkmann kreuzt sein Papiertheater mit dem Bremer DE LooPERS Tanztheater. Aber bei der Uraufführung im K4-Festsaal knisterte das Papier mehr als das Ergebnis, das sich auf Platons Höhlengleichnis stützt. "Ich sehe was, was du nicht siehst" nimmt mit Overhead-Projektor und Schattenspiel langen Anlauf in Aha-Effekte. Körperknoten und Keith-Haring-Männchen und Rieselsand als Bleigießen mit Papier: Geknülltes mit Wahrsager-Bedeutung.
Auch die italienische Compagnia T.P.O. bewegt sich mit "Der gemalte Garten" auf der Experimental-Kante zwischen bildender Kunst und Bewegung. Strumpfsockig sitzen die Besucher um die weiße Bildfläche auf dem Boden herum, die Leinwand, Tanzfläche und Mitmachbühne in einem ist. Von der Decke tropfen aus einem Beamer wuchernde Muster und knallende Farbkleckse. Herzen, Amöben, Fische, Bäume, Blätter, Teppiche rotieren wie die beiden Tänzerinnen im Oriental-Ornat. Gleitende Bilder aus dem milden Kurdistan mit realem Springbrunnen und Computeranimationen entstehen. So richtig greifen will das Interaktiv-Angebot an die Kleinen, flüchtigen Farbflecken hinterherzujagen, mit Händen und Füßen wie im Videospiel festzuhalten, auf Dauer aber nicht.
"Immer das Gleiche" stöhnte ein Mädchen in eine Pause von "Rotkäppchen" hinein. Stimmt: Charles Perraults moralisches Märchen wird beim Gastspiel aus Mannheim als mehrstimmiger Sprechgesang gedreht und gewendet, dazu spielen sechs Musiker leichtfüßig Neutönendes und alle Rollen. Auf der Drehbühne wird die drunterliegende Verführungsgeschichte sichtbar. Alles eine Frage der richtigen Sockenfarbe. Das hat kleinere Längen, aber vor allem ironischen Witz. Chapeau!
Selbstbewusst aus der Reihe tanzte "Rennen". Was die Zielgruppe anging. Und den Ansatz. Auf der weit aufgerissenen Tafelhallen-Bühne schwärmen 20 Männer (von Acht bis Halbglatze) zur mitreißenden Männlichkeitsstudie aus. Aus dem vermeintlichen Monoton-Lauf entwickelt sich choreographische Raffinesse, komponiertes Cinemascope-Chaos und trockenen Witz unter geblähter Testosteron-Wolke. Taumelnd, stolpernd, selbstüberfordert marschiert der Pulk durch wummernde Drum'n'Bass-Attacke und "Rebel"-Posen. Brunftschrei und Kollaps, Apfelschlacht und Agonie, Balgerei und Balz um einen aus dem Nichts auftauchenden Minirock, Griff ans Patriotenherz und ans Gemächt in rasender Folge. Dazwischen kleine Schläge auf den Hinterkopf – sie erhöhen das Tanzvermögen. Am Ende rasender Jubel.
Größer, weiter, länger soll "panoptikum" 2012 (die finanziellen Weichen sind schon gestellt) trotz sichtbarer Nachfrage nicht werden: "Dann machen wir es kaputt", meint Erl. "Jetzt kann man es überblicken. Wenn wir es aufblasen, verliert es den Charme."
(Georg Kasch / Andreas Radlmaier)
Abendzeitung, 15.2.2010

Panoptikum: Furioses zum Finale
In Nürnberg endete das Kindertheaterfestival Panoptikum
Zwei freche Versionen des Märchen-Klassikers «Rotkäppchen» bildeten in Nürnberg die Klammer der 6. Ausgabe des internationalen Nürnberg-Augsburger Kindertheaterfestivals Panoptikum. Dazwischen zeigte sich die Szene in ihrem ganzen Facettenreichtum - Licht- und Schattenseiten inbegriffen.
Die Vielfalt der Sparte, meist volle Reihen bei den Aufführungen, ein aufgeschlossenes, interessiertes Publikum und Diskussionen über die Stücke zwischen den Stücken: All das gab’s bei Panoptikum - und all das war zwischen den Zeilen auch immer ein Verweis auf Erlangen, wo dem renommierten Figurentheaterfestival das Aus droht. Doch anders als die Kollegen in der Nachbarstadt blicken die Organisatoren von Panoptikum zuversichtlich in die Zukunft. «Wir gehen davon aus, dass es 2012 das 7. Festival geben wird», sagt Andrea Maria Erl. Die Planungen dafür haben bereits begonnen.
Für das diesjährige Kindertheatertreffen zieht Erl zufrieden Bilanz: «Ich denke, wir haben eine große Bandbreite gezeigt, sind auch an die Ränder der Sparte gegangen und haben nicht nur gefällige Stücke präsentiert. Das wurde vom Publikum gut angenommen.» Wobei sich unter das aufgeschlossene Publikum, abgesehen von den internationalen Fach-Besuchern, auch Erwachsene ohne Vorzeige-Kind mischten.
Zu sehen bekamen die großen und kleinen Theatergäste einen Kessel Buntes, gemixt von Truppen aus Nürnberg, Deutschland, Dänemark, Belgien, Italien, der Schweiz, Frankreich und Russland. Gleich zum Auftakt setzte die dänische «Gruppe 38» mit ihrem bezaubernd-witzigen Rotkäppchen-Krimi einen strahlenden Glanzpunkt, und ganz nebenbei zeigte sich im direkten Festival-Vergleich auch, dass die Nürnberger Kindertheater in der ersten Liga der Sparte mitspiele
Licht und Schatten spielten nicht nur in vielen der Gast-Produktionen eine Rolle, sondern waren auch in Sachen Qualität auszumachen. Ein vielversprechendes Thema - die Bedeutung der Zeit im Leben einer Eintagsfliege - verschenkte die Schweizer Truppe «fünfnachbusch» mit ihrem bemühten Stück über zwei hopsende Fliegen und eine männermordende Spinne, das kindgerechten Charme und Witz ebenso vermissen ließ wie Tempo und Fantasie.
Fantasie kann man dem Nürnberger «Papiertheater»-Macher Johannes Volkmann nicht absprechen. Der ist zwar nicht der große Geschichtenerzähler und wartet in seiner dem Festival als Premiere beigesteuerten Produktion «Ich sehe was . . . was du nicht siehst» entsprechend mit Versatzstücken auf. Zudem setzt er zusammen mit dem Choreographen Willfried van Poppel und der Tänzerin Amaya Lubeigt mitunter auf die sprichwörtliche Geduld von Papier (und Publikum). Trotzdem gelingen ihm zwischen Licht und Schattenriss poetische Bilder, die den Zuschauern oft die Möglichkeit zur ganz individuellen Interpretation lassen.
Ein klein wenig Geduld braucht man auch bei der belgischen Produktion «Rennen», die insofern aus dem Festivalrahmen fällt, als dass sie nicht für Kinder, sondern für Menschen ab zwölf ist. 20 Jungs zwischen acht und 31 Jahren laufen zunächst zu treibenden Beats einfach nur auf und ab. Minutenlang. Aber wehe, wenn sie losgelassen. Der Pulk driftet langsam auseinander, einzelne Mitglieder lösen sich, fangen an zu stolpern, zu hüpfen, zu schreien, zu tanzen. Plötzlich stehen sie da, aufgereiht wie die Orgelpfeifen, eine Hand ans Herz, die andere ans Gemächt des Nachbarn, und singen die Hymne. «Wann ist ein Mann ein Mann?» lautet die allumfassende Frage dieses furiosen Tanztheater-Stückes von Ives Thuwis und Gregory Caers, das seinen Darstellern jede Menge Kondition abverlangt. Eine im wahrsten Sinne des Wortes bewegte Performance, voller Witz, Schweiß, Testosteron, Sinn und Unsinn. Ganz große Klasse!
Die Frage, ob Kinder viel mit selbstgemachter, freejazzartiger Musik und redundanter Erzählweise anfangen können, wird zum Festival-Finale dagegen offen aus dem Zuschauerraum beantwortet: «Immer das Gleiche!», kommentiert der Kindermund da seufzend. Dabei wird das «Rotkäppchen» der Jungen Oper Mannheim frech, witzig und ideenreich auf der Drehbühne erzählt - ist aber vielleicht doch eine Spur zu erwachsen.
(bin/she)
Nürnberger Nachrichten, 15.2.2010

„Rennen“ in der Tafelhalle
Schweiß tropft, Köpfe glühen, offene Münder schnappen nach Luft. Etwa 20 Jungen und Männer zwischen 8 und 31 Jahren rannten am Samstag in der Tafelhalle bis zur totalen Verausgabung. Scheinbar ohne festes Ziel, mit einer nahezu raubtierhaften Verbissenheit nahm das belgische Ensemble Kopergietery (Kupfergießerei) die «Panoptikum»-Besucher mit auf einen testosterongeladenen Dauerlauf durch die Welt von Männern.
«Rennen» heißt die manchmal komische, manchmal nachdenkliche, aber immer energiereiche Performance. Zu treibenden Techno-Beats zeigen die Darsteller tänzerisch Wohl und Wehe des «Mannseins» und des Erwachsenwerdens: Konkurrenzkampf, Gruppendynamik, Erfolg bei Frauen, physische Präsenz – das sind Themen, die die Gruppe um Regisseur Gregory Caers und Choreograf Ives Thuwis auf die Bühne bringt. Neben einigen Profitänzern stehen bei diesem Tanz- und Bewegungsstück Kinder und Jugendliche aus Gent auf der Bühne.
Wie ein Schwarm bewegt sich das Ensemble anfangs. Mal springt einer aus der Reihe, mal kommt einer ins Straucheln – und wird dann meist von anderen Männern wieder mitgezogen. Dann rennen die Akteure wild und chaotisch durcheinander, rempeln sich an. Aber alle folgen einem ungeschriebenen Gesetz: Niemand möchte der erste sein, der aufhört.
Die Gruppe Kopergietery nimmt typisch männliche Rituale und Verhaltensweisen auf die Schippe: Etwa Fußballer, die bei der National-Hymne nicht nur an ihr Herz, sondern auch auf das beste Stück ihres Nebenmanns langen. Oder Schabernack, den sich ein Junge während einer todlangweiligen Andacht ausdenkt: Aus einer Kopfnuss wird bald ein Gerangel der ganzen Gruppe.
Manch harmloses Spiel entwickelt eine Eigendynamik: Erst werfen sich die Darsteller locker, ja fast nebenbei Äpfel zu. Kurz darauf entsteht ohne erkennbaren Anlass eine Schlacht: Völlig ekstatisch bombardieren sich die jungen Männer mit den Äpfeln, bis nur noch Brei übrig ist.
Fast ebenso schnell wie der Kampf begonnen hat, hört er auch wieder auf: Eine junge Frau in roten Stöckelschuhen und Minikleid läuft durch die Reihen und zieht die Aufmerksamkeit auf sich.
Wer ist hier der tollste Hecht?
Nun wird gebalzt und gebuhlt: Wer ist hier der tollste Hecht? Wer kann bei der schönen Frau landen? Nun rücken die einzelnen Persönlichkeiten und ihre Gefühlszustände ins Rampenlicht: Während die einen forsch ihr Ziel verfolgen, beobachten andere schüchtern das Geschehen von der Ferne, einige haben sich völlig abgewandt. Mit einem Schlussspurt endet das Tanz- und Bewegungsstück nach einer guten Stunde. Die Darsteller haben sich völlig verausgabt und genießen den langen Beifall der «Panoptikum»-Besucher.
«Rennen» passt zwar nicht so ganz ins Konzept des Kindertheater-Festivals, da es ein Stück für Jugendliche und Erwachsene ist. Auf jeden Fall ist die energiegeladene Produktion, die sich völlig neuartig und humorvoll dem Thema Männlichkeit nähert, geeignet, junge Leute für diese Theaterform zu begeistern.
(Clara Grau)
Nürnberger Zeitung, 15.2.2010

Eröffnung des Festivals "Panoptikum"
Theater im Schatten der Krise
„Es ist noch möglich, in unserer Region ein Theaterfestival zu eröffnen. Zumindest hier in Nürnberg“, sagt Julia Lehner. Ein deutlicher Seitenhieb der Nürnberger Kulturreferentin, die mit Unverständnis auf Pläne der Erlanger CSU und FDP reagiert, auf das Figurentheaterfestival 2011 zu verzichten. Die sechste Auflage von "panoptikum" läuft noch bis 14. Februar, geboten ist eine Mischung aus internationalen und hiesigen Produktionen.
Am Dienstag fiel der Startschuss zum diesjährigen Kindertheaterfestival. Im Rahmen ihres Grußwortes stellte Lehner die Wichtigkeit einer solchen Veranstaltung in den Mittelpunkt. "Kulturelle und ästhetische Bildung sind bei Sonntagsreden von Politikern sehr beliebte Schlagworte. Doch reden allein genügt nicht", mahnt die CDU-Politikerin. Trotz aller Depression, den Nürnbergern gehe es im Bereich Kindertheater noch verhältnismäßig gut.
"Panoptikum" richtet sich nicht alleine an Kinder und Jugendliche, sondern auch an alle Junggebliebenen. Als musikalische Untermalung wählte ein Trio um Multiinstrumentalistin Bettina Ostermeier Stücke des Aufbruchs. Ob die Rolling-Stones-Nummer "Start me up" oder der Beginn von "Also sprach Zarathustra" von Richard Strauss: So oft wurde der Begriff Anfang selten bei einer solchen Veranstaltung bemüht. In diese Kerbe schlug auch Andrea Maria Erl. "Kultur eröffnet Welten. Wir öffnen Welten für Kinder", unterstreicht die künstlerische Leiterin des Kindertheaterfestivals: Das Programmangebot wecke beim Nachwuchs Neugierde und dieser langanhaltende Prozess sei nicht mehr aufzuhalten. "Alle Menschen haben ein Recht auf Kultur!"
Das Angebot 2010 beinhaltet unterschiedliche Facetten. 21 Ensembles aus acht Ländern sind in Nürnberg zu Gast und geben einen Einblick in die diversen Strömungen des zeitgenössischen Kindertheaters. (...).
(Thomas Susemihl)
Nürnberger Zeitung, 11.2.2010

Kartoffel-Matsch im Märchenwald
Zum Start zeigte das 6. Nürnberger „panoptikum“-Festival lauter gelungene Anfänge und feiert sich mit einem opulenten Feuerwerk.
So viel Anfang war selten: Als Andrea Maria Erl, künstlerische Leiterin des „panoptikum“-Festivals, zur Begrüßung lauter Start-Parolen ausgab, war noch nicht klar, wie viel davon drinsteckt in diesem 6. Internationalen Kindertheaterfestival. Eigentlich riecht es in Zeiten wie diesen eher nach Ende. Und so ätzte Kulturreferentin Julia Lehner in Richtung Erlangen: „Freuen wir uns, dass es in unserer Region noch möglich ist, Theaterfestivals zu eröffnen“.
„Uns geht es im Vergleich mit anderen Kommunen noch gold“, heißt ihre Durchhalteparole. Aber wie lange noch? Erl jedenfalls zitierte sicherheitshalber noch Lehners Vorvorvorgänger Hermann Glaser: „Kinder haben ein Recht auf Kultur!“ Der Schirmherr und Kunstminister Wolfgang Heubisch vernahm’s nicht — wegen anderer Verpflichtungen. Auch viele internationale Gäste nicht — sie hingen in der Luft, weil am Flughafen gestreikt wurde.
Von Krise und Festival-Aus aber war auf der „panoptikum“-Eröffnung zwischen Reden, Sekt und den fröhlichen Musikgeschichts-Zitaten des Trios Bettina Ostermeier, Peter Pelzner und Robert Stephan nicht viel zu spüren. Sicher: Das Schicksal des Figurentheaterfestivals und Geldmangel bleiben prägende Diskussionsthemen. Aber auch die Vorstellung von „Eine kleine Sonate“ der dänischen Gruppe 38. Die Produktion erzählt das „Rotkäppchen“-Märchen als fulminante Mischung aus Schauspieler- und Objekttheater. Bevor die resolute Bodil Alling auf einer Mini-Bühne mit Ei, Kartoffel und Fliegenklatsche von Rotkäppchens Schicksal erzählt, muss sie ihre stoffeligen Musiker ermahnen und die fehlenden Siebensachen auftreiben. Herrlich, wenn das lebende Huhn ein Mitspielen verweigert und Alling leicht verschnupft auch noch den Mutterpart übernimmt. Oder wenn der Kartoffelpressen-Wolf splatternd die Kartoffel-Großmutter frisst — ein Feuerwerk des anarchischen Witzes, bejubelt von den Erwachsenen wie von der Handvoll Quoten-Kinder.
Ein echtes, theaterspektakelndes Feuerwerk feierte bei Eiseskälte die zehn Jahre, die es „panoptikum“ gibt: Auf der stoppeligen Brache vor dem Kachelbau ließen Die Pyromantiker aus Berlin in wallenden Perücken die Feuertheater von Versailles aufleben. Und entfachten trotz Ton- und Kältepannen opulente Neuanfänge mit sprühenden Leuchtfeuern, Sternenregen und Goldkaskaden.
Spektakulär bleibt es beim „Kleinen russischen Zirkus“ aus St. Petersburg, wo die Marionetten mit den Augen, Bärten und Hüften wackeln und immer tollkühnere Kunststückchen abliefern. Eine akrobatische Leistung von Puppenbauer und -spieler Viktor Antonov, die sich in der Revue etwas erschöpft.
Alles auf Anfang dagegen wieder beim Puppentheater Halle: „Aller Anfang“ heißt die freie Adaption der biblischen Schöpfungsgeschichte, in der sich zwei Spieler über den Stil der Welt-Neuerfindung streiten. Vorgebastelt? Frisch improvisiert? Mit Livemusik, Schattenspiel und Holzspielzeug erschaffen sie ihre Miniatur-Welt in Sechs-Tages- Schritten — auch dank der Moral, dass es zusammen einfach besser geht als gegeneinander.
Ihre Neben-Erkenntnis, dass auch ein Anfang ein Ende hat, setzt das „panoptikum“-Festival am 14. Februar stilecht um und schließt, wie es begann, mit einer „Rotkäppchen“-Adaption. Für die Musiktheater-Produktion aus Mannheim (11 und 14 Uhr im Theater Pfütze) gibt es — oh Wunder — noch Karten (Tel. 0911/ 6000525).
(Georg Kasch)
Abendzeitung, 11.2.2010

Panoptikum» ist für die Kleinen das Größte
Das Kindertheaterfestival bietet seinen Besuchern viele kreative, außergewöhnliche und lustige Stücke
Noch bis Sonntag läuft das Kindertheaterfestival Panoptikum. Schon zur Halbzeit steht fest, dass sich hier eine äußerst bunte, lebendige und facettenreiche Sparte präsentiert. Im folgenden einige Impressionen aus dem Reich der Geschichten.
«Ich bin schon in deiner Nähe, seit du lebst», sagt der Tod zum Enterich. «Du hast mich nur nie bemerkt.» Und das stimmt: Wenn das gemütliche Federvieh alte Urlaubsfotos betrachtet, dann ist der kalte bleiche Schädel stets im Hintergrund zu sehen. Eine furchteinflößende Entdeckung, die in dem Stück «Ente, Tod und Tulpe» gemacht wird. Trotzdem freunden sich der Schnitter und der Schnabel sachte an. Gemeinsam gründeln sie im Teich, klettern auf Bäume, spielen und singen - bevor die Natur ihr Recht fordert.
Das preisgekrönte Figurenstück vom Theater Couturier & Ikkola ist eine federleichte Auseinandersetzung mit dem Tod, bei dem das Trio auf der Bühne sämtliche Möglichkeiten des Genres großzügig ausschöpft. Dabei wird jedoch nicht nur auf den schnellen optischen Effekt gezielt, sondern mit beeindruckenden Bildern eine tiefgründige Geschichte erzählt. «Eigentlich ist er gar kein so schlechter Kerl», sinniert der Enterich über seinen neuen Freund, den Tod. «Wenn man davon absieht, wer er wirklich ist.» Ganz groß!
Vor zwei Jahren ließ die dänische Truppe «Carte Blanche» ihr Publikum noch auf allen Vieren in die abenteuerlichsten Fantasie-Räume kriechen. «Kaleidoskop» hieß die alle Sinne fordernde Produktion. So spektakulär wurde es diesmal nicht, aber ebenso poetisch: «Im Schatten der Zeit» heißt die Collage, in der zwei Schauspielerinnen zwischen Licht und Dunkel versuchen, das Hier und Jetzt auf dem unendlichen Zeitstrahl zu erhaschen. Wo ist der Anfang, wo das Ende von allem? Als Antwort auf diese Frage entstehen mit Hilfe von elastischem Stoff putzige Wesen aus Lehm, tanzen Lichtflecke zur Musik, tut sich ein ungeheures Zeitloch auf. So entsteht zwar keine zusammenhängende Geschichte, dafür viele hübsche optische Effekte, die einen allerdings etwas ratlos zurücklassen - nicht nur weil meist dänisch gesprochen wird.
Was für ein Lärm! Jedes Kind wäre beglückt, wenn es sich in seinem Zimmer so geräuschvoll an Trommel, Xylophon und den Körpern der Geschwister austoben könnte wie die Mitglieder des französischen Ensembles «Cie. Arcosm» bei ihrem wortlosen, dafür aber umso lauteren Tanztheater-Stück «Echoa». Ausgestattet mit bewundernswertem Timing erzählen die Akteure keine Geschichte, sondern erschaffen kleine Szenen: Menschen beim Angeln, Menschen beim Flirten, Menschen im ewigen Kampf zwischen Duell und Duett. Doch auf die Dauer ermüdet das redundante Spiel mit Licht und Schatten, Stille und Schall, Ernst und Blödelei. Urkomisch gelingt allerdings eine Sinfonie des Schnaufens, bei der die vier Darsteller hektisch um die Wette hecheln.
Viktor Antonov lebt in seiner eigenen Welt. Die ist zwei mal drei Meter groß und wird von einem guten Dutzend Artisten bevölkert, denen der Marionettenkünstler Leben einhaucht. So wird «Der kleine russische Zirkus» zu einem Erlebnis nicht nur für die kleinen Zuschauer. Da sind drei Affen, die über- und untereinander durch die Manege purzeln und waghalsige Kunststückchen vorführen – wobei der kleinste der drei, der noch eine Windel trägt, immer begeistert mit den Füßen applaudiert. Mit dabei sind auch ein Messer schluckender Scheich und ein Feuer spuckendes Kamel. Nicht zu vergessen natürlich der putzige Clown, dem ein singender Vogel auf der langen Nase sitzt und der mit dem Piepmatz im Duett singt. Kein Wunder, dass das Teatr Kulkony Format bereits zweimal einen russischen Theaterpreis gewonnen hat.
(gnad / bin / she / vp)
Nürnberger Nachrichten, 12.2.2010

Zauberhafter Auftakt des Festivals Panoptikum
Kindertheaterwoche in Nürnberg mit Charme, Witz und Zuversicht
Die Organisatoren des 6. Nürnberger Kindertheaterfestivals Panoptikum haben wieder mal alles richtig gemacht: Vom locker-familiären Eröffnungsakt über das zauberhafte Auftaktstück bis zum üppigen Feuerwerksspektakel ist bei der Eröffnungsfeier beim Theater Mummpitz im Kachelbau alles bestens gelungen. Das Zielpublikum musste man bei dem Fest, das unter dem Motto «Anfang« stand, allerdings unter all den Erwachsenen mit der Lupe suchen.
Klar, das drohende Damoklesschwert über dem Figurentheaterfestival der Nachbarstadt Erlangen war auch für die vertraute Panoptikum-Gemeinde ein Thema. Selbst wenn Kulturreferentin Julia Lehner betonte, dass es «uns in Nürnberg« vergleichsweise noch «gold« gehe. Manch einer wertete das als ausdrückliches Bekenntnis zum Nürnberger Teil des Figurenfestivals. Auch «Panoptikum« ist bisher von Kürzungen verschont geblieben. Der obligatorische Applaus nach der Nennung von Geldgebern und Unterstützern fiel deshalb vielleicht eine Spur ehrlicher aus als sonst. Und während Festival-Gäste aus Frankreich und Japan wegen des Streiks am Nürnberger Flughafen noch im deutschen Luftraum kreisten, brachte das famose Trio mit Bettina Ostermeier (Akkordeon), Peter Pelzner (Gitarre) und Robert Stephan (Saxophon) das Publikum mit frechen Cover-Versionen in beste Festivalstimmung.
Verspielter Charme
Die noch zu steigern, gelang den drei großartigen Schauspielern der «Gruppe 38« aus Dänemark danach mit links. In ihrem zauberhaftem Stück «Eine kleine Sonate« punktet das Trio nicht nur mit einem leibhaftigen Huhn (das nicht allzu viel zu tun hat), sondern mit verspieltem Charme und direktem Draht zum Publikum. Dass da die Geschichte vom Rotkäppchen variiert wird, ist eher Nebensache. Vielmehr zelebriert das Trio mit Musik und wenigen, hübsch nostalgischen Requisiten ein sachte subversives und mit Bedacht improvisiertes «Making-of«. «Wie anfangen?«, lautet die Frage, die eine selten spaßige Verzögerung nach sich zieht, bevor sich ein dreirädriger Retro-Pritschenwagen fix in die Kulisse für die eigentliche Geschichte verwandelt.
In der wird ein Ei zum putzigen Rotkäppchen, eine runzelige Kartoffel zur Großmutter. Als Wolf tut’s eine rostige Kartoffelpresse, in der, man ahnt’s, die «Großmutter« schließlich grausam zu Brei gequetscht wird. Kleine Mittel, große Wirkung in einem Stück, das einfach gut gemachtes Theater in den Mittelpunkt rückt und die Didaktik außen vor lässt.
Feuerwerk mit Ironie
Auf den gekonnt verzögerten Anfang setzten danach auch die im Stil von Louis XIV. ausstaffierten Berliner Pyromaniker mit ihrer Monty-Python-mäßigen Barock-Feuerwerks-Show. Das aufwendig inszenierte Spektakel an der Feuertonne wollte sich zwar trotz der eisigen Temperaturen keiner der Panoptikum-Gäste entgehen lassen, die erwünschten Zaungäste aus der Leonharder Nachbarschaft erschienen dagegen nur spärlich.
Eine unaufdringlich didaktische Note zwischen den Zeilen, keineswegs den mahnenden Zeigefinger, brachte tags darauf das Puppentheater Halle in die Tafelhalle. Da waren die Erwachsenen in den vollen Zuschauerreihen längst wieder in der Minderzahl. Ums Anfangen geht es auch hier, nämlich um nichts Geringeres als um die Erschaffung der Welt.
Was die beiden Schauspieler mit Objekten, Licht, Schatten und viel Witz, Fantasie und Musik darstellen, lässt sich trefflich auf zwei Ebenen lesen. Denn hinter der Schöpfungsgeschichte steckt mehr, als auf den ersten Blick zu erkennen ist. Da zeigen die beiden Herren mit Zylinder, wie schwer es sein kann, auf Befehl kreativ zu sein oder sich unter Druck «vom Nichts« inspirieren zu lassen. Viel einfacher ist es, im Team zu arbeiten und mit vereinten Kräften etwas Schönes zu erschaffen. Dann sieht die Welt gleich ganz anders aus. Solche und andere Entdeckungen können Kinder beim Festival noch bis kommenden Sonntag machen.
(Birgit Nüchterlein)
Nürnberger Nachrichten, 11.2.2010

Rotkäppchen mit Ei und Kartoffelbrei
Gemütlich-kuschelig machte es die Gruppe 38 ihren jungen Zuschauern. Direkt auf der Bühne auf Holzbänken, Aug in Aug mit den Darstellern, platzierte Schauspielerin Bodil Alling die Kinder zum Auftakt des Theaterfestivals Panoptikum im abraxas. Mit Raffinesse gestaltete die dänische Truppe auf dem Transporter ihr witzig-pfiffiges Stück „Eine kleine Sonate“.
Im Fahrerhäuschen sind Soren Sondberg und Christian Glahn eingezwängt, hören Radio, bis es an die Vorstellung geht. Sie reagieren gelassen auf die schimpfende Alling. Auf der Ladefläche sitzt ein Huhn. Im Laufe der schwierigen Vorbereitungen gesellen sich weitere Figuren dazu, die entweder verschwunden oder gegessen oder sonst wie verloren gingen: ein Ei (Rotkäppchen), das erst noch gelegt werden muss, eine alte Kartoffel aus dem Müll (die Oma), eine „total verklebte Kartoffelpresse, die abgewaschen aussehen soll“ (der Wolf) und statt dem Gewehr eine Fliegenklatsche.
Die umgeklappte Ladefläche verwandelt sich in eine geschachtelte Kulisse mit Tür, Hühnerstall, beleuchteten Kästchen und Schubladen. Mit reichlich Charme präsentierten die Erzählerin, ein cooler, machohafter Komponist am Kontrabass und ein Tollpatsch am Akkordeon das Märchen von Rotkäppchen einmal ganz anders. (juni)
Augsburger Allgemeine Zeitung, 10.2.2010

Erziehung & Emotionen
Kinder bedeuten Glück und Zuneigung, aber auch Chaos und Widerstand. Erziehung als Spannungsfeld brachte die Performance „How can we hang on to a dream“ zum Festival Panoptikum im abraxas auf die Bühne. Diese Nürnberger Produktion führte Grundschüler und internationale Performer zusammen.
Aus Sicht der Kinder erzählt das Stück von Erziehung, Kontrolle, Fürsorge, Liebe und Wut. Schlagworte wie „Müssen“, „Sollen“ oder „Dürfen“ standen auf großen Kartons, die ein variables Bühnenbild bildeten - mal als undurchdringliche Wand, mal als bewegliche Säulen.
Wunderbar verschmolz das Spiel der Kinder mit dem der professionellen Künstler. In Tanz, Gesten und Sprache zeigte sich das Miteinander, aber auch das Gegeneinander von Kindern und Erwachsenen. Sie boxten und umarmten sich, sie wehrten einander ab - und im nächsten Moment schon hingen die Kinder den Eltern zärtlich am Hals oder durften an ihren ausgestreckten Armen im Kreise schwingen.
All dies kam genial kreativ daher, mal mit vertauschten Rollen, mal völlig überspitzt, mal leicht und voller Witz, etwa dort, wo ein Kind meinte: „Ich wünscht, ich könnte zaubern.“ Im Handumdrehen flatterte ein Erwachsener gackernd über die Bühne. Köstlich.
(gek)
Augsburger Allgemeine Zeitung, 10.2.2010

Besuch hinterm Tellerrand
Die Regisseurin und künstlerische Leiterin von „panoptikum“ vorm Start des 6. Nürnberger Festivals über Klischees vom Kindertheater, Programm-Trends und Auswirkungen der Krise
Manchmal gibt es an Geburtstagen äußerst erfreuliche Geschenke: Als Nürnberg 2000 sein 950. Jubiläum feierte, ging das erste Panoptikum-Festival an den Start. Der Erfolg wurde nachhaltig als zweijährliche Veranstaltungen festgeklopft. Vom 9. bis 14. Februar geht das internationale Treffen für Kinder- und Jugendtheater in seine sechste Runde. Andrea Maria Erl, Chefin des Theaters Mummpitz, ist zugleich künstlerische Leiterin des Festivals.
AZ-Interview mit Andrea Maria Erl
Die Theaterwissenschaftlerin ist seit 1991 künstlerische Leiterin des Theater Mummpitz, seit 2000 auch des panoptikum-Festivals
AZ: Frau Erl, ein eigenes Kinder- und Jugendtheater-Festival braucht´s das?
ANDREA MARIA ERL: Ja – der Entstehungsgrund für Panoptikum wird permanent bestätigt. Nürnberg hat eine sehr reiche, hochqualifizierte und geschätzte Kinder- und Jugendtheaterszene. Da muss man auch über den Tellerrand gucken können – mit der Erkenntnis, dass sich die Nürnberger im internationalen Vergleich nicht verstecken müssen. Auch Kinder leben nicht mehr in ihrer kleinen Kammer, sondern vergleichen.
AZ: Profitiert die Nürnberger Szene über den Vergleich hinaus nachhaltig vom Festival?
ERL: Ich denke schon: Viele Veranstalter aus dem In- und Ausland verschaffen sich bei uns eine Übersicht, zum Beispiel der landesweite Veranstalterring ONDA aus Frankreich, der dabei nur der Qualität verpflichtet ist. Aber wir werden auch über den Tellerrand hinausgereicht: Die Einladungen von Salz&Pfeffer nach Indien, von Thalias Kompagnons nach Frankreich und von Mummpitz nach Edinburgh sprechen für sich.
AZ: Figuren, Objekte, andere Medien – der Programm-Trend geht weg vom reinen Schauspieltheater. Warum?
ERL: Uns ist es wichtig, die Vielfalt der theatralen Möglichkeiten abzubilden, genreübergreifendes Theater zu zeigen. Am Anfang fahren wir los und schauen, was uns gefällt. Die letztliche Auswahl aber hängt auch davon ab, wer kommen kann. Es wird schwieriger Produktionen einzuladen.
AZ: Eine Folge der Krise?
ERL: Ich mag den Begriff nicht. Es gibt eine Szene, die etabliert ist. Die ist sehr gefragt, und die wollen wir auch. Diese Gruppen arbeiten oft anders, setzen sich immer wieder neu zusammen, da muss man sehr früh anfragen. Aber es gibt tatsächlich einen Trend zu Schließungen, gerade in etablierten Ländern wie Schweden, einst das große Vorbild im Kinder- und Jugendbereich. Da werden große Theater zugemacht, in Frankreich wird noch weniger produziert, dafür mehr eingekauft, italienische Gruppen spielen oft nur noch im Ausland, weil sie daheim kein Geld mehr bekommen. Da zeichnen sich ähnliche Tendenzen ab wie in der restlichen europäischen Theaterwelt.
AZ: Wie fest steckt das Klischee vom Theater nur für die Kleinen noch in den Köpfen?
ERL: Die Klischees gibt’s noch, aber in Nürnberg sind wir da sehr weit. Dennoch gibt es selbst Künstler und Künstlerinnen aus dem Nürnberger Raum, die nicht ins Kinder- und Jugendtheater gehen, weil sie denken, dass sie dazu zu alt sind. Wenn sie dann doch mal wegen ihrer Kinder reingehen, kommt die überraschte Reaktion: Das war aber gut!
AZ: Können Sie da seit 2000 einen Erziehungseffekt beobachten?
ERL: Ja, das ist eine kontinuierliche Entwicklung. Mittlerweile warten die Leute schon auf das Festival und fragen nach. Einige haben noch Jahre später eine bestimmte Inszenierung im Kopf, die sie besonders beeindruckt hat.
AZ: Ist Panoptikum mittlerweile ein Selbstläufer?
ERL: Das Problem ist: Alle denken, dass wir ohnehin ausverkauft sind. Das stimmt nicht: Noch kann ich alle einladen, insbesondere die Schulen.
(Interview: Georg Kasch)
Abendzeitung, 30.1.2010

Kindertheater-Festival „Panoptikum“ geht in die sechste Runde
Marionetten-Zirkus aus Russland gastiert im Kachelbau
Der Februar hat sich in Nürnberg zum regelrechten Festival-Monat entwickelt: Unter anderem finden die „Tanzplattform2010“ und das Filmfestival Türkei/Deutschland statt. Seit zehn Jahren fest etabliert ist das Kindertheater-Festival „Panoptikum“ vom 9. bis 14. Februar. Es hat einen zweijährigen Rhythmus und geht heuer in die sechste Runde. Im Theater Mummpitz und auf fünf weiteren Nürnberger Bühnen sind insgesamt 36 Vorstallungen zu sehen. Neben einheimischen Gruppen sind Ensembles aus ganz Europa zu Gast.
Aus Russland reist zum Beispiel Viktor Antonov mit „Der Kleine Russische Zirkus“ an. Seine Trickmarionetten versetzen die Zuschauer im Theater Salz&Pfeffer in Entzücken. Das Stück ist für Kinder ab vier Jahren geeignet.
Sechs Jahre hat es gedauert, bis die künstlerische Leiterin des Festivals, Andrea Maria Erl, die „Gruppe 38“ aus dem dänischen Aarhus mit „Eine Kleine Sonate“ nach Nürnberg holen konnte. Auf der Bühne im Theater Mummpitz stehen nicht nur zwei Musiker und eine Schauspielerin, sondern auch ein lebendiges Huhn. Poetisch, charmant und urkomisch erzählen die Dänen ihre Version vom „Rotkäppchen“. Das Stück eröffnet am 9. Februar das Festival.
Aus dem „Panoptikum“-Konzept – das sich bislang rein auf Theater für Kinder beschränkte – sticht das Tanztheaterstück „Rennen“ heraus. 20 junge Männer im Alter von acht bis 31 Jahren rennen in der Tafelhalle bis zur Erschöpfung. Es wird gerangelt, gedrängelt und gestürzt – ein männlicher Konkurrenzkampf, der von der belgischen Gruppe „Kopergietery“ auf eine ganz besondere Art in Szene gesetzt wird. „Absolut sehenswert“, meint Festivalmacherin Erl und empfiehlt das energiegeladene Bewegungsstück, das ein wenig an „Stomp“ erinnert, jungen Leuten ab zwölf Jahren und Erwachsenen.
Dass man modernen Tanz, Video- und Medientechnik auch in einem Beitrag für ganz kleine Zuschauer ab vier Jahren einsetzen kann, beweist die Compagnia T.P.O. aus dem italienischen Prato. In „Der Gemalte Garten“ bitten die Tänzerinnen die Kinder im Theater Mummpitz in einen prachtvollen und sich wandelnden Garten.
Zum Festivalauftakt am 9. Februar um 21.30 Uhr bieten die „Pyromantiker“ aus Berlin auf der Freifläche vor dem Kachelbau eine Freiluft Performance unter dem Titel „Versailles Reloaded“. Der Eintritt ist frei.
(Clara Grau)
Nürnberger Zeitung, 30.1.2010

Buntes Vergnügen für alle Kinder-Sinne
In Nürnberg findet zum 6. Mal das Kindertheaterfestival «Panoptikum« statt
Kindertheater kennt keine Grenzen: Das will zum sechsten Mal das Nürnberg-Augsburger Festival «Panoptikum« beweisen, das vom 9. bis 14. Februar über die Bühne geht. Zu Gast sind 21 Ensembles aus acht Ländern - und ein lebendiges Huhn.
Der Schreck über das drohende Aus für das Erlanger Figurentheaterfestival (wir berichteten) sitzt auch bei den «Panoptikum«-Organisatoren vom «Theater Mummpitz« tief: «Das ist ein Zeichen, das Angst macht«, sagt Andrea Maria Erl, künstlerische Leiterin des alle zwei Jahre stattfindenden Festivals, dessen Etat von 190000 Euro hauptsächlich vom Freistaat, der Stadt und der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) als Sponsor getragen wird.
Um die Finanzierung muss sich Erl vorerst keine Sorgen machen: Die GfK hat ihre Unterstützung auch für die siebte Ausgabe fest zugesagt. Und Michael Bader, dessen Tafelhalle vielen Produktionen wieder als Spielort dient, macht ebenfalls Mut: «Ich glaube nicht, dass die Stadt Nürnberg etwas zerstört, was über Jahre aufgebaut wurde.« Alles im grünen Bereich also bei «Panoptikum«, das wieder all das zeigen will, was gutes Kindertheater ausmacht und mit seinem Rahmenprogramm auch das Fachpublikum bedient.
Die Bandbreite reicht vom Schauspiel über Tanz- und Musik- theater hin zum Einsatz von Video. Mit dabei sind natürlich alle Nürnberger Gruppen mit teils schon bekannten Inszenierungen, etwa «Kobold, Hans und Ballerina« von Thalias Kompagnons (12. Februar, 15 Uhr, Theater Salz + Pfeffer). Eine Premiere gibt es auch: Am 13. Februar zeigt das Papiertheater seine neue Produktion «Ich sehe was... was du nicht siehst« (16.30 Uhr, Künstlerhaus).
Doch «Panoptikum« steht auch dafür, den Blick über den Tellerrand hinaus zu wagen. Und das Publikum macht mit: Einige Veranstaltungen sind schon ausverkauft – darunter «Eine kleine Sonate« der «Gruppe 38« aus Dänemark, bei der ein lebendiges Huhn mitspielt. Zehn Ensembles aus Europa sind zu Gast, alle vom Organisationsteam live geprüft und für sehenswert befunden. Für die ganz Kleinen ab vier ist zum Beispiel «Der kleine russische Zirkus« dabei (nur noch Karten für 12. Februar, 9 Uhr, Theater Salz + Pfeffer). Marionettenspieler Viktor Antonov erweckt 20 Figuren zum Leben. Aus Italien kommt die Compagnia T.P.O., die ihr interaktives Tanztheater «Der gemalte Garten« vorstellt (ab vier, 13. Februar 16 und 18 Uhr, 14. Februar 11 und 14 Uhr, Mummpitz). Ein wenig aus dem Konzept des Festivals, das sich an Kinder richtet und nicht von ihnen, sondern für sie gemacht wird, fällt «Rennen« von der belgischen Truppe «Kopergietery«. Die «Männlichkeitsstudie« ist für Teenager ab 12 und wird von Darstellern zwischen acht und 31 Jahren auf die Bühne gebracht (13. Februar, 20 Uhr, Tafelhalle).
Eröffnet wird «Panoptikum« am 9. Februar mit einem Knall – beziehungsweise gleich mehreren. Los geht‘s um 18.30 Uhr, der Eintritt ist frei. Um 21.30 Uhr präsentieren die «Pyromantiker« aus Berlin auf der Freifläche vor dem Kachelbau (Michael-Ende-Straße 17) um 21.30 Uhr eine Feuerwerkshow.
(Susanne Helmer)
Nürnberger Nachrichten, 30.1.2010

6. Kindertheater-Festival Panoptikum
Theater für alle Sinne
Ein klappriger italienischer Lieferwagen, ein lebendes Huhn und ein frisch gelegtes Ei spielen die Hauptrolle – in dem Theaterstück «Eine kleine Sonate» zum Auftakt des diesjährigen Kindertheater-Festivals Panoptikum. Mit ihrer kreativen Neufassung von Rotkäppchen beweist die dänische «Gruppe 38» einmal mehr, wie witzig und ideenreich Theater (nicht nur) für Kinder heute sein kann.
Unter dem Motto «Theatergeschichten für alle Sinne» veranstaltet das Theater Mummpitz zusammen mit dem Jungen Theater Augsburg bereits die sechste Auflage des bayerischeuropäischen Festivals. Im Jahr 2000 wurde es zum Stadtjubiläum Nürnbergs aus der Taufe gehoben und seitdem alle zwei Jahre neu in Szene gesetzt. Vom 9. bis 14. Februar werden bei Mummpitz und an fünf weiteren Spielstätten Inszenierungen aus sieben Ländern sowie Produktionen aus Nürnberg und ganz Bayern präsentiert.
«Panoptikum» bietet eine Vielfalt an Theaterformen – vom klassischem Schauspiel über Tanz- und Figurentheater bis zum Zusammenspiel von Theater und Bildender Kunst. Die bunten Facetten modernen Kindertheaters regen die Fantasie an, bringen die Kinder zum Lachen und Staunen und stoßen Denkprozesse an. Deshalb ist ein Ausflug zum Festival auch ideal für Schulklassen.
Gib mir mal deinen Rhythmus!
Die Junge Oper Mannheim präsentiert Rotkäppchen etwa als moderne Kinderoper. Mit Instrumenten, Stimmen und Körpern wird das altbekannte Märchen neu erzählt. Eine ungewöhnliche Aufführung dürfte auch «Echoa» des Pariser Tanztheaters Cie. Arcosm werden. Tänzer und Musiker vermischen ihre Bewegungen und nehmen den Rhythmus des anderen auf: Tanz und Konzert in einem, ganz ohne Sprache.
Das dänische Bildertheater Carte Blanche will mit seinem Stück «Im Schatten der Zeit» auf eine poetische Reise ins Hier und Jetzt entführen, in «Ente, Tod und Tulpe» hingegen (nach dem zauberhaften Buch von Wolf Erlbruch) wird sogar Sterblichkeit thematisiert – die so natürlich zum Leben gehört wie die Ente ins Wasser! Das Berliner Theater Couturier & Ikkola wurde dafür mit dem «Ikarus 2009» ausgezeichnet.
«Rennen» heißt das selbstredend rasante Tanztheater-Stück der belgischen Gruppe Kopergietery. Zwischen Formation und Chaos führen 20 Jungs und Männer von 8 bis 31 Jahren dieses Bewegungsexperiment zum Thema Männlichkeit auf.
Nachdenklich stimmt das Theater Rootslöffel mit «Carlos der Schuhputzer». Hier wird der Begriff Armut neu interpretiert: Denn wer arm ist, der braucht Mut. Nur nicht unterkriegen lassen! Das gilt ebenso für «Bremer Stadtmusik – live!» vom Theater Pfütze. Viel Mut beweist auch das 10-jährige Mädchen in «Die grandiosen Abenteuer der tapferen Johanna Holzschwert». Das Theater Mummpitz, das jetzt seinen 30. Geburtstag feiert, wurde dafür bereits ausgezeichnet.
Angesichts der enormen Bandbreite des Panoptikum-Spielplans dürfte es nicht schwer fallen, Kinder fürs Theater zu begeistern. Und eines ist ebenfalls sicher: Das Festival verspricht auch für Erwachsene ungeahnte Theatererlebnisse.
(Michaela Höber)
Nürnberger Zeitung, 25.1.2010

1.810 Minuten mit Tulpe, Tod und Tanztheater
20 Inszenierungen aus acht Ländern beim 6. "Panoptikum"-Festival in Nürnberg
Die Veranstalter haben wieder genau mitgezählt: "1.810 Minuten Theatergeschichten für alle Sinne" bietet das "Panoptikum"-Festival in Nürnberg, das 2000 erstmals stattfand und nun in der sechsten Ausgabe vom 9. bis 14. Februar mit zehn Inszenierungen aus sieben europäischen Ländern und ebenso vielen aus Bayern die "künstlerische Vielfalt des Kindertheaters" ausbreitet. 36 Vorstellungen in 30 Stunden – das Genre bleibt kompakt.
Und offen in seiner Ausrichtung: Das Nationaltheater Mannheim nähert sich mit neutönerischer Live-Musik "Rotkäppchen", als "interaktives Tanztheater" versteht sich "Der gemalte Garten" der italienischen Compagnie T.P.O. Prato, die Rasanz der Bewegung betont "Rennen" der belgischen Truppe Kopergietery. Musik und Bewegung schält auch "Echoa" aus Paris heraus. Bildertheater macht Carte Blanche aus Dänemark mit "Im Schatten der Zeit", ein Schauspiel-Spektakel verspricht "Absolute Anfänger" der Berner Gruppe Fünfnachbusch. Dazu reichlich Figurentheater: Das Puppentheater Halle mit der Schöpfungsgeschichte "Aller Anfang", die preisgekrönten Produktionen "Ente, Tod und Tulpe" des Theaters Couturier & Ikkola (Berlin/Dresden) und "Der kleine russische Zirkus" (St. Petersburg) sowie die dänische Gruppe 38, die das Festival mit "Eine kleine Sonate" (samt nächtlicher Feuerperformance der Berliner "Pyromantiker" vor dem Kachelbau) eröffnet.
Das Mummpitz-Theater ist "Panoptikum"-Zentrum, hinzu kommen fünf weitere Schauplätze. Und weil das Festival auch immer als Export-Marktplatz für die Nürnberger Szene deinst, ist Joachim Torbahns wunderbares Maltheater ("Kobold, Hans und Ballerina") ebenso vertreten wie die vergnügliche "Bremer Stadtmusik – live" von Pfütze und die von einem "AZ-Stern des Jahres" beleuchteten "Abenteuer der Johanna Holzschwert" von "Mummpitz".
(Andreas Radlmaier)
Abendzeitung, 18.1.2010

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Pressestimmen Augsburg

Jim Knopf aus der Dose
Fantastisches vom Puppentheater
Frau Waas entschlüpfte einer leeren Kaffeedose. Ihr "Haus" wie auch das der anderen Lummerland-Bewohner stand auf einem bunten Fass, auf dessen Deckel die Lokomotive Emma kreiste. Mit verblüffenden Ideen hat das Puppentheater Kuckucksheim Michael Endes "Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer" im Kulturhaus Abraxas inszeniert. Genial: Mittels Dosen, Fässern und Büchsen schufen sie eine wandelbare Landschaft. Darin agierte Stefan Klügel, indem er erzählte, die Figuren führte, sang und gleichzeitig umbaute.
Ein blaues Tuch wurde zum Meer, über das Jim Knopf und Lukas mit der Blechdosen-Lokomotive zu ihren Abenteuern hinaussegelte. Plötzlich fanden sie sich im Palast des Kaisers von China wieder, auf dessen hohen Stufen sich die "drei Bonzen" wichtig machten. Herrlich ihre gelben runden Wackelgesichter aus aufgestellten Dosendeckeln.
Zauberhaft, wie mit einem Projektor Bilder einer Fata Morgana auf ein Fass als "Leinwand" geworfen wurden. Oder die Schulstube bei Frau Mahlzahn, wo die entführten Schulkinder als Steckfiguren wie bei einem Papiertheater anzutreffen waren. Klügel zündete aus dem Vulkan des Halbdrachens Nepomuk ein Feuerwerk und ließ auch die Lokomotive Emma fauchen und dampfen. Bei aller Spannung fehlten die leisen und zärtlichen Töne nicht, vor allem wenn es um die Freundschaft zwischen Jim Knopf und dem Lokomotivführer ging. (
gek)
Augsburger Allgemeine, 18.2.20

Schräg und urkomisch
Bremer Stadtmusik
Der Esel spielt plötzlich schräg auf siner Posaune. Kein Wunder, wenn man Hunger hat. Auch dem Hund, der Katze und Frau Hahn ist die Freude am Musizieren vergangen. Das Nürnberger Theater "Pfütze" hat mit "Bremer Stadtmusik – live!" das Grimmsche Märchen urkomisch und vergnüglich auf die Bühne im Kulturhaus Abraxas gebracht.
Köstlich die Charaktere: der Hund mit seinem derb-bayerischen Dialekt, der sich ständig mit der stotternden Katze hakelt; der graue, nicht gerade nach Rosen duftende Esel und schließlich "Frau Hahn" mit ihrem schrillen Sopran.
Das Stück erzählt liebenswürdig von der gemeinsamen Suche der Verlorenen nach einer besseren Welt. Bremen, die "Metropole der Eiszapfen und Palmwedel", wird zur Traumstadt. Vor einem roten Vorhang als Kulisse machen die vier sich gemeinsam auf, verirren sich, streiten sich, finden trotz aller Schrullen wieder zueinander So inniglich drücken sie sich im Schlaf aneinander, dass sie sich – ein artistisches Kunststück – fast miteinander verknoten. Komödiantisch die vielen Slapsticks und herrlich der Wortwitz: "Obacht, Räuberer!", ruft der Hund einmal.
Und was wäre das ganze ohne die Musik? Immer wieder griffen die vier zu ihren Instrumenten. Erst köstlich schräg, vom Tango
bis zur Gstanzlmusik, zum Schluss fröhlich-harmonisch bei einem fetzigen Rock. (gek)
Augsburger Allgemeine, 18.2.2

Rotkäppchen mit Ei und Kartoffelbrei
Gemütlich-kuschelig machte es die Gruppe 38 ihren jungen Zuschauern. Direkt auf der Bühne auf Holzbänken, Aug in Aug mit den Darstellern, platzierte Schauspielerin Bodil Alling die Kinder zum Auftakt des Theaterfestivals Panoptikum im abraxas. Mit Raffinesse gestaltete die dänische Truppe auf dem Transporter ihr witzig-pfiffiges Stück „Eine kleine Sonate“.
Im Fahrerhäuschen sind Soren Sondberg und Christian Glahn eingezwängt, hören Radio, bis es an die Vorstellung geht. Sie reagieren gelassen auf die schimpfende Alling. Auf der Ladefläche sitzt ein Huhn. Im Laufe der schwierigen Vorbereitungen gesellen sich weitere Figuren dazu, die entweder verschwunden oder gegessen oder sonst wie verloren gingen: ein Ei (Rotkäppchen), das erst noch gelegt werden muss, eine alte Kartoffel aus dem Müll (die Oma), eine „total verklebte Kartoffelpresse, die abgewaschen aussehen soll“ (der Wolf) und statt dem Gewehr eine Fliegenklatsche.
Die umgeklappte Ladefläche verwandelt sich in eine geschachtelte Kulisse mit Tür, Hühnerstall, beleuchteten Kästchen und Schubladen. Mit reichlich Charme präsentierten die Erzählerin, ein cooler, machohafter Komponist am Kontrabass und ein Tollpatsch am Akkordeon das Märchen von Rotkäppchen einmal ganz anders.
(juni)
Augsburger Allgemeine Zeitung, 10.2.2010

Erziehung & Emotionen
Kinder bedeuten Glück und Zuneigung, aber auch Chaos und Widerstand. Erziehung als Spannungsfeld brachte die Performance „How can we hang on to a dream“ zum Festival Panoptikum im abraxas auf die Bühne. Diese Nürnberger Produktion führte Grundschüler und internationale Performer zusammen.
Aus Sicht der Kinder erzählt das Stück von Erziehung, Kontrolle, Fürsorge, Liebe und Wut. Schlagworte wie „Müssen“, „Sollen“ oder „Dürfen“ standen auf großen Kartons, die ein variables Bühnenbild bildeten - mal als undurchdringliche Wand, mal als bewegliche Säulen.
Wunderbar verschmolz das Spiel der Kinder mit dem der professionellen Künstler. In Tanz, Gesten und Sprache zeigte sich das Miteinander, aber auch das Gegeneinander von Kindern und Erwachsenen. Sie boxten und umarmten sich, sie wehrten einander ab - und im nächsten Moment schon hingen die Kinder den Eltern zärtlich am Hals oder durften an ihren ausgestreckten Armen im Kreise schwingen.
All dies kam genial kreativ daher, mal mit vertauschten Rollen, mal völlig überspitzt, mal leicht und voller Witz, etwa dort, wo ein Kind meinte: „Ich wünscht, ich könnte zaubern.“ Im Handumdrehen flatterte ein Erwachsener gackernd über die Bühne. Köstlich.
(gek)
Augsburger Allgemeine Zeitung, 10.2.2010