Kindertheater aus Bayern und Europa in Nürnberg

23. bis 28. Januar 2018

eine Veranstaltung von

Das Flüstern der Erde
5. Internationales Kinder- und Jugendtheaterfestival „Panoptikum“ in Nürnberg
Happy Birthday! Fünf Sinne zum fünften Geburtstag von Panoptikum: Das hatte sich heuer das seit 2000 alle zwei Jahre vom Theater Mummpitz ausgerichtete Nürnberger KJT-Treffen auf die Fahnen geschrieben. Zum Beispiel mit dem dänischen Bühnenkunstexperiment „Kaleidoskop“, einer Eigenproduktion der Gruppe Carte Blanche aus dem dänischen Viborg, die wie eine szenische Kükelhaus-Installation wirkt: Wo Alice ins Wunderland noch gefallen ist, kriechen Große wie Kleine, Alte wie Junge durch einen mit rotem Samt ausgeschlagenen Geburtsschlauch in einen windschiefen Raum; weitere Tunnelgänge zweigen ab in weiche, geheimnisvoll ausstaffierte Maulwurfshöhlen. Nicht mehr als zehn Leute haben in solch einem Nest Platz, sind allein mit einer Herz-, Pik- oder Kreuzdame, sind allein mit ihrem und ihres Nachbarn Herzschlag, den sie mit einem Stethoskop er-hören können. Die Wände einer jurtenähnlichen Kunstkammer scheinen mit archaisch anmutenden Höhlenmalereien ausgeschlagen (und sind bei näherem Hinsehen nichts anderes als kopierte Finger), verspiegelte Türen verzerren Gesichter auf groteske Weise, ein rätselhaftes Zauberreich, in dem einem jegliches Zeitgefühl abhanden kommt. Viele europäische Gruppen, so Festivalchefin Andrea Erl, würden sich mit anderen theatralen Erfahrungen auseinandersetzen, sich Inspirationen insbesondere aus der Bildenden Kunst, bevorzugt von Installationen, holen oder Aufführungen einen mehr oder weniger starken (interaktiven) Performance-Charakter geben. Wie das Studio ORKA aus dem belgischen Gent, das zur „Bodenuntersuchung“ angereist ist. Die findet, natürlich!, im Freien, in einem nahen Baustellenzelt statt. Nur mit der halben Arschbacke auf Rohren und schmuddeligen Läufern sitzend, dringt dort plötzlich leises Flüstern aus dem Inneren der Erde an unser Ohr, die leisen Töne eines Klaviers, ein sanfter Duft wie von Großmutters Seife kitzelt die Nase. Live dabei sind wir nun: Eine Minikamera, in 15 Meter Tiefe versenkt, bringt es auf den Schirm: eine kleine, fremde, sehr bekannt anmutende Welt zündholzgroßer menschlicher Wesen, die in geheimnisvollen Schächtelchen unsere Wünsche und Träume aufbewahren. Eine Diskussion hebt an, ob die Entdeckung schnellstens und möglichst gewinnbringend verwertet werden oder ob man diese eigene Welt unberührt weiterexistieren lassen soll. Da werden die Zuschauer ganz schnell aus dem Zelt gescheucht und sich selbst und dem rüttelnden Wind überlassen und, wenn man sechs Jahre alt ist, der bangen und aufregenden Frage, ob diese Erdmännchenwelt wirklich existiert …
Vor allem auf den Hörsinn hatte es das Theater Sgaramusch aus Schaffhausen abgesehen, dem mit „Queen“ (Regie Carol Blanc) ein grandioser Festivalauftakt gelang. Eine sparsam möblierte Hörspielwerkstatt ist der Rahmen für die an Pocken, Liebe, Macht und Intrigen reiche Geschichte Maria Stuarts von Schottland und Elisabeths von England. Mit Mikrofonen und Aufnahmegerät, mit einem Sammelsurium wunderlicher Gegenstände erzeugen die beiden Schauspieler Nora Vonder Mühll und Gerhard A. Goebel Geräusche und herrlich skurrile Tondokumente – vielleicht nicht ganz wahrheitsgetreu, aber dafür mit viel Witz wird der erbitterte Kampf um den englischen Thron live aufgenommen, Kokosnuss-Hufgetrappel und Sturm im Putzkübel inklusive.
Im Glashaus sitzt man bei „Qué Pasa?“ von Tweetakt Festival & Storm aus Utrecht, und das ist vollgestopft mit Büchern, so dass – buch-stäblich – kein Platz mehr ist zum Sitzen. Gottlob kommt ein Handwerker dem Bücherwurm zu Hilfe, und es beginnt eine höchst amüsante und abwechslungsreiche Choreografie, die nur ein Ziel hat: den Bau eines neuen Bücherregals. Dabei rattern Bandschleifer wie wild gewordene Riesenratten selbständig über die Bühne, Dosenwürste werden mit dem Bügeleisen gegrillt, Gerüche von Sägespänen und Grillgut steigen in die Nasen, während Jordi Casanovas und Andreas Denk auf dieser Baustelle des Geistes einen immer absurderen Slapstick hinlegen. Doch wenn im finalen Popcornregen die fragile Regalkonstruktion von vier kreiselnden Akkubohrern endlich gehalten wird (und im Gegenzug eine Wand des Glashauses einstürzt: Es gibt immer was zu tun!), hat sich das Ganze längst in den Schlingen seiner eigenen Erfindungen totgelaufen.
War „Que Pasa?“ noch ein wortkarges und mit vielen schauspielerischen Mitteln durchsetztes choreografisches Theater, präsentierte der Dschungel Wien mit „Überraschung“ eine reine Tanztheaterproduktion für zweijährige Kinder (die Nürnberger waren weniger mutig und setzten das Alter auf immer noch tapfere drei Jahre herauf). Was anfangs nicht über anmutige Turnübungen hinauszugehen scheint, verdichtet sich in Stephan Rabls Regie mehr und mehr zu einem phantastischen Spiel der Körper, des Lichts und der von Matthias Jakisic live erzeugten Musik. Einziges Bühnenrequisit sind ein halbes Dutzend weiß gepinselter Schubkarren, die als Sonnenliegen, Badewannen oder Katapulte (Überraschung!) Verwendung finden. Wenig überraschend die Tier-Tanzfiguren, umso überraschender die begattungsbereite Pantherweibchenpose mit hochgerecktem Hinterteil in knappem Trikothöschen in einer Vorstellung für Zweijährige, die, überraschend, der 50-minütigen Vorstellung mit großer Aufmerksamkeit folgten.
Puppen- und Objekttheater, in den letzten Jahren gerne Schwerpunkt bei Panoptikum, war nur durch eine einzige Produktion vertreten – „leider“, wie Andrea Erl betont. Dafür zauberte das Puppentheater Halle mit Peter Braschs „Die goldene Gans“ (Regie Ines Heinrich-Frank) umso virtuoser großes Theaterglück auf eine esstischkleine Bühne. Stupend die Präzision von Nils Dreschke und Uwe Steinbach – als Puppen- wie als Schauspieler gleichermaßen. Sie schenken sich nichts (auch keine Gummibärchen, Platzhalter für Eierkuchen und Wein); konkurrieren sie doch darum, wer diese „Schwan-kleb-an-Geschichte“ besser erzählen kann – und schenken uns doch alles: Originalität, feinen Humor und eine von Robert Voss bis ins allerkleinste Detail durchdachte, als Diorama gestaltete Sperrholzbühne, die der heimliche Star der Aufführung ist: mit ihren Kurbeln für ein den Tisch umspannendes Transportband, mit dem kleinen batteriebetriebenen Traktor, auf dem die ganze zusammengeklebte Gesellschaft zum König unterwegs ist und einem Klapp-Mechanismus, der Figuren schwuppdiwupp auftauchen und schwuppdiwupp verschwinden lässt. Diese wie manch andere Aufführung fand im nigelnagelneuen Theater Pfütze, dem anderen freien KJT Nürnbergs mit überregionaler Bedeutung, statt. Erst im November war der moderne, flexible Bau auf 500 qm Grundfläche, den der Unternehmer Gerd Schmelzer von Stararchitekt Volker Staab hat bauen lassen, in bester (und teurer!) Innenstadtlage eingeweiht worden. Ein starkes Zeichen der Nürnberger für die zentrale Bedeutung von Kinderkultur und damit für die Zukunft ihres Gemeinwesens!
Keine schlechte Figur im internationalen Vergleich machte das gastgebende Theater Mummpitz mit seiner Eigenproduktion von „Pikko, die Hexe“ (nach dem Bilderbuch von Toon Tellegen und Marit Törnqvist). Streng durchkomponiert präsentiert sich Jean-Paul Denizons höchst musikalische und mit leichter Hand hingetupfte Inszenierung, in der ein auf den Bühnenboden gemalter Kreis ein ganzes Dorf oder ein auf dem Hut der bösen Oberhexe montiertes funkensprühendes Tischfeuerwerk deren explodierenden Kopf darstellen kann.
Mit gerade mal 180.000 EUR hat das
Theater Mummpitz 10 europäische und 14 bayrische Produktionen nach Nürnberg und in den korrespondierenden Festivalort Augsburg gebracht, die oft die kleine Form wählten oder wählen mussten. Wohltuend war es daher, vom Jungen Ensemble Stuttgart (JES) eine vergleichsweise große Bühnenproduktion – den auf deutschen Bühnen derzeit häufig gespielten „King A“ der niederländischen Gruppe Het Laagland – präsentiert zu bekommen. Die „Ode an jedes Ritterherz“ (vgl. TdZ 6/07) über den Traum von einer besseren Welt bestach durch ein homogenes und ausdrucksstarkes Ensemble, in dem neben dem erfahrenen Gerd Ritter die bis in die Haarspitzen präsente Anne Diemer besonders beeindruckte – und die Tatsache, wie leichtfüßig Inèz Derksen die papierne, thesenhafte Vorlage inszenierte.
Weil die Finanzierung von Panoptikum auch dieses Mal erst spät gesichert war, konnte Andrea Erl manches trotz überzeugender Qualität nicht einladen. Denn zunehmend werden Inszenierungen in grenzübergreifenden europäischen Produktionsgemeinschaften erarbeitet, die aber planen ihre Tourneen zwei oder mehr Jahre im Voraus. Zu lange für ein Festival, das trotz seiner regionalen wie überregionalen Bedeutung jedes Mal neu um seine Fortführung bangen musste. Doch Besserung scheint in Sicht. Mit einem Schmunzeln, das gemeinhin leiser Genugtuung entspringt, erzählt Erl, dass sie jetzt schon zwei, drei Highlights für 2010 habe „bunkern“ können – Panoptikum hat sich endgültig etabliert, nach fünf Ausgaben und acht Jahre nach seiner Gründung. Happy Birthday! (Tristan Berger)
Theater der Zeit, April 2008

Zusammenspiel? Theaterpädagogik und Theater
Symposium im Rahmen des Kindertheaterfestivals Panoptikum in Nürnberg/D
Ein Bericht von Martina Strässler
Während des Kindertheaterfestival Panoptikum in Nürnberg vom 13. bis 18. Februar 2008 wurde unter dem Titel Zusammenspiel? Theaterpädagogik und Theater zum Symposium eingeladen. Während dreier Tage sollte das Zusammenspiel zwischen Theaterpädagogik und Theater untersucht und thematisiert werden.
Anlass dazu gaben zwei Tendenzen in der deutschen Theaterlandschaft, welche die Theaterpädagogik nicht nur peripher betreffen, sondern ihr eine ganz zentrale Rolle zuschreiben und zu der sie sich zu verhalten hat: Zum einen die künstlerische Arbeit mit nichtprofessionellen Darstellern, deren soziale Themen auf der Bühne künstlerisch reflektiert werden und zum andern die Neudefinition des Theaters als Bildungsinstitution zur Vermittlung sozialer Kompetenzen.
Die Veranstalter haben damit ein Bedürfnis getroffen und es scheint Redebedarf zu geben.
Kindertheatermacher und Theaterpädagogen aus dem ganzen deutschsprachigen Raum sind dem Aufruf gefolgt und haben das Tagungsangebot im Rahmen des Festivals besucht.
Eröffnet wurde das Symposium von Prof. Dr. Ingrid Hentschel (FH Bielefeld, Fachbereich Sozialwesen) mit ihrem Vortrag „Theaterpädagogik –quo vadis? Zwischen Vermittlung und künstlerischer Arbeit.“
Nach einem Blick in die Geschichte der Theaterpädagogik und deren Anbindung ans Theater für Kinder und Jugendliche, landete sie bei der aktuellen Situation, in der ihrer Ansicht nach die Theaterpädagogik vorrangig als Möglichkeit gesehen wird, die Schlüsselqualifikationen für die Lebenswelt durch astethische Erfahrung zu erwerben.
Im zweiten Teil richtete Ingrid Hentschel den Fokus auf die Frage nach der Wichtigkeit des Theater sehen.
Sie stellte dem voran, dass die Theaterpädagogik die Pädagogik immer mehr abstreift und künstlerische Praxis sein will. Theater soll praktisch erfahrbar sein, indem selber Theater gespielt wird, die Brücke vom eigenen Spiel zum Besuchen und somit Sehen von professionellen Inszenierungen aber nicht geschlagen wird.
Demgegenüber stellte sie das Kunsttheater, das nach dem Sozialen lechzt, wirkliches Leben will - Wirklichkeit in Form von Laiendarstellern. „Close the Gap – Cross the Border“ zwischen Theater und Theaterpädagogik. Sie fragte, ob die Öffnung zur direkten Interaktion und Aktion, sei es in der Theaterpädagogik oder in der Theateraktion selbst nicht ein Verlust sei. Was ist es, was das besondere des Mediums Theater in Form eines Aufführungsgeschehens ausmacht? Was heißt es, Theater nicht selber zu machen, sondern zu sehen und zu erleben? Im Folgenden stellte Ingrid Hentschel Thesen vor, die auf einer grundsätzlichen Ebene das Theater als Vorführkunst reflektieren. Einige Gedanken dazu werden hier wiedergegeben.
Im Zentrum der Theaterkunst steht der Mensch. Die imaginativen Qualitäten des Theaters sind stets gebunden an die körperliche Präsenz und Ko-Präsenz von Darstellern und Zuschauern im physikalischen Raum. Der Mensch ist existenziell angewiesen auf den anderen, auf das „Angeschaut werden, den Blick, auf Responsivität. Theater dient der Selbstvergewisserung der menschlichen Fähigkeiten und Möglichkeiten und ist eine soziale Kunst per se. Durch die Verfasstheit des Mediums Theater resultieren die großen pädagogischen Wirkungen. Theater ist auch da eine Gemeinschaftskunst, wo Zuschauer stumm auf ihren Plätzen sitzen und nicht agieren, sondern rezitieren und erleben. Theater ist Schule der Wahrnehmung, ein Medium der Zeichen. Im Theater wird gelernt, aber anders! Theaterhäuser müssen kulturelle und soziale Orte der Begegnung sein, sie müssen sich in die Gesellschaft hinein öffnen. Damit dies passieren kann, muss sich das Theater vom Kunsttempel Richtung Theaterhaus mit Platz und Raum für die Jungen öffnen.
Diese Öffnung der Theaterkunst zur Gesellschaft kann durch vielfältige Projekten aus der Theaterpädagogik begleitet werden und sie kann auch Menschen ins Theater, zum Kunsttheater hinführen.
Wie eine solche Öffnung konkret aussehen kann, wurde anhand mehrerer 20minütiger Impulsreferate unter dem Titel "Einblicke in die Praxis" aufgezeigt.
Katrin Richter vom theater für junge zuschauer magdeburg sprach über das Modell freijungundwild und legte dabei den Schwerpunkt auf die Jugendclubs, welche von den Jugendlichen selbst organisiert und geleitet werden. Durch die kontinuierliche Präsenz und dem Engagement der Jugendlichen habe sich die Grenze zwischen professionell arbeitenden Theatermachern am Theater Magdeburg und den Jugendlichen langsam geöffnet und es sei eine beidseitige Neugier und einen befruchtender Dialog auf und über die jeweiligen Arbeiten entstanden.
Tina Jücker vom Theater Marabu stellte ihr Projekt Junge Bühne Bonn vor, welches ans freie Gastspieltheater angegliedert ist. Die Junge Bühne Bonn ist ein Jugendclub, der Jugendliche und junge Erwachsene aus Bonn und Umgebung zusammenbringen, sie für die Theaterkunst begeistern und für die verschiedenen Bereiche dieser Kunst qualifizieren will. Jugendliche würden so nicht nur als Spieler zur Umsetzung von Konzepten gebraucht, sondern auch in die professionellen Abläufe eines Theaterbetriebs eingebunden.
Florian Frenzel, Theaterpädagoge und Leiter des Jungen Nationaltheater in Mannheim, gab Einblick in die theaterpädagogischen Angebote des Jungen Nationaltheater Mannheim, das an ein Vierspartenhaus angegliedert ist. Er legte seinen Schwerpunkt auf die Platzierung der Theaterpädagogik am eigenen Haus und die Zusammenarbeit mit Schulen. Dabei sei die Vernetzungsarbeit mit Schulen bezeichnend, die ein Herantreten an die unterschiedlichsten Bevölkerungsschichten ermögliche und damit die Möglichkeit schaffe, die Begeisterung fürs Theater nicht nur bei privilegierten Kindern zu wecken und zu fördern.
Auffallend an allen drei Modellen war, dass alle drei von den jeweiligen, referierenden Personen großgezogen und 'gedüngt' wurden. Wobei die Modelle eng an die Gegebenheiten der Stadt und an die Temperamente und Interessen der einzelnen Leitern geknüpft sind. Keines der Projekte wird eins zu eins übertragbar sein. Es drängt sich die Frage auf, wie solche Modelle bei einem Leitungswechsel übernommen werden können.
Anschließend referierte Prof. Mira Sack, Dozentin an der Zürcher Hochschule der Künste über studentische Projekte mit und für Kinder hinsichtlich der Frage „Schult Theater spielen auch Theater sehen?“
Anhand von drei studentischen Projekten wurde die Möglichkeit aufgezeigt, Kinder als Zuschauer und Akteure in theaterpädagogischen Projekten vorkommen zu lassen. Leider unter Zeitdruck, da der Hunger der Teilnehmer groß und die Zeit, wie meist. dann doch zu knapp bemessen war.
Wenn Ingrid Hentschel ihr Eingangsreferat unter den Titel Theaterpädagogik – Quo vadis? stellt und wenn es um neue Wege in der Theaterpädagogik geht, dann darf der Nachwuchs nicht vergessen werden. Dazu wurden Studierende der Fachhochschulausbildungen Theaterpädagogik, der UdK Berlin und der ZHdK Zürich eingeladen, um mit der gestandenen Theaterpädagogin Walburg Schwenke über Wünsche, Träume, Interessen und Ziele in ihrer zukünftigen Arbeitswelt ins Gespräch zu kommen. Bezeichnend war, dass dabei immer wieder die Projektarbeit im Vordergrund stand und der Wunsch der Vermittlung von Theater kaum einen Platz einnahm. Fällt die Vermittlung zugunsten der eigenen künstlerischen Verwirklichung unter den Tisch? Wie positionieren sich eigentlich die Hochschulen im Ausbildungsprofil Theaterpädagogik?
Abgerundet wurde das Symposium mit einer Podiumsdiskussion. Es wurde über die Neupositionierung der Theaterpädagogik am Theater diskutiert. Dabei kristallisierte sich heraus, dass die Theaterpädagogik nicht länger nur ein nettes Anhängsel am Haus sein dürfe, sondern ihren festen und gleichberechtigten Platz einnehmen und auch einfordern müsse. Beide Seiten müssen zusammenspielen, denn nur so können neue befruchtende Wege im Sinne der Sache beschritten werden.

Sailor, sein Hund und das Schwein
Mit Beiträgen aus Schweden und Nürnberg endete das Festival Panoptikum
Mit „Sailor & Pekka“ des schwedischen Theaters Tre und „Mein Schweineleben“ vom Nürnberger SETanztheater ging das diesjährige, überaus vielfältige und qualitativ hochwertige Kindertheater- Festival Panoptikum zu Ende.
Seemann Sailor kann sich nicht mehr erinnern, wo er seinen Pullover ausgezogen hat. Da der kräftig gebaute Mann mit angemaltem Schnurrbärtchen und weißen Hosenträgern keine andere Oberbekleidung besitzt, muss er zum Einkaufen in die Stadt. Pekka, sein zerzauster, treuer Hund folgt seinem Herrchen brav, aber nicht uneigennützig. Schließlich, so denkt der Vierbeiner, wäre ein neuer Haarschnitt nicht schlecht. Mit auf der Bühne ist auch die tanzund singwütige Nachbarin Frau Jackson, die kaum eine Minute still halten kann und Sailor immer wieder schöne Augen macht. Und nicht zu vergessen der Erzähler, denn ohne ihn gäbe es diese Geschichte gar nicht.
„Sailor & Pekka“, ein Stück nach den Büchern des schwedischen Autors Jockum Nordström, ist ein bunter Mix aus Clownerie, Pantomime und Varieté, der kleine wie große Zuschauer mit wunderbaren Charakteren, verrückten Tanzeinlagen und Situationskomik begeistert. Ab und an entsteht zudem der schöne Eindruck, ein Bild oder eine Szene aus einem Comic- Strip werde zum Leben erweckt. Vor allem auch wegen der baukastenähnlichen Dekoration, die sich in Sekundenschnelle von einem Haus in ein Schiff, eine Stadt oder eine Schießbude verwandelt. (nino)
Auch Schweine haben es nicht leicht. Zwar dürfen sie sich fröhlich im Schlamm suhlen, doch dafür finden manche Leute, dass sie unangenehm dreckig sind. Diese Erfahrung macht auch das sehr menschlich inszenierte Ferkel, das Steffi Sembdner in dem Solostück „Mein Schweineleben“ für Kinder ab sechs Jahren tanzt. Frei und aufgekratzt erobert sie in einer Latzhose, hinten mit einem Ringelschwänzchen, die Welt. Die Bewegungen der Berliner Tänzerin sind schnell und modern inspiriert, es fließen Slapstick-Elemente und Jazziges mit ein. Unwillkürlich denkt man an Pippi Langstrumpf. Könnte sie tanzen anstatt zu hopsen, müsste das so aussehen.
Das junge Schwein ist rührend selbstsicher, weil es noch keine Ablehnung oder Disziplinierung erlebt hat. Es singt, tanzt und legt seinen Namen mit Karten. Erwachsene, die im Hintergrund per Film eingeblendet werden und die üblichen vernünftigen Dinge erzählen, schaltet es einfach aus. All die Ahnungen, Stimmungen und Gefühle jenseits der fassbaren Gedanken sind wunderbar authentisch in Bewegungen umgesetzt. Doch dann schlägt die harte Realität zu. Wegen eines Missgeschicks wird das Schwein von Klassenkameraden böse gehänselt. Steffi Sembdner reagiert auf der Bühne, wird langsamer, verkriecht sich in eine Kiste. Dann die allegorische Verwandlung: Aus dem Schwein wird ein Schwan. Am Ende geht alles gut aus, das Schweinchen wird in seiner ursprünglichen Gestalt in die Clique aufgenommen.
Ein gewagtes Experiment, so jungen Kindern Tanztheater pur vorzusetzen. Doch es gelang. Die Produktion des SETanztheaters löste im Theater Pfütze viel Gelächter aus. Intuitiv verstanden die Kinder, worum es ging, riefen dazwischen, traten mit Steffi Sembdner in einen Dialog. Ein lehrreiches, ambitioniertes Stück. (cls)
Nürnberger Nachrichten, 19.2.2008

Theater auf Papier
"Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kinder!" begrüßt Johannes Volkmann die Besucher und berichtigt sich gleich selbst. Der Plural ist nämlich nicht angebracht, "liebes Kind" genügt vollkommen. Denn obwohl "Verflixt und zugenäht" im Rahmen des Kindertheaterfestivals "Panoptikum" lief, war das ausverkaufte KaLi am Sonntag fest in Erwachsenenhand. Dies mag zum einen an der für Kinder nicht idealen Zeit 20 Uhr gelegen haben, zum anderen wohl auch am sperrigen Thema. Denn Zuschauer ab fünf Jahren, für die "Verflixt und zugenäht" konzipiert ist, werden allein mit den leicht plakativen Texten des Stückes liebe Mühe haben.
Geschichtlich gesehen ist das Papiertheater ein Relikt der Romantik, das Theater für jedermann, lange bevor die Massenmedien ihren Siegeszug antraten. Das Papiertheater Nürnberg hat in den zwölf Jahren seines Bestehens eine eigene Form des Spiels entwickelt, ausgelotet werden die Möglichkeiten, die das Material Papier bietet.
Die Bühne bei der aktuellen Produktion ist ein großer, vertikal befestigter Bogen weißen Papiers. Dieser ist sowohl Spielfläche wie Schnittmuster. Als Schneidemeister fungiert Volkmann, am Anfang dominiert das Quietschen der Schere. Es entstehen viereckige Löcher zum Durchstecken des Kopfes und der Hände. Anschließend kommt ein roter Faden zum Einsatz und es wird eine Art Geschichte mit Mut zur Langsamkeit geschneidert. Diese fingerfertige Tätigkeit erfährt durch eine Lichtquelle Unterstützung, die zu Schattenspielen auf der weißen Wand führt.
"Das Papier wird vor Schreck kreideweiß und fühlt sich zerrissen", erklärt Volkmann, als er unerwartet von hinten ein Loch in die weiße Wand schlägt. Doch dieses wird schnell vom roten Faden wieder vernäht. Nach einer halben Stunde bekommt der Papierphilosoph Unterstützung von der Textilkünstlerin Susanne Winter, die auf einer Nähmaschine einen besonderen Schnittbogen anfertigt. Dann wird der Papierbühne großflächig mit der Schere traktiert und plötzlich hat der Theaterspieler neue Kleider.
Der Applaus nach 45 Minuten "Verflixt und zugenäht" ist freundlich reserviert, auch die eigentliche Zielgruppe Kind bildet da keine Ausnahme. (Thomas Susemihl)
Nürnberger Zeitung, 19.02.2008

"Da liegt noch vieles im Argen"
Die Festivalleiterin zieht Bilanz zum "Panoptikum"-Festival
Auch die letzten zwei von 42 Vorstellungen beim 5. Internationalen Kindertheaterfestival "Panoptikum", das gestern nach sechs Tagen zu Ende ging, waren ausverkauft.
Als Auslastungsquote wurden von den Veranstaltern "96 Prozent" in Umlauf gesetzt. Wir sprachen mit der künstlerischen Leiterin Andrea Maria Erl.
AZ: Frau Erl, welche Erkenntnisse nehmen Sie aus dem Festival mit?
ERL: Ich glaube, dass es dem Publikum sehr gefallen hat. Wohl auch, weil für jeden etwas dabei war. Dieses Festival war sicher eines der bislang rundesten Programme. Das hat sicher auch mit der finanziellen Planungssicherheit zu tun, weil man dadurch früher und mit wesentlich mehr Ruhe einsteigen kann in die Sichtung.
AZ: Würden Sie also vom bislang größten Erfolg sprechen?
ERL: Naja, die Auslastungszahlen hatten wir in der Vergangenheit auch. Aber wir waren jetzt zum Beispiel in den Schulen früher ausverkauft. Dort und in der Öffentlichkeit hat das Festival mittlerweile offenbar einen Namen.
AZ: Welche aktuellen Linien konnte man denn ablesen?
ERL: Dass es neue und spannende Kombinationen gibt, aus Kunst und Schauspiel wie bei Joachim Torbahns "Kobold" oder Comic-Geschichten wie bei "Sailor".
AZ: In welchem Zustand ist die Branche Ihrer Meinung nach?
ERL: Beim Kindertheater liegt für mich nach wie vor vieles im Argen. Es gibt vieles, was nicht unseren Qualitätsansprüchen genügt, wo's kein Handwerk und Ideen gibt. Es ist also nicht so, dass man vorher einen großen Pool hat, aus dem man mühsam auswählen muss.
AZ: Die Nürnberger Szene ist bei "Panoptikum" sehr präsent. Was bringt das?
ERL: Wir profitieren davon. Etwa durch Einladungen von Veranstaltergästen. Und man wird natürlich auch angeregt durch das, was man erlebt. Du siehst deine eigenen Stärken - und deine Schwächen. Es gibt schon noch Dinge, wo man sich nachher sagt: Das möchte man auch können! (daer)
Abendzeitung, 19.02.2008

Ein Hund, der Zeitung lesen kann
Schwedisches Gastspiel im Theater Mummpitz
Fremdsprachenkenntnisse, weiß man spätestens seit der Pisa-Studie, kann man nicht früh genug erlernen. Da geht das Teater Tre aus Stockholm mit gutem Beispiel voran. "Hej, wellkommen", begrüßt ein Mitglied jeden Gast im Theater Mummpitz persönlich auf Schwedisch.
Dem Stück "Sailor & Pekka", das die vier Mimen im Rahmen des "Panoptikum"-Festivals zeigen, können die kleinen Zuschauer jedoch auch folgen, ohne des Skandinavischen mächtig zu sein. Denn abgesehen davon, dass die fantastische Geschichte auf Deutsch vorgetragen wird, sagen Gestik und Mimik der Darsteller mehr als tausend Worte.
Allerlei skurrile und liebenswerte Gestalten bevölkern das Stück, das sich um den Seebären Sailor und seinen unter gelegentlichen Stimmungsschwankungen leidenden Hund Pekka dreht. Fünf geometrische Formen, die aussehen wie Bauklötze – und mal zum Schiff, mal zum Friseursalon und dann wieder zur städtischen Skyline werden – reichen dem Teater Tre dabei vollkommen, um die traumähnlichen Bilderwelten aus den Kinderbüchern von Jockum Nordström auf der Bühne lebendig werden zu lassen.
Pekka ist ein echter Handstands-Wau-Wau. Er beherrscht nicht nur artistische Kunststückchen, sondern kann seinem Herrchen sogar die Schuhe binden und mit ihm die Zeitung lesen. Sein Hundenapf-Füller entspricht exakt dem Klischee eines Seefahrers: Von kräftiger Statur, tätowiert und mit blauer Schiffermütze. Allerdings kein Haudegen, sondern eher zart besaitet, sehnt er sich gerne zurück in die Zeit, als er noch auf den sieben Weltmeeren schipperte.
Außerdem hat er eine Schwäche für Frau Jackson, eine leidenschaftliche Tänzerin mit Gummi in den Beinen. Zusammen unternehmen Sailor & Pekka eine utopische Reise, die sie mal in die Stadt, auf einen Jahrmarkt oder ins Auge des Sturms führt. Comicartige Schlägereien in bester Matrix-Manier wechseln sich dabei ab mit Rock'n Roll, Radschlagen und spektakulär wirkenden Abstürzen aus größerer Höhe. Veredelt wird diese Comedy-Collage von einem Erzähler, der jeden Toningenieur vor Neid erblassen ließe: ob als menschlicher Motor, spotzend und knatternd wie ein Auto, oder Gewehrkugel-Imitator – der Schwede mit dem gegelten Haarschopf schafft es, mit seinem Mund eine komplette Soundkulisse zu malen. Zum Vergnügen der Kinder, die von der Mischung aus Musical, Artistik, Clownerie und Pantomime sichtlich gefesselt sind. Und nicht nur die Kleinen nehmen ein paar Brocken Schwedisch, sondern auch die Darsteller ein Stück bayerische Kultur mit nach Hause: "Weißenwürst" haben es Sailor & Pekka sichtlich angetan. Es muss nicht immer Smörrebröd sein. (Florian Büttner)
Nürnberger Zeitung, 18.02.2008

Kobolds Freud' und Ritters Leid
Vielfalt beim Nürnberger Kinder-Theater-Festival Panoptikum
Heute geht das 5. Kindertheaterfestival Panoptikum in Nürnberg zu Ende. Eine erfolgreiche Wiederauflage mit spannender Programmzusammenstellung, bei der vor allem die Bandbreite überzeugte.
Eine auf den ersten Blick nicht theatrale, aber umso beeindruckendere Darstellungsform führt erneut der Nürnberger Joachim Torbahn vor: Theater mit Pinsel und Farbe, fesselnder als so manche Puppen- oder Schauspielerversion, mit perfektem Timing dargeboten.
Das Stück "Kobold, Hans und Ballerina" ist eine Adaption von Andersens "Standhaftem Zinnsoldaten", doch wenn Torbahn zu Pinsel, Farbe und Wasser greift, entsteht auf Transparentfolie eine furiose Bilderreise. Mit passender Musik als dramaturgischem Taktgeber zaubert er nach und nach ein Kinderzimmer samt lebendigem Spielzeug, eine (etwas zu ausführliche) Sturmflut im Gulli und schließlich einen grell-orangen Zimmerbrand im Theater im Kali herbei, der so ganz nach dem Geschmack des wirbelnden pinkfarbenen Kobolds ist. Charmant, witzig und leider erst wieder am 30. März zu sehen.
Das passende Stück zum Ort war auf dem Bauland vor dem Kachelbau zu sehen: "Lava - eine Bodenuntersuchung" ist eine Mischung aus Clowntheater und Mitmachshow, findet im Sperrholz-Iglu direkt über Nürnberger Erde statt, in der offenbar Zwerge in Koffern hausen. Die drei Darsteller des Studio Orka aus Belgien spielen die Wissenschaftler-Parodie als Charakterstudie mit Selbstironie.
Vom Märchen zur zwischenmenschlichen Komödie ist es auch in "Die goldene Gans" vom Puppentheater Halle nicht weit. Im Theater Pfütze steht ein langer Tisch, zwei Männer wollen dort ihre Geschichte erzählen. Aus seinem Koffer zaubert der Ältere filigrane Holzfigürchen, die sich mit Hilfe des handbetriebenen Laufbands fortbewegen können. Doch dann geraten sie sich in die Haare, weil jeder der Herren glaubt, dass seine eigene Version des Märchens die Richtige sei. Das ist vor allem eines: unglaublich witzig. Die Geschichte wird immer wieder korrigiert, auch von den kleinen Zuschauern selbst, die sichtlich Spaß daran haben, dass die beiden großartigen Erzähler wenig zimperlich miteinander umgehen, sich gegenseitig Schnippchen schlagen, während sie mit erstaunlicher Leichtigkeit den Figuren Leben einhauchen.
Fast ohne Worte kommt das kroatische Tanztheater "kazaliste mala scena" aus. Dafür strotzt sein für Besucher ab drei gedachter Festivalbetrag "Und wer bist du?" vor Musik und Technik: Foto- und Videokamera, sogar ein Diaprojektor kommen zum Einsatz, während sich die beiden Darstellerinnen zunächst getrennt auf die Suche begeben: die eine will einen sonnigen Platz für ihre Pflanze, die andere Wasser für ihre Schildkröte.
Es beginnt ein gegenseitiges Erkunden. Nahezu das ganze Spektrum menschlicher Beziehungen kommt zum Tragen. Nur schade, dass dem Stück auf der Zielgeraden die Luft ausgeht und die kleinen Zuschauer, so begeistert sie am Anfang dabei waren, sichtlich das Interesse an der Geschichte verlieren.
Liebe, Leid und Eifersucht, Freundschaft und Vertrauen, Selbstzweifel, Heldentum und Enttäuschung - fast alles, was einen heranwachsenden Menschen bewegt, hat auch das Junge Ensemble Stuttgart in sein Stück "King A" gepackt. Mit Witz und ungebremster Power nehmen fünf Wildfänge - vier Jungs und ein Mädchen - anfangs die große Bühne der Tafelhalle in Beschlag. "We will rock you", lautet die Devise ihrer perfekt ausgearbeiteten Nummer aus Tanz- und Kampf-Choreografie, Folk-Gesang und Schauspiel, mit der sie die Geschichte von König Artus und den Rittern der Tafelrunde sinnhaft aufs Hier und Heute projizieren.
Das ist über lange Strecken höchst kurzweilig und amüsant, verliert aber nach einer Weile spürbar an Dynamik. Was dazu führt, dass politisch korrekte und pädagogisch allzu wertvolle Passagen viel Raum einnehmen. Dem mit beherztem Körpereinsatz prima gespielten Stück nimmt das einiges von seiner Spannung. (erl/nino/bin)
Nürnberger Nachrichten, 18.2.2008

Vielfalt der Formen
Kindertheater wird erwachsen
"Theater für alle Sinne" hatten die Organisatoren von Panoptikum angekündigt. Und genau das wurde dem Publikum geboten - eine Vielfalt an Theaterformen, Spiel- und Macharten zum Sehen, Hören, Spüren und Staunen. Die Abstimmung mit den Füßen gab den beim Theater Mummpitz im Kachelbau verorteten Machern recht: Schon zum Festival-Start waren 90 Prozent der Vorstellungen ausverkauft.
Das Kindertheater selbst ist aus den Kinderschuhen längst herausgewachsen. Biedere Märchenstunden und improvisierte Sponti-Vorstellungen waren gestern, die Ensembles arbeiten professionell und warten mit so ausgefeilten wie ausgefallenen Produktionen auf. Auch das Publikum verändert sich: Immer mehr Erwachsene besuchen die Vorstellungen, um sich gerne auch mal ohne Kinderbegleitung von den Stücken verzaubern zu lassen. Das Potenzial dazu ist vorhanden, wie beim diesjährigen Panoptikum nachzuprüfen war.
Renommee hat sich das internationale Theaterfest inzwischen auch über die Stadtgrenzen hinaus erspielt. Das würdigt nicht nur der bayerische Kunstminister Thomas Goppel, der für die 5. Ausgabe die Schirmherrschaft übernommen hatte. Auch die internationalen Fachbesucher sind ein Indiz für die Bedeutung des Festivals in Szenekreisen.
Für Nürnberg ist die Kindertheater-Szene ohnehin seit langem ein Markenzeichen, mit dem auch Politiker immer wieder gerne werben. Insofern ist es nur konsequent und überfällig, dass der Fortbestand von Panoptikum nun durch einen festen Etat im Haushalt der Stadt gesichert ist. Ein Polster, das eine vorausschauende Planung des nächsten Theatermarathons möglich macht. (Birgit Nüchterlein)
Nürnberger Nachrichten, 18.2.2008

Das tanzende Schwein und ein fleißiger Schutzengel
Panoptikum: Zweimal modernes Kindertheater
"Wie stellst du dir deinen Engel vor?", fragte Schauspielerin Wally Schmidt ihr junges Publikum zu Beginn der Aufführung des Figurentheaterstücks "Glittras Auftrag" im abraxas. Die Antworten der Viertklässler fielen fantasievoll aus – der vorgestellte Engel eines Mädchens etwa hat "eine Art goldene Windel" an. Glittra jedenfalls, der Engel aus dem Stück, ist eine kleine hübsche Figur in weißem Gewand, die alle Hände voll zu tun hat: Sie muss Martin beschützten und der hat es faustdick hinter den Ohren.
Glittra wendet all ihre Kräfte auf, um Martin vor einem Unglück zu bewahren – und verstößt dabei sogar gegen das Verbot aus der "Ewigkeit", nämlich, sich auf Erden sichtbar zu machen. Die Engelskollegen, besonders "Wächter" und "Verantwortung", sind verärgert und Glittra erfährt, "dass es selbst in der Ewigkeit Ungerechtigkeit gibt".
Wally und Paul Schmidt vom Theater Salz & Pfeffer aus Nürnberg erzählen mit ihren Figuren in "Glittras Auftrag" eine spannende Geschichte, die in eine himmlische – und doch so profane – Welt entführte. Fremd war den kleinen Zuschauern die Engels-Welt keineswegs: Viele Finger schnellten dann nach oben, als die Schauspielerin fragte, wer das Gefühl kenne, einen Schutzengel zu haben...
Schwungvoll ging es beim Festival Panoptikum außerdem mit dem Tanztheatersolo "Mein Schweineleben" für Kinder ab sechs weiter. Das Schwein (Steffi Sembdner vom SETanztheater Nürnberg) ist eigentlich zufrieden mit sich. Doch dann erfährt es, dass andere viel Wert auf Äußerlichkeiten legen und verwandelt sich in einen Schwan. Aber schon bald sehnt es sich zurück in seine alte Haut. Die Umwelt, die auf das tanzende Schwein in unterschiedlicher Weise einwirkt, wurde durch Videosequenzen eingeblendet – zum Beispiel anhand einer Szene in der Schule, wo Mitschüler das Schweinchen hänseln. Ansonsten kam das Stück fast ohne Worte aus.
Die Zuschauer amüsierten sich über das lustige bewegungsfreudige Schweinchen mit dem Ringelschwänzchen, wurden zwischendurch aber auch ein wenig unruhig. Das recht handlungsarme Stück hatte einige Längen, zum Beispiel während sich das Schwein (in einer Kiste versteckt) in einen Schwan verwandelt.
Auch an diesem Tag zeigte das Panoptikum-Festival verschiedene Facetten von modernem Kindertheater, das die Fantasie anregt, zum Lachen bringt und Denkprozesse anstößt. (rio)
Augsburger Allgemeine, 18.02.2008

Zum Wischmobbing nach Posemuckel
Joachim Torbahn steigert sein "Mal-Theater" im KaLi in ein Happening
Es gibt Theatererlebnisse, zu denen man alle Leute einfach hinschicken möchte. Weil Schilderungen niemals mithalten können mit der wunderbaren Stimmungsentwicklung, die aus absolut entspannter Spielerei wuchern kann – so wie jetzt bei der Premiere von "Kobold, Hans und Ballerina" frei nach Andersens "'Der standhafte Zinnsoldat" im Theater der Puppen. Wahrlich nicht nur für Kinder geeignet.
Joachim Torbahn, der Bildnerische im Team von Thalias Kompagnons, hat (in Regie von Partner Tristan Vogt) seine inzwischen weltweit tourende Erfindung des "Maltheaters" im dritten Versuch zum gemütsstreichelnden Ideal-Happening gesteigert. Die Bühne als Atelier, der Künstler als Hinterglasmalermeister, der am Spalier von Pinseln, Farben und Stempeln aus scheinbarem Nichts eine Welt voll poetischer Heiterkeit zaubert.
Es ist eine Art Bio-Theater mit Frische-Garantie, denn alle Ensemblemitglieder und ihr Umfeld werden auf offener Szene erschaffen. Torbahn im Malerkittel führt uns nach Posemuckel, der "Perle des Königreichs" und unser aller Provinzphantasien, wo ein Schloss über roten Schieferdächern thront und aus der Zinnsoldaten-Kaserne ein Schmachten zur Seidenpapier-Ballerina dringt.
Torbahn überlässt nach der Präambel "Dann probieren wir's aus!" als begnadeter Handlanger den Farben und Figuren die Szenerie, schenkt dem zum Teddy mutierten Ungeheuer diabolisches Live-Brummen, hilft mit pointierten Anmerkungen der Handlung auf die Sprünge und fährt als Furien-Kobold zum Wischmobbing hinein in eben entstandene Motive.
Dabei würde man jedes von ihnen gern gerahmt nach Hause tragen. Nix da, alles gehört der Phantasie. Toll! (Dieter Stoll)
Abendzeitung, 18.02.2008

Lieber lachen als gruseln
Helden zu Ungeheuern: King A, Herakles und Krabat bei "Panoptikum"
Der griechische Nationalheld mit dem beweglichen Kopf wirkt hüftsteif und ist keineswegs Herr der Situation. Mit solchen Ruhmreichen kennt sich der fränkische Masochismus aus. Weshalb auch die Erfahrungen zumindest gefühlt bis in die Antike zurückreichen. Da passt "Herakles", den Co-Regisseur Tristan Vogt mit dem Erfreulichen Theater Erfurt im KaLi vom Marmor-Podest kippte, zum Trip ins Mythenreich, den sich das Panoptikum-Festival (vor dem nächtlichen Abenteuer Schlittschuhlauf) leistete.
Die engagiert einsteigenden Launemacher vom Jungen Ensemble Stuttgart kitzelten in der Tafelhalle mit ihrem aufwirbelnden "King A" am Sagen-Reiz rasselnder Ritter-Magie und butterten der Lächellaune geschickt Werte-Debatten unter. Am Anfang stampften und sangen die Fünf als A Cappella-Delegation beim Flaggen-Appell Queens Kampfschrei "We Will Rock You" auf den Boden. Da war was dran.
Denn möglicherweise geht es bei dieser Tafelrunde gar nicht um den "King", sondern um die potenzielle "Queen" als Belastungsprobe von Männer-Beziehungen und 'positiven Kräften'. So stapelt das sattelfeste Ensemble in der "Ode an jedes Ritterherz" tollkühn Stühle und Ideale hoch, balgt sich um Eifersucht und Vertrauen, kombiniert Ringelsocken und Rendezvous mit schweren Stiefeln. Die Kronleuchter hängen schon zu Beginn reichlich herum, die König Artus später aufgehen. Der Bürger-King mit der tieferen Beziehung zu "Gerechtigkeit für jeden", Leitzordnern und Tagesordnung bettet - mit Merlin statt Merkel – den Reformwillen auf Wohlgefallen. Das Eckige landet im Tafelrunden.
Die Erfurter Erdscheibe, die dem Puppen-"Herakles" als Abenteuerspielplatz zwischen Orakel (Pythia war mit Bruce Darnell verwandt!) und Hausordnung (Augias-Stall und Hydra-Abmurksen) dient, hatte den Dreh weniger raus. Die anabolische Witzfigur in Gips wird zwar trockenwitzig vom Sockel geholt. Von den Socken haut einen die Kern-Bohrung aber nicht.
Für Otfried Preußlers geschwärztes Märchen "Krabat", das ist das mit dem magischen Müller und seinen verteufelt geknechteten Azubis, hat ein Trio aus Zürich und Liechtenstein unterhaltsame Übertragungsformen gefunden. Die gefeierte Deutschland-Premiere im Kachelbau jonglierte mit Rollenwechseln, Lust am Klang und sympathisch bodenständiger Komödiantik, die der verschrobenen Geschichte allerdings den Schrecken einfach entzieht. Es wird lieber gelacht als gegruselt – und deshalb hält sich das "Panoptikum" die Kuriositäter halt einfach vom Leib. (daer/D.S.)
Abendzeitung, 18.02.2008

Wo die Wichte hausen
Kindertheaterfestival "Panoptikum"
"Iiih, da schaut ja die Ritze raus!" Nicht wenige der jungen Zuschauer schüttelten ungläubig den Kopf. Eine teilweise Freilegung der Hinteransicht nennt man im Volksmund ein "Bauarbeiterdekollete" und dieses Malheur geschieht normalerweise unabsichtlich.
Nicht so bei "Lava – eine Bodenuntersuchung". Denn das Beinkleid des weiblichen Bodenforscher-Azubis ist derart weit, dass sich bei jedem Bücken besagter Anblick bietet. Den anwesenden Schülern einer 3. Klasse der Schweinauer Grundschule hat dieser running gag jedenfalls gefallen und auch insgesamt konnte das Stück bei seiner Premiere am Freitag im Rahmen des Kindertheaterfestivals "Panoptikum" überzeugen.
(...) Für "Lava" wurde extra eine Zeltkonstruktion im Freien errichtet, und die hölzerne und beheizte Jurte ist der passende Rahmen für eine atemberaubende Entdeckung.
Brenda Bertin und Jo Jochems mimen zwei bärbeißige Forscher, Katrien Pierlet deren zaghaften Lehrling. Durch Zufall hat das Trio bei Probebohrungen herausgefunden, dass es circa 15 Meter tief unter der Erdkruste, zwischen Maulwürfen und Würmern, eine unbekannte Welt gibt.
Deren Bewohner sind nicht einmal barbiepuppengroß, sie bilden Kommunen in menschlichen Koffern, essen Wurzeln und haben einen Sammeltick für Altpapier. Mit Hilfe einer Miniaturkamera werden die Wichte von den Forschern ausspioniert und auch das Publikum bekommt via Fernseher einen Schlüssellochblick in die fremde Gesellschaft geliefert.
Das Studio Orka aus Gent ist ein Kollektiv von Designern und Schauspielern, die eine Vorliebe für Absurditäten und Traumwelten verbindet. "Lava – eine Bodenuntersuchung" vermischt Slapstick mit einer kindgerechten Medienschelte. Denn 24 Stunden "Big Brother" unter der Erde findet bei den jungen Zuschauern wenig Anklang.
So verschiebt sich die kindliche Sympathie im Laufe der Handlung klar weg von den voyeuristischen Forschern hin zu den hilflosen Forschungsobjekten. Während der 50 Minuten Spielzeit werden die Kinder jedoch nicht nur berieselt, sondern auf unaufgeregte Art und Weise in die Handlung involviert. Das Ende von "Lava – eine Bodenuntersuchung" erfolgt abrupt und wird als solches nicht von jedem Besucher sofort erkannt. Dieser Umstand ist jedoch der einzige Makel beim kurzweiligen Forscherspektakel aus Belgien. (Thomas Susemihl)
Nürnberger Zeitung, 16.02.2008

Auf Knien zur Einsicht
Panoptikum-Festival: Sinnlich im Labyrinth und aufgeheitert beim Puppenspiel
Der Name der dänischen Theatertruppe, die sich mit ihrer "Kaleidoskop"-Produktion für vier Tage ins Nürnberger "Panoptikum"-Festival des Kindertheaters einklinkte, ist in diesem Fall Programm: Carte blanche gibt, wer sich ins Gastlabyrinth im Verkehrsmuseum begibt.
Zunächst ist einschließlich der Schuhe alles abzulegen, was am Fortkommen hindern könnte – denn die wartenden weichen Röhrentunnel erfordern krauchendes Engagement. Auf Knien zur Einsicht geführt und solchermaßen neue ästhetische Räume der Wahrnehmung erschließend, lässt sich der Betrachter durch Spiegeltüren von Sinneshöhle zu Sinneshöhle leiten, lauschend, tastend, riechend und der eigenen und allgemeinen Verunsicherung mehr oder weniger tapfer entgegenkrabbelnd. Als Kombination von Erfahrungsfeld der Sinne mit Alices verwirrendem Wunderland eine erstaunliche, intensive Begegnung mit dem Schönen (auch als des Schrecklichem Anfang bekannt).
Die "Goldene Gans" des renommierten Puppentheaters Halle zeigte eine ganz gegensätzliche Theaterform: Minimale Mittel erzeugen hier maximales sinnliches und nachdenkliches Vergnügen. Auf raffiniertem Rollbandtisch wird die alte Geschichte vom dummen, doch erfolgreich Gans und Gattin gewinnenden Königssohn zwischen den beiden Erzähler-Akteuren im wahrsten Sinne des Wortes aufgerollt, einschließlich kleiner Gemeinheiten und Konkurrenzen auf interaktiver Ebene. Da streitet man sich schon mal ums güldene Geflügel!
Aufgebracht werden die (meisterhaft) laubgesägten Mehrzweckwälder und –Schlösser nebst agierendem Personal hin- und hergekurbelt, wird die märchenhafte Handlung mit Brüchen und Reflexionen garniert bis – gans gut, alles gut – die Spieluhr den Puppenhochzeitswalzer in glücklichen Gang setzt. (bbb)
Abendzeitung, 16.02.2008

Kindertheaterfestival "Panoptikum" feierte Eröffnung
Man kuschelt und tuschelt wieder
Passend zum Leitmotiv des fünften "Panoptikums" mussten die Ehrengäste bei der Eröffnungsfeier einige Tests bestehen. Das Kindertheaterfestival hatte sich den fünf Sinnen verschrieben, also wurde beispielsweise Grünen-Stadtrat Jürgen Wolff dazu verdonnert, zu erfühlen, welcher Gegenstand sich in einem Samtsäckchen befand. Seine Kollegin von der SPD, Ruth Zadek, musste sich ein Gruppenbild der Festivalorganisatoren einprägen. Nachdem sie für ein paar Sekunden die Augen geschlossen hatte, sollte sie die Veränderung finden.
Im Großen und Ganzen kann man sagen, dass sich die Probanden gar nicht so schlecht angestellt haben – wenn man mal davon absieht, dass beide einige Zeit brauchten, um warm zu werden. "Solche Spiele machen wir mit Kindern in Theaterworkshops. Die sind da ziemlich schnell", stichelte Mummpitz-Geschäftsführer Michael Bang amüsiert.
Eine ziemlich schlechte Figur gab eigentlich nur der Schirmherr des Festivals, Thomas Goppel, ab. Nicht weil er, anstatt persönlich vorbeizukommen, nur per Eilboten einen Videogruß geschickt hatte. Was unfreiwillig komisch wirkte und entsprechend für Lacher sorgte, war die Aufmachung der Botschaft: Da saß der Minister zwischen verlegen grinsenden Kindern und richtete an ein kaum vorhandenes, kindliches Publikum im Foyer des Kachelbaus den ambitionierten Wunsch: "Ich möchte nach dem Festival im ganzen Land hören, wie total super es euch in Nürnberg gefallen hat! Und jetzt wünsche ich euch noch einen guten Tag. Den braucht man nämlich. Auch für so ein Grußwort."
"Jetzt wissen wir, wie sich der bayerische Kultusminister ein Kindertheaterfestival vorstellt" kommentierte OB Ulrich Maly süffisant. Sein Grußwort sorgte zwar auch für Heiterkeit, was allerdings vom Redner beabsichtigt war. Maly prägte auch eine sehr eingängige
Metapher: Der Festivalstandort Nürnberg sei "ein kleines gallisches Dorf im Kampf gegen die Verbannung von Sinn und Sinnlichkeit von den Bildschirmen." So was falle ihm ein, wenn er abends noch lange im Büro sitzt, meinte unser aphoristisch begabtes und derzeit aus bekannten Gründen sehr gestresstes Stadtoberhaupt.
Auch mit der Bezeichnung "Marktplatz zum Kuscheln und Tuscheln" lag Maly nicht falsch, ist doch jedes "Panoptikum" auch Fachmesse und Inspirationspool für Theaterleute aus aller Welt. Sogar Delegationen aus Indien, Bangladesch, Sri Lanka, Pakistan, Israel und Russland sind angereist, wie man zum Teil sehen konnte und die künstlerische Leiterin Andrea Maria Erl stolz verkündete. Mindestens ebenso erfreut zeigte sie sich über die Tatsache, dass jetzt bereits 90 Prozent aller Vorstellungen ausverkauft sind. Ob das ein Indiz dafür ist, dass die Sinne doch das "Fenster zur Seele" sind, wie es in der Philosophie heißt? Eine starke Sehnsucht nach guten, theatralen Sinnesreizen zeigt es allemal.
Sehendes Hören stand beim Eröffnungsstück "Queen" des Schweizer "Theater Sgaramusch" im Mittelpunkt. Nora Vonder Mühll und Gerhard A. Goebel mimten Hörspielsprecher, die das intrigenreiche Ränkespiel zwischen Maria Stuart und Elisabeth I. inklusive diverser hochdramatischer amouröser Verwicklungen in den Lebenswegen der beiden Frauen auf Band bannen wollen. So verwandelt sich das Theater in eine Hörspielwerkstatt, inklusive "Sturm" im Putzeimer und mit Kokosnüssen erzeugtes "Hufgetrappel". Carol Blancs Inszenierung richtet sich an Menschen ab zehn Jahren, wobei auch Erwachsene den Einfällen manches abgewinnen können. Zumal, wenn sie zu schwarzem Humor neigen. Nachdem Maria Stuarts Liebhaber beim "ersten Bombenattentat der Geschichte" ums Leben kommt, taucht mit den Worten "Das war Didley" eine Holzente auf.
Das mag ein Grund sein, warum das Stück erst ab zehn Jahren angesetzt ist. Ein weiterer ist sicherlich, dass man den ganz Kleinen, also den Hauptkonsumenten von Hörspielen, ihre Bilder im Kopf noch nicht nehmen möchte. "Queen" bürstet nämlich das "Kopfkino" ganz schön intelligent gegen den Strich.
(Christina Roth)
Nürnberger Zeitung, 15.02.2008

Einladung zum Sinnesrausch mit Witz und Charme
Das Kindertheater-Festival Panoptikum begann mit poetischen, frechen und abenteuerlichen Gastspielen
Mit einer pfiffigen Eröffnungsparty startete das Internationale Kindertheaterfestival Panoptikum, das parallel in Nürnberg und Augsburg läuft, in die 5. Runde. Zum Auftakt waren höchst anregende Beiträge aus der Schweiz, den Niederlanden und Dänemark zu sehen.
Wenn das beim Nürnberger Kindertheater Mummpitz verortete Organisationsteam das Festival unter das Motto "Theater für alle Sinne" stellt, dann ist das nicht bloß Augenwischerei. Was es mit dem Sehen, Fühlen, Schmecken, Hören und Riechen auf sich hat, durften die Gäste der heiteren Eröffnungsfeier - darunter Fachpublikum aus Indien, Sri Lanka, Pakistan und Russland - bei Musik, Süßkram und raffinierten Vexierbildern selbst nachprüfen. Staunen und Schmunzeln konnte man über die Videobotschaft des verhinderten Festival-Schirmherrn Thomas Goppel. Dem bayerischen Kunstminister hatte wohl niemand verraten, dass zum Start von Panoptikum regelmäßig fast nur Erwachsene zugegen sind. So mimte der Minister den netten Onkel aus München, der die Versammelten fröhlich duzte.
Den grandiosen Auftakt in Sachen Theater zauberte danach des Schweizer Theater Sgaramusch auf die Bühne. Wenn das Festival den Sinnen gewidmet ist, dann gab es im Stück "Queen" von Nora Vonder Mühll und Gerhard Goebel vor allem etwas auf die Ohren. Ein sparsam möbliertes Tonstudio genügt den beiden, um die ganze, wenn auch manchmal etwas unorthodoxe Geschichte der Königin Elisabeth von England und ihrer Kontrahentin Maria Stuart von Schottland zu erzählen. Ungeheuer witzig, voll treffsicherer Pointen, mit viel Gespür für Timing und einfachem Gerät für große Effekte entwickeln sie beim "Making of" ihres Bühnenhörspiels Stoff für das Kino im Kopf. In der straffen Story über Staats- und Liebesaffären sind sie mal Sprecher, mal Figur. Das (hauptsächlich erwachsene) Publikum ist von Anfang an dabei und spielt mit Eifer das "Volk", das im Chor auch mal den Kopf eines abgelegten Königin-Gatten fordert. Wunderbar!
Zum großen Parcours durch alle Sinne lädt die dänische Truppe Carte Blanche im DB-Museum, denn in den Nürnberger Kindertheatern hätte ihre raumgreifende Installation aus Tunnelgängen und Spiegelkabinetten schlicht den Rahmen gesprengt.
Die Dänen werfen gängige Theatererwartungen erstmal über den Haufen, bitten zum Ablegen des Schuhwerks und lotsen ihre Zuschauer dann in ein rätselhaftes Zauberreich, das unvermittelt die Größenverhältnisse ändert und eigene Regeln hat.
Man tritt wie Alice hinter die Spiegel. Vier traumhaft kostümierte Darstellerinnen müssen erstmal mit einem Lufthauch aus ihren leicht zwanghaften Bewegungsmustern erlöst werden, dann krabbelt man gruppenweise in winzige Kabinette, in denen man einfach Kind spielt: dem schummrigen Licht in einem Straußenei folgt, mit Sprudeltabletten, Zuckersaft und Kaffee gemeinsam eine bunte Farb-Pfütze zaubert oder mit dem Stethoskop im beinahe dunklen Stoffgemach dem eigenen Herzschlag lauscht.
"Kaleidoskop" ist eine wunderbar poetische, witzige Interaktions-Performance, ein Sinnes-Kunst-Erlebnis mit Charme, allerdings nichts für Leute mit Angst vor engen Räumen. (Restkarten gibt es noch für die Aufführung am Samstag um 15.30 Uhr).
In der Tafelhalle werden unterdessen Regale gebaut. Wer dabei an "Billy" denkt, liegt falsch. Andreas Denk und Jordi Casanovas aus den Niederlanden mimen in einem mit Büchern und anderem Kram vollgestopften Glashaus die ambitionierten Handwerker. Wobei der eine den Büchern zugetan ist, während der andere emsig am Sägen und Plappern ist. Nach tänzerischen Balanceakten und Gratwanderungen auf Holzbohlen halten surrende Akkubohrer die fragile Regalkonstruktion. Ein absurder Slapstick mit viel Körpereinsatz. (Birgit Nüchterlein / Katharina Erlenwein)
Nürnberger Nachrichten, 15.02.2008

Heimwerker im Glashaus und Königstod im Müll
Das Nürnberger "Panoptikum"-Festival startete in bester Laune
Etwas kühn formulierend könnte man sagen, dass "Kindertheater" immer am besten ist, wenn es nicht so aussieht, als ob es für Kinder gemacht wäre. Beim Nürnberger "Panoptikum"-Festival, das noch bis Montag an sechs Aufführungsorten beispielhaftes Auslese-Programm "aus Bayern und Europa" präsentiert, wurde das zum Start mit absolut zeigefingerfreien Produktionen aus Holland und der Schweiz bestätigt. Da können Eltern und Kinder nach Belieben getrennt oder gemeinsam lachen.
Den Begriff "Tanztheater", der das "große" Publikum nach wie vor scharf teilt in kreischende Fans und bekennende Ignoranten, haben die "Panoptikum"-Manager mutig zum programmatischen Schwerpunkt ernannt. Die Deutschland-Premiere des Utrechter Tänzer-Duos Andreas Denk/Jordis Casanovas, die selbstbestimmt auch Choreographen der nach allen Seiten ausscherenden, von Slapstick bis zur Trapez-Artistik reichenden Körpersprache sind, bestätigt die Entscheidung.
Ein Wohn-Treibhaus voll jener Unordnung, die nach Kreativität geradezu schreit, ist auf der Tafelhallen-Bühne errichtet. Überall Bücher, Bretter, Werkzeug. Zwei Herren stehen vor der Frage: "Was ist los?" Ihre Bewegung im Chaos ist annähernd schwerelos. Sie verständigen sich überwiegend nonverbal auf den Heimwerker-Traum, ein schönes Regal unfallfrei zu errichten, und tauchen in das Abenteuer, das daraus entsteht. Das ist "Guck mal, wer da hämmert", könnte aber auch als Beiprogramm zur Kunsthallen-Ausstellung mit Hausgeräte-Dompteur Mathieu Mercier durchgehen. Eine angenehm entspannte Parabelstunde über die Vorzüge von Partnerschaft: "Tanztheater", das ungespreizt Action macht.
Ganz anders, mit der Simulierung eines live produzierten Hör-Spiels, hatte zuvor das renommierte Theater Sgaramusch aus Schaffhausen dem Festival das nötige Maß an guter Stimmung geschenkt. Mit Carol Blancs "Queen", einer quasi aus der Perspektive des Synchronstudios aufschäumenden Schnell-History um die schottische Maria Stuart und ihre sonnigeren Kopf-ab-Gespielen, wird Bildung zum Naschwerk. Vom Intrigenkarussell, das mit jeder Drehung imaginäre Figuren abwirft (manche existieren sowieso nur als Ton-Cassette und enden im Mülleimer) wird es keinem schwindelig. Alles bleibt Spaß und wird – sofern die Zuschauer nicht grade Schiller-Dramen pauken – am Ende keine Spur hinterlassen. Darin steckt auch Qualität, denn der Trocken-Witz, den die Akteure im Wechsel von Rollen-Aneignung und Außenbetrachtung pflegen, bewahrt seine Eigenart. Auch wenn er schon während der Vorstellung ins Beliebige driftet.
Das Publikum am Eröffnungsabend, lauter Erwachsene, jubelte dem unterhaltsamen Spektakel zu. Zuvor, bei der Festival-Eröffnung, hatte Bayerns Kunstminister Thomas Goppel per Video-Botschaft aus München die lieben Kleinen gegrüßt. Die netten Alten waren so jugendfrei und freuten sich auch. (Dieter Stoll)
Abendzeitung, 15.02.2008

Hufgetrappel mit Kokosnüssen
"Panoptikum", das Kindertheaterfestival startet im Kulturhaus Abraxas mit zwei Stücken: "Queen" und für die ganz Kleinen "Feuerrot"
Lautes Gelächter schallt durch den Theatersaal im abraxas, als der tollpatschige Feuerwehrmann (Emmeran Herringer) der Zirkusakrobatin (Christiane Ahlhelm) den Umhang vom Leib reißt. Das Publikum, bestehend aus Kindergartenkindern, kringelt sich vor Lachen. Auf der Bühne: Das Theater Kunstdünger mit dem Stück "Feuerrot". Die Akrobatin ist verdutzt: Ihr Kostüm ist futsch, sie ist allein im Zirkus – was nun? Kurzerhand wird der Feuerwehrmann zum Pferd umfunktioniert und muss Kunststücke machen. Er findet zunehmend Gefallen an seiner neuen Rolle. Nach und nach wird er zum Akrobaten, klettert aufs Hochseil und zaubert die Zirkusartistin gar kurzzeitig weg, während diese immer mehr in seine ursprüngliche Rolle schlüpft. Zuletzt trägt sie seine Uniform und fährt mit seinem "Feuerwehrauto", einem Fahrrad mit Stützrädern und Anhänger. Kräftiger Applaus der kleinen Zuschauer zum Schluss. Während das Stück selbst fast ohne Worte auskommt, stellen sich die beiden Schauspieler anschließend den Fragen der Kinder. Die sind allerdings ein bisschen zu jung, um über das Gesehene zu reflektieren und wollen nach 45 Minuten auch nicht mehr stillsitzen. Immerhin erklären die Schauspieler noch den einen oder anderen Trick – zum Beispiel wie der Feuerwehrmann die Artistin wegzaubern konnte. Es bleibt die Erinnerung an jede Menge Spaß und ein tolles Theatererlebnis.
Ein Theaterhörspiel für Kinder ab zehn steht zum Festivalauftakt ebenfalls auf dem Programm: "Queen" vom Schweizer Theater Sgaramusch. Das Publikum sieht sich in ein Tonstudio versetzt, in dem ein Stück über Königin Elisabeth I. und Maria Stuart aufgezeichnet werden soll. Das Theater macht sich selbst zum Thema: Die beiden Schauspieler (Nora Vonder Mühll und Gerhard A. Goebel) mimen die Sprecher im Tonstudio, die wiederum in die Rolle von Elisabeth, Maria und deren Liebhaber schlüpfen. Irgendwann macht sich sogar der Erzähler vom Tonband selbständig und gibt den Schauspielern Anweisungen. Die Zuschauer dürfen durch lautes Schreien an der Produktion mitwirken. "Queen" ist ein ideenreiches Theaterstück für sämtliche Sinne, besonders für die Ohren – Kokosnuss-Getrappel und Kieselstein-Knirschen inklusive.
Das Festival Panoptikum, das vom Jungen Theater Augsburg und dem Nürnberger Theater Mummpitz präsentiert wird, ist mit diesen beiden Aufführungen erfolgreich in die erste Runde gestartet. Es gibt Einblicke in das zeitgenössische Theater für junge Zuschauer und bringt Kindern die spannende Bühnenwelt näher. (rio)
Augsburger Allgemeine, 14.02.2008

Sind wir alle da!
Panoptikum nimmt Kinder ernst – und hält sie zugleich bei bester Laune. Selbst Erwachsene reißen die Augen auf vor Staunen, wie einfallsreich Kindertheater heute sein kann. Panoptikum macht eine Bühnenwelt auf, die viel weiter geworden ist als die von Kasperle und Krokodil.
Für ihr Kinderpublikum machen die aus ganz Europa anreisenden Gruppen bei Panoptikum mit Hingabe und viel Fantasie ein Theater, das über Puppenspiele mit Kasperle und Krokodil noch weit hinausgeht. Alle fünf Sinne sprechen sie an. Ihr Theater soll nicht nur sichtbar und hörbar sein – es soll am Besten schmecken, riechen, sich anfassen lassen.
Hautnah dabei sein, wenn Zwei beim Aufräumen in einem Haus bloß noch mehr Chaos stiften, ist da ein Beispiel. Das komische Tanztheater „Que Pasa?“ aus den Niederlanden handelt vom Bau eines Regals, das unbedingt her muss, weil im Haus vor lauter Büchern kein Platz mehr zum Sitzen ist. Voll Eifer tanzen die Hobbyhandwerker los, richten aber eine Slapstick-Katastrophe nach der anderen an. Den Kindern bringen sie wie nebenbei die Leichtigkeit und den Ausdruck von modernem Tanz bei, nicht mehr ganz Ballett, noch lange nicht abstrakt.
Die emotionale Intelligenz spricht das Stück „King A“ an, wenn es die alte Artussage nicht einfach nacherzählt, sondern junge Schauspieler in der Rolle von jungen Schauspielern die Zeit der Ritter und Ritterlichkeit neu entdecken lässt. Die Kinder verfolgen, wie die Schauspieler Tolles und Schwieriges in der Handlung und den Charakteren verstehen lernen und daraus Werte für sich selber ziehen. Das Kindertheaterfestival Panoptikum ist vom Theater Mummpitz im Jahr 2000 initiiert und seither jährlich abgehalten worden. Die Theater Rootslöffel und Pfütze sowie die Tafelhalle schlossen sich an. In diesem Jahr gibt es 10 Produktionen aus Dänemark, Liechtenstein, Belgien, Schweiz, Niederlande, Schweden, Österreich, Kroatien und Deutschland zu entdecken sowie 14 Produktionen aus Bayern.
(Daniel Kreiss)
www.lottaleben.net, 13.02.2008

Die Bühne als Lehranstalt?
Fragen zur Theaterpädagogik beim "Panoptikum"-Festival
Am 13. Februar startet das Kindertheater-Festival Panoptikum in Nürnberg. Nicht nur mit sehenswerten Produktionen aus ganz Europa, sondern auch mit einem begleitenden Symposium zum Thema Theaterpädagogik, die sich spätestens seit dem Pisa-Schock ganz neuen Erwartungen gegenüber sieht.
Ganz selbstverständlich wird derzeit vorausgesetzt, dass Theater auch zur Bildungsdebatte beiträgt – man hat auch in Kultusministerien entdeckt, dass Theaterspielen und –sehen die vielfach geforderten Kernkompetenzen fördern kann. Theatergruppe an Schulen und Jugendclubs an Theatern boomen.
"Theaterpädagogik – quo vadis?" fragt deshalb das Fachsymposium mit hochkarätigen Referenten. "Wir müssen neu definieren, was hier wer voneinander erwartet", erklärt Annette Trümper, Organisatorin des Symposiums und Dramaturgin für die Theater Pfütze und Mummpitz. "Uns fällt auf, dass die pädagogischen Angebote, die es seit vielen Jahren nicht nur an den Nürnberger Theatern gibt, gar nicht genug wahrgenommen werden."
Dabei geht es ihr nicht nur um kurzfristige Aushängeschild-Projekte, sondern um eine langfristige Zusammenarbeit zwischen Schulen und Kunstschaffenden. "Von den Schulen wird unglaublich viel erwartet und das in kürzester Zeit. Nicht alles können sie aber selbst leisten", erklärt Trümper die Funktion der Theater. Wobei momentan das Theaterspielen an Schulen beliebter sei denn je. Das bisherige Publikum steht mehr und mehr selbst auf der Bühne. "Aber man darf nicht auf den Effekt schielen, den etwa 'Rhythm is it' mit den Berliner Philharmonikern hatte. Alle reden darüber und das war's dann. Das muss langfristiger laufen."
Die aktuelle Aufmerksamkeit für das Thema tut den Künstlern natürlich gut. Dass Theaterarbeit aber immer stärker als soziokultureller Unterricht gesehen wird, findet Trümper zu einseitig. "Es geht noch immer um Kunst, und ich kann im Theater sehen, wie die auf mich wirkt. Das darf ruhig auch mal verwirren!" Wobei sie feststellt, dass jüngere Theaterpädagogen, die aus den zahlreichen Studiengängen kommen, "immer cooler" werden und neue Spielformen ausprobieren.
Bei den Diskussionen soll es aber auch um die Verteilungsdebatten im Hintergrund gehen. Weil Theaterprojekte gerade als wichtige gesellschaftliche Elemente erkannt werden, fließt auch Geld. "Aber an wen und was mache ich damit?" heißt die provokante Frage. Stoff für heiße Diskussionen.
(Katharina Erlenwein)
Nürnberger Nachrichten, 07.02.2008

Flocke lockt ins Theater
Festival „panoptikum“ für junge Zuschauer
Spannende Einblicke ins zeitgenössische Theater für junge Zuschauer bietet das Festival „panoptikum“ von 13. bis 18. Februar in Augsburg und Nürnberg. Ensembles aus Deutschland und neun europäischen Ländern präsentieren 24 Inszenierungen.
Glücklicher Zufall für Nürnberg. Da zieht die Stadt mit Eisbärchen Flocke die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf sich. Und dann gastiert auch noch Kindertheater mit einem bärigen Stück. Im Rahmen des Kindertheaterfestivals „panoptikum“ zeigt das Figurenthea ter Lanzelot das Stück „Der kleine Eisbär und der Angsthase“ (nach Hans de Beer). Ein zauberhaftes Lehrstück: Lars, der kleine Eisbär, befreit das Schneehasenmädchen Lena aus einem Schneeloch. Doch eines Tages, als der übermütige Lars in Gefahr gerät, hat auch Lena ihre Chance, Mut zu zeigen. Gedanken an Theaterpädagogik mögen mitspielen, in erster Linie aber gehe es um Spaß am Theater, versichert die Leiterin Andrea Maria Erl.
Das Festival verdankt seine Entstehung dem 950-jährigen Stadtjubiläum Nürnbergs im Jahre 2000. Das „Theater Mummpitz“ stellte damals ein vielbeachtetes internationales Festival auf die Beine. Zwei Jahre später taten sich die Nürnberger mit dem „Jungen Theater Augsburg“ zusammen.
Das Programm eröffnet spannende Einblicke ins bayerische und europäische Theater für junge Zuschauer. Zehn Inszenierungen aus neun europäischen Ländern sind neben hochkarätigen deutschen Produktionen zu sehen, darunter das kürzlich mit dem Brüder-GrimmPreis ausgezeichnete Theaterstück „King A. Eine Ode an jedes Ritterherz“, mit Tanzeinlagen und Musik gespielt von JES, dem Jungen Ensemble aus Stuttgart. Die vier Sinne „Fühlen, Riechen, Sehen und Hören“ werden im „Outdoor-Theater“ (Theater im Zelt) angesprochen.
Ein Schwerpunkt des Festivals liegt in Nürnberg, aber auch Augsburg wartet mit sehenswerten Produktionen auf. „Max und Murx“ setzt sich in Anlehnung an Wilhelm Busch mit dem Thema Jugendgewalt auseinander. Das im Rap-Rhythmus vorgetragene Moritatenstück – sieben Streiche in moderner Umgebung – stellt sich der Frage: Was würden Max und Moritz heute anstellen? „Du siehst Gespenster“ erzählt auf leichte Art von einem schweren Schicksal.
Poetisch gefärbt ist das Clownstheaterstück „Feuerrot“, das verschiedene Welten einander begegnen lässt. Tanztheater, Theater-Hörspiel und Erzähltheater runden ein vielseitiges Programm ab, das für Kinder und Jugendliche, aber auch für erwachsene Zuschauer einiges zu bieten hat.
(Martin Blättner)
Bayernkurier, 2. Februar 2008

Fünftes Kindertheaterfestival soll alle Sinne ansprechen
Nürnberg/Augsburg (dpa) Das fünfte Kindertheaterfestival panoptikum steht in diesem Jahr unter dem Motto «Theater für alle Sinne». Vom 13. bis 18. Februar sollen 23 Ensembles über 50 Vorstellungen an verschiedenen Spielorten in Nürnberg und Augsburg präsentieren.
«Wir wollen Theater nicht nur klassisch auf die Bühne bringen, sondern für alle Sinne erfahrbar machen», sagte Andrea Maria Erl vom Nürnberger Theater Mummpitz. Die Produktionen sollen Kinder aller Altersstufen ansprechen, unterhalten, aber auch auf problematische Themen hinweisen.
Das Kindertheaterfestival panoptikum wurde im Jahr 2000 vom Nürnberger Theater Mummpitz ins Leben gerufen. Zwei Jahre später wurde die Veranstaltung zusammen mit dem Jungen Theater Augsburg als Bayerisch-Europäisches Kindertheaterfestival ausgerichtet. Seither werden alle zwei Jahre zehn europäische Produktionen nach Nürnberg eingeladen. In Augsburg werden Kindertheaterstücke aus Bayern auf die Bühne gebracht.
Schwäbische Zeitung (online), 31. Januar 2008

Ein Fest für alle Sinne
5. Ausgabe des Kindertheater-Festivals Panoptikum
Man könnte fast schon von schöner Tradition sprechen: Vom 13. bis 18. Februar geht das alle zwei Jahre stattfindende Kindertheater-Festival «Panoptikum» zum fünften Mal über verschiedene Bühnen in Nürnberg. 23 Ensembles aus Deutschland und Europa geben dabei in rund 50 Vorstellungen Einblick in die diversen Strömungen zeitgenössischen Kindertheaters.
Bei aller Beachtung, die das parallel auch in Augsburg laufende Festival bisher schon genießt - eines dürfte die Nürnberger Organisatoren um Andrea Maria Erl vom Theater Mummpitz besonders beruhigt haben: Zusammen mit dem Filmfestival Türkei/Deutschland sowie dem Menschenrechts-Filmfestival teilt sich Panoptikum künftig eine städtische Haushaltsstelle, die mit insgesamt knapp 120 000 Euro ausgestattet ist. Für Panoptikum sind davon jährlich 22 000 Euro reserviert - eine Sicherheit, die eine entspanntere, vorausschauende Planung möglich macht. Die vierte Festival-Ausgabe 2006 war schließlich noch ein echter Finanz-Kraftakt gewesen. Zudem hatte die dreiköpfige Auswahlcrew um Andrea Maria Erl in der Vergangenheit auf einige Gast- Ensembles verzichten müssen, weil deren Terminkalender schon voll waren, als der von etlichen Sponsoren, Stadt und Freistaat bestückte Panoptikum-Etat endgültig stand.
In diesem Jahr steht der Bühnenmarathon für die Kleinen unter dem Motto «Theater für die Sinne». «Wir wollen Theater nicht nur klassisch auf die Bühne bringen, sondern es für alle Sinne erfahrbar machen», erklärt Andrea Maria Erl. Deshalb bieten die Inszenierungen aus Deutschland, der Schweiz, Österreich, Belgien, den Niederlanden, Dänemark, Schweden und Kroatien nicht nur Stücke zum Sehen und Hören, sondern auch zum Fühlen, Riechen und Mitmachen. Gespielt wird beim Kooperationspartner Tafelhalle und in den Häusern der Nürnberger Kindertheater Mummpitz, Pfütze, Rootslöffel sowie im Theater der Puppen im Kali.
Als neuer, ungewöhnlicher Spielplatz ist das DB Museum in der Lessingstraße dazugekommen. Dort ist vom 14. bis 17. Februar das dänische Ensemble Carte Blanche zu Gast, das in seinem Stück «Kaleidoskop» Theater und bildende Kunst verschmelzen lässt und verspricht, sein Publikum durch verschiedene Sinnesräume zu führen (ab 8 Jahren).
Zur Eröffnung des Festivals, das Fach-Besucher aus der internationalen Theaterszene anzieht, wagen bewährte Panoptikum-Gäste am 13. Februar Neues. Das Schweizer Theater Sgaramusch präsentiert mit «Queen» ein Hörschauspiel über den Königinnenstreit zwischen Maria Stuart und Elisabeth. Das Publikum ist live bei der Produktion dabei (ab 10). Ein König, nämlich Artus, steht im Mittelpunkt des Stücks «King A», in dem das Junge Ensemble Stuttgart die Ritter der Tafelrunde mit Musik, Gesang und Tanz wieder aufleben lässt (ab 9).
Ins Innere der Erde geht’s auf der Wiese vor dem Kachelbau des Theaters Mummpitz. Dort kann man das belgische Studio Orka bei seiner «Bodenuntersuchung» begleiten - echtes Outdoortheater also (ab 6). Zwei Produktionen - «Wer bist du?» der kroatischen Truppe «kazaliste mala scena» sowie «Überraschung» vom Theater Dschungel Wien - sind für die kleinsten Zuschauer ab drei Jahren gedacht, und auch die großen Nürnberger Ensembles sind mit ihren Produktionen vertreten. Thalias Kompagnons alias Joachim Torbahn und Tristan Vogt sogar mit der Premiere ihres neuen Maltheaterstücks «Kobold, Hans und Ballerina» nach Andersens Märchen vom standhaften Zinnsoldaten (16. Februar; ab 5).
Insgesamt 23 Inszenierungen sind zu sehen. Neben soviel Bühnenspektakel darf auch ein bisschen Theorie und Politik sein. Im Rahmen eines dreitägigen Symposiums soll das Verhältnis zwischen Theaterpädagogik und dem Theater für junge Zuschauer diskutiert werden.
(Birgit Nüchterlein)
Nürnberger Nachrichten, 30. Januar 2008

Mobbing für Anfänger
Kindertheater bei «Panoptikum»
Das Kindertheaterfestival «Panoptikum« hat sich längst einen Platz in der Stadt erobert, daran ließen die Verantwortlichen keine Zweifel. «Kinder dürfen nicht nur Theater machen, sie brauchen auch Theater«, bekennt Kulturreferentin Julia Lehner mit einem Lächeln. Die fünfte Auflage von «Panoptikum« wird vom 13. bis 18. Februar abgehalten, der Fokus liegt wieder auf internationalen Produktionen. Kooperationspartner ist wie gehabt Augsburg, dort gibt es jedoch einen Schwerpunkt auf Kindertheater aus Bayern.
«Wir wollen uns vom klassischen Weihnachtsmärchen absetzen«, unterstreicht die künstlerische Leiterin Andrea Maria Erl. Es wurde darauf geachtet, dass die Festival-Inszenierungen das wirkliche Leben widerspiegeln. Und dieses würde nun einmal, sagt Erl, auch Themen wie Tod oder Mobbing beinhalten. Ein Überthema bei der Auswahl gab es nicht, das Motto des diesjährigen «Panoptikum» wurde eher beiläufig gefunden. Es lautet «Theater für die Sinne«, da nicht nur klassische Theaterformen zur Aufführung kommen: Vielmehr sollen alle Sinnesorgane der Zuschauer angesprochen werden.
Einen sehr eigenen Weg geht dabei das Schweizer Ensemble Sgaramusch mit dem Stück «Queen«. Ein Theaterhörspiel um Liebe, Macht und Intrigen, das in einem Tonstudio den Streit zwischen Maria Stuart und Elisabeth von England nachskizziert. «Queen« ist für Kinder ab 10 Jahre konzipiert und eröffnet das Festival am 13. Februar im Theater Mummpitz im Kachelbau.
Die Wiese davor bietet die Bühne für «Lava - eine Bodenuntersuchung«. Das belgische Stück für Kinder ab 6 handelt von einer geheimen Welt unter der Erde. Die Vorstellungen finden in einem Zelt statt und bieten jeweils nur Platz für 35 Zuschauer. Auch die Plätze bei «Kaleidoskop« sind limitiert. Eine Verschmelzung von Theater und bildender Kunst, für Kinder ab 8 geeignet. Die dänische Produktion hat in der neugewonnenen Spielstätte DB-Museum einen idealen Raum.
Die Tafelhalle ist seit Anfang an bei «Panoptikum« dabei. Für das niederländische Stück «Que Pasa?« wird dort extra ein Glashaus aufgebaut. «Die Marx Brothers im Baumarkt, dargestellt von Tänzern und ohne Sprache«, erwarten laut Erl das Publikum ab 6. Eine Fingerübung in Demokratie sei «King A«: Das Junge Ensemble Stuttgart führt Kinder ab 9 in rasanter Art und Weise in die Mythenwelt von König Arthur.
Anhand von Laubsägearbeiten erzählt das Puppentheater Halle für Sechsjährige aufwärts die bekannte Geschichte «Die Goldene Gans«. Spielort ist das Theater Pfütze in den Sebalder Höfen. Auch für die Jüngsten (ab drei) stehen zwei Produktionen auf dem Spielplan. Das Ensemble Dschungel aus Wien zeigt ein Spiel, bei dem große und kleine, schöne und traurige «Überraschungen« im Mittelpunkt stehen. «Und wer bist du?« erzählt vom Aufeinandertreffen zweier Kulturen – und dies ohne jedes Klischee.
Ganz neu ist 2008 ein Symposium, welches sich um die Frage «Zusammenspiel? Theaterpädagogik und Theater« dreht.
(Thomas Susemihl)
Nürnberger Zeitung, 30. Januar 2008

Buddeln in der Unterwelt
Theater aus ganz Europa: 23 Stücke bei Panoptikum in Nürnberg
Kinder, so sprach Kulturreferentin Julia Lehner bei der gestrigen Vorstellung des Festivalprogramms von "Panoptikum 2008" mit richtiger Betonung, "dürfen nicht nur Theater machen, sie brauchen auch Theater". Die Versorgung, die in Nürnberg längst von der "freien", inzwischen halbwegs etablierten Szene übernommen wurde, findet seit 2000 im Zwei-Jahres-Sprung und nun vom 13. bis 18. Februar zum fünften Mal ihren Höhepunkt im internationalen Formum. 10 Ensembles aus 9 Ländern zeigen 23 Produktionen in mehr als50 Vorstellungen an acht Orten. Da dürfen, ja sollen auch Erwachsene reinspitzen – und der Stadt ist es 44.000 Euro wert.
Den Abstand zum gefühlsseligen Weihnachtsmärchen" (man wolle Kinder "nicht nur beglücken, sondern auch ernst nehmen", hieß es) müssten die Veranstalter um Theater Mummpitz-Leiterin Andrea Maria Erl gar nicht betonen. Aber sie haben auch die kämpferische Gegenrichtung, die von Emanzipations-Signalen angetriebene GRIPS-Linie, ausgeschlossen. Das Team, das auf Europa-Rundreisen Trends erforschte, landete beim Slogan "Theater für alle Sinne". Das Spielerische wird begleitet von lustvoller Spartenüberschreitung zwischen Puppenspiel und Tanz, vom lebenden Comic über "Theaterhörspiel" zum Mitgestalten bis zu "King A", der die Tafelrunde passenderweise in die Tafelhalle platziert.
Ein Festival zum "Riechen, Sehen, Tasten und Schmecken" soll das werden. Größten Aufwand erfordert das "Kaleidoskop" von Carte Blanche aus Dänemark, wo sich Publikum buchstäblich fühlend durch die Räume bewegen wird. Das DB-Museum gibt "Panoptikm" für acht 90-Minuten-Aktionen Quartier.
Auch das Zelt des belgischen ORKA, in dem "Eine Bodenuntersuchung" nach der Poesie des Unterirdischen buddelt, und der in die Tafelhalle transportierte Glaspalast der Holländer von Tweetakt ("Was ist los?") sind ungewöhnliche Spielorte.
Mit Rest-Skepsis wurden erstmals zwei Produktionen "für Kinder ab 3" eingeladen, ansonsten gelten Untergrenzen von 6 ("Goldene Gans" vom Puppentheater Halle", 10 ("Queen" vom renommierten Schweizer Sgaramusch) und 11 Jahren ("Krabat"). Ein Symposium hat das ehrgeizige Ziel, Pädagogen und Theatermacher im Disput an ein Ende eines Strangs zu locken. Und für 2010 bot der städtische Festival-Leiter Michael Bader schon mal das "Kunst-Kultur-Quartier" als neues Zentrum an. "Ich komme darauf zurück", sagte Erl.
(Dieter Stoll)
Abendzeitung, 30. Januar 2008

Entdeckungen und Überraschungen beim Europäischen Kindertheaterfestival Panoptikum
Die drei komischen Forscher aus Belgien haben eine erstaunliche Entdeckung gemacht. Welche, sei noch nicht verrraten. Nur so viel: Es ist unglaublich, worauf sie bei ihren Grabungen gestoßen sind, und was sie in "Lava – eine Bodenuntersuchung' zeigen und über das unterirdische Leben berichten werden. Neugierig? Dann auf zu Panoptikum, dem Europäischen Kindertheaterfestival.
Im Stadtjubiläumsjahr 2000 als einmaliges Ereignis geplant, ist die Leistungsschau europäischer Kindertheaterensembles in Nürnberg zur festen Einrichtung geworden. Alle zwei Jahre bietet sie kleinen und großen Theaterfreunden die erfreuliche Gelegenheit, Bekanntschaft mit Truppen aus dem In- und europäischen Ausland zu machen und dabei verschiedenste Formen des Kindertheaters zu erleben. Auch in der fünften Festivalrunde vom 13. bis 18. Februar 2008, bei der zehn phantasievolle Produktionlen präsentiert werden.
Viel Action versprechen die Ritterspiele des Jungen Ensembles Stuttgart: Die große Schauspielproduktion mit Musik- und Tanzeinlagen bringt König Artus und seine Tafelrunde nach Nürnberg. Auch königlicher Besuch wird erwartet: Königin Elisabeth und Maria Stuart geben sich die Ehre in "Queen", einer Hörspielinszenierung des Theater Sgaramusch aus der Schweiz. Eine musikalische "Überraschung" zaubert der Dschungel Wien auf die Bühne und im wahrsten Sinne begreifen könenn Festivalbesucher das Stück der dänischen Truppe Carte Blanche. Mit "Kaleidoskop" spricht sie alle Sinne an. Sprachbarrieren sind hier nicht zu fürchten. Die werden bei Panoptikum ganz spielerisch überwunden. Auch vom Festival Tweetakt & Storm, die noch ganz andere Hürden nehmen können. Zum Beispiel die, ein komplettes Glashaus nach Nürnberg zu transportieren. Denn das spielt eine wichtige Rolle in ihrem clownesken Stück "Que pasa".
Nürnberger Nachrichten, Kulturbeilage, 24./25.11.2007

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