Kindertheater aus Bayern und Europa in Nürnberg

23. bis 28. Januar 2018

eine Veranstaltung von

2006 Festival mit Zugkraft
3500 Besucher kamen zur 4. Auflage von "Panoptikum"
Ähnlich wie beim Figurentheaterfestival sind auch die Grenzen beim Kindertheaterfestival "Panoptikum" fließend: Dass die Mischung aus Schauspiel, Objekt-, Erzähl- und Tanztheater auch bei den Jüngsten gut ankommt, zeigt die Bilanz der vierten Auflage: Fast 3.500 Besucher sahen in Nürnberg die 32 Vorstellungen von Gruppen aus acht europäischen Ländern. Das bedeutete 97 Prozent Auslastung und, so Festivalleiterin Andrea Maria Erl, "einen ganz tollen Zuschauerzuspruch", der auch bei den nachfolgend besprochenen Aufführungen anhielt.
Ein König zum Anfassen verzauberte die Zuschauer im Theater Mummpitz: die witzige Koproduktion "Platz für den König" des Jungen Ensembles Stuttgart mit dem Schweizer Theater en gros et en detail erntete viel Gelächter und tosenden Applaus.
Im roten abgewetzten Mantel ist der König inklusive Ruderboot und Grammophon etwas derangiert auf der Bühne gestrandet, um Anekdoten aus seinem Leben zu erzählen. Seine große Sehnsucht ist das Schaukeln auf dem Meer – doch wie soll man sich auf den Wellen treiben lassen, wenn das Königreich nur aus kargem Land und verdorrten Ästen besteht? Natürlich weiß der pfiffige König Rat: Kurzerhand wuchtet er sein Boot mit Seilzügen auf eine große biegsame Stahlfeder und schon kann die abenteuerliche Reise um die Welt beginnen.
Peter Rinderknecht ist ein herrlich kauziger König, der mit wenigen Worten poetische und anrührende BIlder entwirft. Immer im Kontakt mit dem Publikum überzeugt er durch drollige Geschichten ebenso wie mit akrobatischen Slapstickeinlagen. Die Erkenntnis des Stückes ist so einfach wie genial: Jeder ist ein König – man braucht dazu nur ein bisschen Musik und Fantasie. (suz)

Enttäuschte Gesichter im Foyer des Kachelbaus: Die Premiere von "Kostprobe 1" ist restlos ausverkauft, zahlreiche Besucher müssen draußen bleiben. Die Glücklichen, die es geschafft haben, sitzen oben im Kinderkulturforum "Ufo" an einem langgestreckten Tisch voll wundersam verpackter Gegenstände und lauschen der Geschichte von Johannes Volkmann am einen und Martin Ellrodt am anderen Ende.
Im intimen Rahmen der Zwei-Personen-Kooperation des Nürnberger Papiertheaters mit dem freien Geschichtenerzähler geht es um ein ungleiches Brüderpaar und darum, dass das Gras auf der anderen Seite des Zauns immer grüner ist. Für jede Menge Unheil sorgt eine Teufelsmühle, die – aus dem tiefsten Schlund der Hölle gestohlen – nie mehr aufhören mag zu mahlen.
Durch das geschickte Zusammenspiel von Wort und Bild bekommt das mündlich überlieferte Märchen aus Skandinavien Spannung und Leben eingehaucht. Das Ergebnis ist ein kleines Gesamtkunstwerk irgendwo zwischen Experimentiertheater und Live-Hörspiel, kreativ und rund – von der Geschichte über die Inszenierung bis zur Gestaltung der Einladungskarte.
Die gute Nachricht: Zumindest fürs Nürnberger Publikum wird es sicher weitere "Kostproben" geben. (gnad)
Nürnberger Nachrichten 13.02.2006

Fließende Grenzen hinter der Moral
Kindertheater-Festival "Panoptikum" blieb auf der Spur
Auf überraschende Erkenntnisse konnte das Kindertheater-Festival "Panoptikum" nicht verweisen, als es gestern – nach sechs Tagen Rundblick auf die internationale Szene – die letzten Gäste verabschiedete. Aber eine Bestätigung der alten ist ja auch was, und so ließ sich Peter Rinderknechts dezent schrullig eroberter "Platz für den König" zum Finale (ein Solo mit Grammophon und luftgeschaukeltem Boot) mühelos einordnen in die verlängerten Trends. Erzähltheater mit Objektverstärkung plus Interaktions-Geste und Puppenspiel-Kredit mit gelegentlicher Überziehung. Eindrucksvolle Bestätigung für die Arbeit der einheimischen Gruppen – nur beim neuerdings stärker integrierten Tanz können sie vorerst nicht mithalten.
Fließend sind im Theater nach wie vor die Phantasiegrenzen zwischen ästhetisch zunächst unverdorbenen Kindern und nach Naivität lechzenden Erwachsenen, was so ein Festival mit kollektiven Schülervorstellungen und kombinierten Eltern & Kind-Events sehr schön demonstriert. Aber für Jugendliche (die hier beiläufig etwa mit "Beuysband" angesprochen wurden) bleibt der spezielle Tonfall jenseits der TV-Soaps unsicher in der Schwebe. Die Moral, die sich in den spielerischen Aktionen eingenistet hat, wird – je weiter das ins Drama geht, desto mürber wirken die Botschaften – zunehmend zum auswechselbaren Gutmensch-Signal.
Kann sein, dass "Panoptikum" den eigenen Erfolg bald mal in Frage stellen und die Herausforderung, die Theater fürs Publikum sein sollte, neu auf die Zielgruppe runterrechnen muss. Diesmal war es kuschelig voll - und alle freuten sich.
Dieter Stoll
Abendzeitung 13.02.2006

Wenn der Wolf tanzt und die Boys strampeln
"Panoptikum"-Festival: Die Schweizer in Finnland und Tanz in die Moral
Viel Bewegung beim "Panoptikum"-Festival: Mal jagen sich drei Schauspieler über Tisch und Stuhl, mal springen vier aus ihren Schlafkojen in die Disco-Pose. Als Appelle an die Freiheit der Phantasie kann, ja muss man beide Aufführungen – "Wolf unterm Bett" vom Schweizer Theater Sgaramusch wie "Beuysband" der belgischen Gruppe Kopergietery – verstehen. Die Übermittlung der Botschaft wird allerdings sehr unterschiedlich praktiziert: die einen schmuggeln sie über doppelbödigen Witz ein, die anderen nageln sie mit Revue-Attacken an die Wand.
Wenn Emil Steinberger einen Kaurismäki-Film synchronisieren würde, könnte eine Stimmung wie beim wunderbar kauzigen Spiel um gefräßige Wölfe aussehen, die vorrangig nach dem Unerbewusstsein ihrer Opfer schnappen. Schweizer spielen Finnen, was wegen der Wald-Kulisse nötig und fürs gespiegelte Slowmotion-Lebensgefühl günstig ist. Die Geschichte ist eine Kettenreaktion von handlich umgebogenen Märchenlegenden, die im fließenden Übergang irgendwann immer wieder bei sich selbst ankommen, wenn sie Rotkäppchen heruasfordernd zugezwinkert haben. Ein Instrument, etwas Mimik und viele Körperhaltungen als Textmotor bestimmen das grotesk lapidare Spiel mit Vorurteilen, wo der Wolf auf Gerüchtebasis ganze Dörfer ungeheuer leer frißt und beim Opfer-Verfolgen HipHop-Lawinen lostritt: "UndhinterderMutterderWolf" skandiert das nacherzählende Schweizer Trio mit dem skandinavischen Feeling absolut globalrhythmisch.
Bei der belgischen "Beuysband", die mehrsprachig in die Tanz- und Song-Performance gleitet, wird die überwölbende Botschaft irgendwann als Originalzitat wie eine Gebrauchsanweisung eingespielt. Jeder hat das Recht auf Aufmerksamkeit, jeder soll sich nach seinem Talent verwirklichen. Joseph Beuys als später Vater der Kindertheater-Philosophen. Passt, ist elastisch.
Das nutzt die Aufführung, die sich aus Improvisationen und Klischees eine Abschussrampe für gut gemeinte Gefühle aufbaut. Da ist der klassisch orientierte Ballett-Boy (schwul, na klar) neben dem lieber nach Videoclipschule hoppsenden Kollegen und dem artistischen Girlie mit dem Anlehnungsbedürfnis. Eine Dicke gibt es auch, die nur zögernd aus ihrer Außenseiterposition kommt und nach vorsichtiger Kollektiv-Mitmacherei wegen guter Führung aus der Gymnastik zum eigenen Talent zurückkehren darf. Wie gut, dass alle, die nicht tanzen können, schöne Stimmen haben!
Eine turbulente, im Schnodder-Dialog witzige und in den Tanzsequenzen ganz wie in der Moral plakativ strampelnde Aufführung.
Dieter Stoll
Abendzeitung 11.02.2006

Mit Slapstick auf der Kriechspur
Kindertheaterfestival "Panoptikum" mit vielen Puppen gestartet
Wie ein heimliches Zwischenspiel des 2006 pausierenden Figurentheaterfestivals wirkte der Programm-Auftakt bei "Panoptikum" im Kachelbau und Künstlerhaus. Wenn das kein Lob ist! Andererseits zeigten erste Aufführungen aus Frankreich und Belgien auch problematische Seiten von "Kindertheater aus Bayern und Europa", wie es dieses nun endlich im öffentlichen Bewußtsein etablierte Festival mustergültig präsentieren will. Modellfälle sind nicht leicht zu haben.
"Wenn du nicht weißt was es ist, ist es Jazz", umschreibt das Duo aus Antwerpen den Umgang mit Musik in der Adaption der Roman-Miniatur "1900 – Novecento". Ein Pianist, als Baby blinder Passagier am Kreuzfahrerschiff und lebenslang im Bauchinnern des Ozeanriesen festgeklammert, wird als naturtalentierter Sonderling vorgeführt. Mit Puppenkameradschaft aus dem BÜhnenhimmel, viel Sound-, Licht- und Luftdesign. Schaukelnd auf Moderations-Hängebrücken, denn vom Genre des Erzähltheaters kündet die Produktion auch noch. Sie hat sich zwischen den vielen Möglichkeiten etwas verlaufen, setzt zu halbherziger Interaktion an und lässt anklingen, was Leute tun sollen, die auf Regeln bestehen: "Den Buckel runterrutschen".
Nahmen die jungen Zuschauer diese mit dickem Daumen durchgedrückte Poesie, die sich in den schönsten Passagen zum Traumspiel aufbäumt, freundlich hin, blieb am Vorabend das Erwachsenen-Publikum bei der Teil-Hommage an Jacques Tati ("Haushalt ver-rückt") wohlwollend.
Nicht zu Unrecht, denn Catherine Kremer und Jean-Claude Leportier naschen als stummes Comedy-Ehepaar mit Pappnase und Puppen-Double zwar an der Welt des Monsieur Hulot, aber nach juxenden Monster-Nummern im Design von Nähmaschine und Staubsauger haben sie Schwierigkeiten, ihren Spaß auf der Slapstick-Kriechspur sinnvoll zum Ende zu bringen.
Vorher gab es Treuebekenntnisse fürs Kindertheater. Von OB Maly bis Kulturreferentin Lehner waren Sympathiebekundungen zum Nürnberg-Profil einer Junioren-Hochburg im allgemeinen und das darin bis Sonntag verankerte "Panoptikum"-Spektakel insbesonders dran. Was bei Festivalleiterin Andrea Maria Erl den Glauben an eine Sicherung der Phantasie stärkte, hatte sie für diesmal bei schwierigen Vorbereitungen doch noch aufs Glücksgefühl sezten müssen, das der Stuhl bedeutet, "der plötzlich da steht, wenn man sich zwischen zwei andere setzen wollte".
Dieter Stoll
Abendzeitung 09.02.2006

Papiertheater erzählte ein Märchen mit einfachen Mitteln
Strich für Strich entfaltet sich das Drama
Theater? Erzählung? Kunstinstallation? Bei »Kostprobe 1 - Papier schmeckt weiß« im Rahmen des »panoptikum«-Festivals waren sich die Besucher im Kinderkulturzentrum Kachelbau lange Zeit nicht so recht sicher, an welcher Art von Inszenierung sie gerade teilnahmen. Auf jeden Fall an einer, die in mancherlei Hinsicht aus dem Rahmen fällt.
Johannes Volkmanns Papiertheater ist in Nürnberg ein Begriff: Seine Aufführungen verwandeln weißes Papier in einen lebendigen Werk- und Erzählstoff: Formen werden ausgeschnitten, Figuren entstehen, aus Schnipseln formt sich eine Geschichte. Papier ist auch das dominierende Element bei »Kostprobe 1«: Die Besucher sitzen nicht in einem Zuschauerraum, sondern in zwei langen Reihen an aneinandergereihten Tischen, die ebenso mit Papier umhüllt sind wie die darauf befindlichen Gegenstände: Teller, Besteck, Gläser, Brotlaibe, Weinflaschen.
An den beiden Kopfenden nehmen Johannes Volkmann und Geschichtenerzähler Martin Ellrodt Platz. Nach einem Dialog-Intermezzo, bei dem die beiden Sprichwörter und Metaphern über das Essen aneinander reihen, beginnt die Geschichte: Um zwei Brüder geht es, Dietrich und Friedrich, der eine reich und geizig, der andere ein Familienmensch, bei dem meistens Schmalhans Küchenmeister ist.
Die Geschichte nach einem alten Volksmärchen entfaltet sich im Sinne des Wortes: Während Ellrodt den Erzählfaden immer weiterspinnt, wird die Handlung von Volkmann minimalistisch illustriert: Zwei Teller werden mit Gesichtern bemalt, ein Tintenfass mit Pinsel spielt die Rolle der Zaubermühle, die nur mit einem besonderen Spruch zu stoppen ist, wenn sie einmal zu mahlen angefangen hat. Solch zauberisches Werkzeug wird - man ahnt es schon - den gierigen der beiden Brüder ins Unglück stürzen. Auch die unermesslichen Mengen verschiedener Gegenstände, die die Mühle zu Tage fördert, deutet Volkmann nur an: mit einigen blauen Pinselstrichen. Aus einem ausgeschnittenen Blatt faltet er ein Schiff, eine Salatschüssel voll Wasser wird zum Ozean, auf dem sich das dramatische Ende der Geschichte abspielt.
Zweifellos eine originelle Variation des klassischen Geschichtenerzählens, allerdings mit zwei Fragezeichen: So dürften viele Zuschauer die Aktionen Volksmanns kaum mitbekommen haben, da an einer geraden Tafel die Sicht bei gut 40 Tischgästen ziemlich eingeschränkt ist. Zum anderen lädt diese Sage geradezu ein, die Augen zu schließen und sich alles im eigenen Kopf zu erschaffen.
Clemens Helldörfer
Nürnberger Zeitung 13.02.2006

Panoptikum-Festival
Der König schaukelt gern
So richtig mächtige Könige gibt's ja eigentlich kaum mehr. Die, die es noch gibt, müssen nur möglichst königlich aussehen, gute Manieren an den Tag legen - und das war's dann auch schon mit ihrem Einfluss.
Dem König, der im Rahmen des Kindertheaterfestivals »Panoptikum« im Kachelbau vorbeigeschaut hat, schien es ähnlich zu gehen. Mit seiner Krone und dem schönen roten Umhang sah er zwar recht standesgemäß aus, aber seine größte Sorge schien nicht gerade königlich zu sein: Beinah eine geschlagene Stunde zerbrach er sich den Kopf über die Frage, wie er denn sein Ruderboot am besten zum Schaukeln bringen könnte. Noch dazu in einer so »furztrockenen« Umgebung!
Nichtsdestotrotz trug er aber vorsichtshalber doch einen Schwimmgürtel aus Kork unter seinem Umhang. Während der König (Peter Rinderknecht) so vor sich hintüftelte - inzwischen hatte er seine Insignien abgelegt und sah aus, wie nette ältere Herren mit langem Rauschebart eben aussehen -, erzählte er dem Publikum vergnügliche Anekdoten. Etwa vom so genannten »Affentrick« der Menschen in Afrika oder von früher, als er noch an einem Strandkiosk und als Busfahrer gearbeitet hatte.

Nichts wird es mit der Gemütlichkeit
Nachdem der König lange erzählt und geschuftet hatte, schaukelte sein Gefährt endlich. Das wäre der Moment gewesen, an dem er es sich in seinem Boot hätte gemütlich machen können. Aber herrje - er kam einfach nicht rein! Also musste eine »Königin Pia« aus dem Publikum sein Boot für ihn testen.
Insgesamt bietet das Ein-Mann-Stück »Platz für den König«, eine Koproduktion des Jungen Ensembles Stuttgart und dem Züricher Theater, für Kinder ab fünf Jahren vergnügliches Erzähltheater, das an das Königliche in jedem Menschen appelliert. Und damit sind nicht die herkömmlichen, oberflächlichen Attribute gemeint, sondern die tiefer gehenden Werte. So sagt auch dieser »echte« König richtig philosophische Sätze: »Hauptsache ist ja, wir wissen, wer wir sind, ich meine innen drin, oder?«
Christina Roth
Nürnberger Zeitung 13.02.2006

Tage mit dem kleinen Rot
Panoptikum-Festival geht mit sinnlichem Theater zu Ende
Sinnliche Theatererlebnisse haben im abraxas das Panoptikum-Festival abgerundet. Joachim Torbahn vom Nürnberger Theater Tristans Kompagnons kreierte eine Welt voller Fantasie mit Pinsel uind Farbe. Martin Ellrodt und Johannes Volkmann (Das Papiertheater Nürnberg) luden ihre Zuschauer zuTisch, wo freilich alles verpackt war.
Auf der Bühne steht ein Holzrahmen, bespannt mit einer durchsichtigen Baufolie, ungefähr drei Meter hoch und ebenso lang. Am Boden stehen etwa ein Dutzend Schälchen mit Farbe. „Was macht das Rot am Donnerstag?“ heißt die Geschichte, die Torbahn erzählt. Dazu kommt erst ein kleiner roter Punkt auf die Leinwand. In sieben Kapiteln erlebt das Rot jetzt einen aufregenden Tag.
Jedes Kapitel ist mit Musik unterlegt. Somit erfahren die kleinen Zuschauer ein sinnliches Erlebnis für Auge und Ohr. Und sie sind vom ersten Pinselstrich an fasziniert. Das Zuhause entsteht zu Ravels „Bolero“. In diesem Rhythmus scheinbar mühsamer Fortbewegung umgeben das Rot bald ein paar grüne Rechtecke, orange Quadrate und Striche in Magenta. Nun will das Rot spielen. Das Bild verändert sich mit weiteren Farben, mit Übermalungen und Verwischungen mit jedem Kapitel.
Die Kinder folgen dieser fortlaufenden Veränderung mit großer Neugier und raten freudig, was aus dem Vogel von eben nun werden könnte. In Windeseile wachsen auf der Leinwand Blumen und Pilze, plötzlich wimmelt es vor Vögeln und Fischen. Eben noch war es eine Wiese und schon ist ein Teich daraus geworden. Die poetische Kraft dieser Form von einerseits sinnlicher Kunstform übt auf die Zuschauer beinahe magische Kraft aus.
Zu ihrer „Kostprobe 1 – Papier schmeckt weiß“ machen Martin Ellrodt und Johannes Volkmann den Familien schon beim Einlass den Mund wässrig. „Heute schon Schwein gehabt?“, fragen sie. An der großen, mit Papier sorgfältig verpackten Tafel machen sie mit Redensarten vom Essen weiter. Das sprichwörtliche Loch im Bauch schneiden sie gleich aus. So geraten sie beiläufig in die Geschichte von den zwei ungleichen Brüdern hinein – der reiche Dietrich mit den hängenden Mundwinkeln und der arme Friedrich, den seine Kinderschar froh macht. Auf Teller gemalt sehen wir sie. Die Spieler schnippeln immer wieder mal, zeigen den Reichen in seinem Haus und das unheimliche Loch im Boden, durch das Friedrich geradewegs zum Teufel absteigen sollte. Der schneidige Förster, ein Obstmesser im Holzschaft, hat ihm den Weg gewiesen.
An beiden Stirnseiten der Tafel läuft die Geschichte ab, zaubert ein Tintenfass hervor, das eine Zauber-Handmühle ist. Was er sich nur wünscht, schafft sie Friedrich herbei. Auch eine Schale mit Wasser kommt zum Vorschein, auf der Dietrich im (Papier-)Schiff entschwindet – und die Mühle mahlt so viel Salz, dass das Meer herum nur so blau wird.
Gut 800 Zuschauer, vor allem Kinder und Jugendliche zwischen vier und vierzehn kamen an fünf Tagen zu acht „Panoptikum“-Aufführungen im abraxas. Das theaterpädagogische Begleitprogramm für Lehrer, Erzieherinnen und Schulspiel-Experten fand laut Organisator Peter Bommas großen Anklang. Und er registrierte: „Über sprachliche und kulturelle Grenzen hinweg gelang durchwegs eine spannende Kommunikation.“
Augsburger Allgemeine 13.02.2006

Der Wolf auf dem Fußballfeld
Streifzug durch „Panoptikum“
Noch bis Sonntag geht das Kinder- und Jugendtheaterfestival „Panoptikum“ über die Bühnen (www.festival-panoptikum.de). Nachfolgend ein Streifzug durch vier Aufführungen.
Die Aussicht auf die Uralt-Kamelle „Rotkäppchen“ als Theaterstück aktiviert bei Menschen über fünf Jahren in der Regel den Gähnmuskel. Glücklicherweiser gewährt das „Replicante Teatro“ aus Italien in seienr originellen Inszenierung verscheiedene Sichtweisen auf das Geschehen. „Das war deine Story“, stellt der große böse Wolf nach dem ersten Durchgang fest. „Doch im Märchen ist nun mal vieles möglich – auch Lügen erzählen.“ Spricht´s, leckt sich die Lippen und startet eine zweite Erzählung ohne Jäger, in der er statt des Comic-Lupos den diabolischen Verführer gibt und sich am Ende gut gelaunt auf den prallgefüllten Bauch klopfen darf. Doch auch die Mutter hat da ihre ganz eigene Sicht der Dinge...
Im vollbesetzten Theater Pfütze entwirren Andrea Damarco, Barbara Caviglia und Lilliana Nelva Stellio gekonnt die verschlüsselten Abgründe von Angst, Tod und Erwachsenwerden und ringen der sattsam bekannten Geschichte neue Blickwinkel ab. Geschickt werden deutsche Passagen eingestreut, lässt das Ensemble die individuellen Perspektiven der Figuren frontal aufeinander prallen. Das Ergebnis ist rund, flott und intelligent, wenngleich eine Spur zu ambitioniert für ein Publikum ab acht Jahren.
gnad

Wenn es in der Taiga dunkel wird erzählen sich die Skandinavier gruselige Geschichten. Erst recht, wenn vor ihrer Hütte Wolfsspuren auftauchen. So kennen auch die drei Finnen, die es sich am Tisch mit Schnaps gemütlich machen wollten, jede Menge unfreiwillige und finale Zusammenstöße von Mensch und Tier. Mit sichtlichem Vergnügen geben sie – mal derb komisch, mal schauerlich – die abstrusesten Erzählungen zum Besten.
Da kreuzt ein Wolf beim Fußballspiel auf, ein anderer frisst 49 Eltern und Kinder. Die rebellische Rose verwandelt sich indes mit wölfischer Kraft in eine Niere. Um allen Einwänden vorzubeugen: Diese absurden Fantasiegebilden stammen nicht von durchgeknallten Erwachsenen. Für das Stück „Wolf unterm Bett“ des Schweizer Theater Sgaramusch haben Kinder Texte über Wölfe geschrieben.
Die Schauspieler Stefan Colombo und Nora Vonder Mühll setzen die verquere Collage mit Unterstützung des Musikers Olifr Maurmann kongenial um: Wilde Verfolgungsjagden über Tisch und Stühle wechseln sich mit leisen Fabeln und Liedeinlagen ab. Die Kinder im Theater jubelten und forderten lautstark Zugaben.
suz

Einen passenderen Ort hätte man kaum finden können: Im heftig heruntergekommenen Ambiente des ehemaligen Kulturladens Rothenburger Straße ließ das Junge Ensemble Stuttgart (JES) seine Inszenierung des ganz und gar nicht nebensächlichen Solostücks „Nebensache“ über die Bühne gehen – die tragische Geschichte vom Aufstieg und Fall eines einfachen Mannes, der Glück und Zufriedenheit bereits mit Händen greifen konnte. Peter Rinderknecht spielt diesen ungewaschenen, waschechten Penner mit der Reibeisenstimme, dessen sieben Sachen samt Akkordeon in eine kleine Kiste passen, unaufgeregt und mit höchster Präsenz. Die einfachste Requisiten genügen ihm, um den Mikrokosmos einer Bauernfamilie entstehen zu lassen, der längst Vergangenheit ist. Noch hat der sympathisch-ruppige Clochard die Contenance nicht ganz verloren. Rasieren gehört zur Tagespflicht, Ordnung muss sein.
Im Handumdrehen nichts hat Rinderknecht die Zuschauer auf seiner Seite, mit charmanter Bestimmtheit, Witz und auch Sarkasmus bezieht er sie in seine Geschichte ein. Und das junge Publikum zögert keine Sekunde, ihm beim Erzählen seiner anrührenden, in keinem Moment kitschigen Lebensgeschichte zu unterstützen. Eine wunderbare und eindringliche Miniatur, die im wirklichen Leben genau so passiert sein könnte.
Bin

Als „musikalische Tanzkarikatur“ kündigte Johan de Smet die „Beuysband“ an und lieferte damit selbst die treffendste Beschreibung. Sein Stück mit dem Genter Kopergietery-Theater inszeniert und am heutigen Samstag (19.30 Uhr) noch einmal im Künstlerhaus zu sehen, handelt vom Traum vier junger Menschen, mit einer eigenen Band berühmt zu werden. Das passt zur Superstar-Epidemie, doch de Smet hat da auch eine ernste Botschaft, die da – dem Credo des titelgebenden Künstlerschamanen folgend – lautet: jeder Mensch besitzt kreative Kräfte und verdient Aufmerksamkeit.
Die etwas belehrende Schluss-Aussage verzeiht man gerne, denn was de Smet zuvor mit seinen zwei Tänzern, einer Tänzerin und einer beeindruckend stimmgewaltigen Jazzsängerin aufführt, ist eine temporeiche, hochathletische und zum Totlachen aberwitzige Persiflage aller Tanzstile – vom Modern Dance bis zum puren Gehopse, ausgebreitet auf einem entsprechend flächendeckenden Musikteppich. Die Grenze zur Albernheit wird lustvoll überschritten, wenn der Talente-Wettstreit in grunzendes Bodenturnen mündet oder die Disco-Queen als aufgedrehte Tanzmaus ausflippt. Dass es auch anders geht, dass man zu Nicolettas „Mamy Blue“ auch einen anmutigen Pas de deux tanzen kann, muss ihr erst jemand zeigen.
Es wird viel geredet, ein polyglottes Kauderwelsch, jeder muss in saure Zitronen beißen und als Fluchtpunkt zu sich selbst bleibt immer wieder das Bett. Doch am Ende sind sich alle nicht nur tanzend und singend, sondern auch menschlich näher gekommen – der Traum vom gemeinsamen Ruhm könnte wahr werden, aber so wichtig ist er gar nicht mehr. Eine wilde, chaotische Performance mit finalem Tiefgang, die trotz mancher Längen großes Vergnügen bereitet.
R.U.
Nürnberger Nachrichten 11.2.2006

Beuysband bei "panoptikum"
Zwischen Ruhm und Selbstfindung
Vier Kabinen, vier Vorhänge, vier Jugendliche. Keine Namen. Stille. Dann reißt Nr. 1 den Vorhang auf und tanzt auf die erste Reihe zu. Ist das etwa Robbie Williams? Graziöse Pirouetten, provokante Hüftschwünge und scharfe, verführerische Blicke. Kein Zweifel: Nr. 1 ist cool! "Le soleil brille!", ruft Nr. 2 und springt auf die Bühne. "Mögt ihr Coca-Cola?" Alle lachen. Nr. 2 trägt grüne, zerlöcherte Hosen, ein gelbes T-Shirt, blonde Locken und ein "Ich lass mich nicht fangen"-Grinsen.
Worum es geht? Nr. 1 und Nr. 2 wollen eine Boygroup gründen. Dabei gibt es ein Problem: Nr. 3 entpuppt sich als Mädchen. Doch das stört die anderen beiden ebenso wenig wie ihr fehlendes Gesangstalent. Wie niedlich sie aussieht, in ihrem orangenen Mini-Kleid und mit den ungeschnürten rosa Stiefeln. "You move like a chicken", ruft Nr. 2 ihr zärtlich zu. Dann wird aus der Boygroup eben eine "Beuysband". Oder war es nicht Joseph Beuys, der sagte "Jeder ist ein Künstler"? Nr. 4 ist da anderer Meinung und versteckt sich weiter hinter ihrem Vorhang. Sie ist dick und trägt einen vorwurfsvollen Leidensblick.

"Was bringt Cool-Sein?"
Mit Tiefsinn und Humor erzählt der belgische Regisseur Johann de Smet die Geschichte von vier Jugendlichen, die berühmt werden wollen. In dem im Rahmen des "panoptikum"-Festivals im K4 aufgeführten Stück geht es vor allem um Aufmerksamkeit, Liebe und Selbstfindung. Mit spannungsreichen (Tanz-) Szenen und einem Musik-Mix aus Pop, Folk, Soul und Klassik schafft es "Beuysband", das überwiegend junge Publikum zu berühren. "Warum lieben die Menschen den Spiegel mehr als die Schmetterlinge?", fragt Nr. 3 am Ende des Stücks, bevor sie in einem mitreißenden Tanzsolo ihrer Verzweiflung Ausdruck verleiht. Stille. Dann stehen plötzlich alle vier Künstler auf der Bühne und imitieren die Back-Street-Boys. Ist die Beuysband doch nur eine Boygroup? Keine Spur mehr von den alten Macken, von den individuellen Talenten der einzelnen Künstler. "Wir können cool sein, aber was bringt uns das?", mag die Botschaft lauten. Nichts. Doch bevor die Zuschauer das Theater verlassen wissen sie wenigstens eines: Nr. 1 heißt Alexander.
Anne-Katrin Schneider
Nürnberger Zeitung 11.02.2006

Erfinden erlaubt!
Wie die Kinder der Klasse 4a Fantasie-Experten wurden
Wisst ihr, was Fantasie ist? Johannes Beissel weiß das ganz genau. Er ist so etwas wie ein Fantasie-Experte. Johannes Beissel ist nämlich Theaterpädagoge.
Theaterpädagoge? Ist das ein Lehrer, der nicht in der Schule, sondern im Theater unter-richtet? „Ich stimme Kinder auf ihren Theaterbesuch ein“, erklärt Johannes Beissel. Denn anders als im Kino oder im Fernsehen, wo die mit der Kamera gedrehten Filmauf-nahmen uns alles genau beschreiben, wird auf der Bühne — durch die Kulissen und die Schauspieler — vieles nur angedeutet. Deshalb brauchen die Zuschauer Fantasie, um sich in die Geschichte, die sie auf der Bühne sehen, hineinzudenken.
Johannes Beissel ist zum Beispiel als Fantasie-Forscher in der Klasse 4a in der Grund-schule Viatisstraße in Nürnberg unterwegs. Im Gepäck hat er sein grünes Fantasie-Fernrohr. Die Schüler von Lehrerin Renate Muffler probieren aus, was sich damit entde-cken lässt. Köpfe, Bilder an der Wand . . . und „nur viel weniger, als wenn man normal guckt“, sehen die Viertklässler. „Erfindet doch mal was“, fordert sie Johannes Beissel auf. Fantasie ist gar nicht so eine leichte Sache.
Am Freitag besucht die Klasse 4a das Kindertheater-Festival „Panoptikum“, das bis zum 12. Februar an verschiedenen Spielorten in Nürnberg stattfindet. Im Theater Mummpitz, für das Johannes Beissel arbeitet, schauen sie sich das Stück „Kannst Du pfeifen Jo-hanna“ vom Puppentheater der Stadt Halle an.
Das ist die Geschichte von Berra, der keinen Opa hat, aber gerne einen hätte. Mit sei-nem besten Freund Ulf wettet Berra, dass er sich einen neuen Opa besorgen kann. Und dieser Opa schenkt — wie Ulfs Opa — fünf Euro als Taschengeld, spendiert Kuchen zum Naschen und ist in irgendetwas Weltmeister.
Massenhaft Opas
Wo Berra diesen tollen Opa findet? Im Altenheim — denn da gibt’s ja massenhaft Opas. Zum Beispiel Opa Nils. Was Berra und Opa Nils alles erleben wird hier natürlich nicht verraten.
Auch die Schüler und Schülerinnen aus der 4a haben Omas und Opas. „Meine Oma kommt immer, wenn meine Mama abends zum Chor geht. Dann bringt sie mich ins Bett und kuschelt mit mir“, erzählt Isabella. „Meine Oma kommt sonntags zum Essen. Dann gibt es Pute“, sagt Max.
Wie echte Schauspieler stellen die Kinder eine Situation mit Oma oder Opa nach. „Oma Katharina“ etwa bringt ihrer „Enkelin Julia“ das Schwimmen bei, Hannah und Jasmin tun so, als ob sie zusammen Eis essen. Das sieht richtig bühnenreif aus!
(ban)
Nürnberger Nachrichten 10.02.2006

Tanz mit dem Mond
Wunderbar: Teatro del Piccione
(loi). Jemand hat das Geheimnis des Mondes geraubt – sein Zu- und Abnehmen. Deshalb ist der Mond auf die Erde gekommen, um es sich zurückzuholen. So beginnt die spannende, komische und poetische Tanzgeschichte von Simona Gambaro zusammen mit Massimiliano Varetta vom Teatro del Piccione in Genua.
Das Stück „Den Mond essen!“ gestern im abraxas gehört mit Sicherheit zu den Höhepunkten des Jugendtheaterfestivals „Panoptikum“. Das Tänzerpaar braucht nicht viel Worte, um die Geschichte in Gang zu halten. Denn auch ihre Gesten und ihr Miteinander, ihre scheuen Tastversuche und zärtlichen Annäherungen, ihr befremdetes Zurückweichen und kindliches Streiten erzählen ohne Worte sehr beredt vom Mond und dem Erdenkind. Die Vorschulkinder im gefüllten Theatersaal waren entzückt von dem clownesken Charme und fast eine Stunde hingerissen von den kreativen Spielideen ohne viel Requisite.
Augsburger Allgemeine Zeitung 10.2.2006

Geschichten aus dem verrückten Leben
Auftakt des »Panoptikum«-Festivals mit der Compagnie Coatimundi und Ultima Thule
Den stetig nach Sponsoren Ausschau haltenden Machern von »Panoptikum« dürften Ulrich Malys Worte bei der Eröffnung des sechstägigen Kindertheaterfestivals runtergegangen sein wie Öl: Die freie Kulturszene erkenne man daran, dass man darin nicht reich werde, aber mit Engagement bei der Sache sei, lobte Nürnbergs Oberbürgermeister in gewohnt launiger Manier. Das Festival stoße auf großes Wohlwollen der Stadt, man bemühe sich, die »langfristigen Zukunftsperspektiven noch sicherer zu machen«. Ob er damit auf die im Kulturausschuss eingeforderte eigene Haushaltsstelle für »Panoptikum« anspielte, ließ der OB offen.
Ein Haushalt ganz anderer Art, nämlich ein buchstäblich »ver-rückter«, im Mittelpunkt des Eröffnungsstücks, das die französische Compagnie Coatimundi beisteuerte. Über die Jahre ist die »Ménage à deux« eines altgedienten Ehepaars trotz eines Monsters von einem Staubsauger ziemlich eingestaubt und zur Routine abgeflacht, Der Haussegen hängt unterschwellig genauso schief wie die surreal aus den Fugen geratene Architektur des trauten Heims. Man tut eben was man kann, um die Contenance zu wahren.
Mit Ausdruck, Geste und liebenswerten Ideen, dafür (fast) ganz ohne Worte geben Catherine Kremer und Jean-Claude Leportier anrührend das klassische Paar, das sich längst verloren hat und doch nicht von einander lassen kann. Eine abgefahrene Nähmaschine mit energischem Eigenleben und der Pannenkoffer des Hausherrn können die Situation auch nicht retten. Schade, dass die poetische Miniatur um kleine Freuden, mittlere Katastrophen und bittere Enttäuschung, Sehnsucht und Träume am Ende in ein aufgeregt absurdes Drachenkampf-Spektakel mündet, das so gar nicht passen mag. Doch in einer surrealen Welt ist eben nichts unmöglich. Bin
»Du bist nie verloren, wenn du eine Geschichte hast und sie jemandem erzählen kannst«: Wenn man eine so zauberhafte Geschichte wie Alessandro Bariccos Märchen über den Ozeanpianisten Novecento hat und sie, mit einfachsten Mitteln, so wunderbar poetisch, witzig und voller Anteilnahme auf die Bühne bringen kann, wie es dem Theater Ultima Thule aus Antwerpen gelingt, dann spürt man die Wahrheit, die in dem Zitat liegt, dann erlebt man als Zuschauer einen berührenden Moment des Glücks.
Als Deutschlandpremiere präsentierten die Belgier »1900« im Nürnberger Künstlerhaus. Mit einer Handvoll Puppen, die auch ohne Gesichter ein Maximum an Ausdruck gewinnen, machen Hans Van Cauwenberghe und Filip Peeters die Geschichte des an Bord des Kreuzfahrtschiffs »Virginian« im Jahr 1900 ausgesetzten Findelkinds lebendig. Sein ganzes Leben wird dieser Danny Bootsmann T.D. Zitrone 1900, so taufte ihn sein Finder, auf dem Schiff verbringen und als genialer Pianist die Reichen auf dem Oberdeck und die armen Auswanderer im Schiffsbauch verzücken.
Mehr noch als die kurzen Melodien vermittelt das hingebungsvolle Spiel der Akteure etwas von der Zauberkraft der Musik. Und wenn 1900 erzählt, warum er nie von Bord gehen wird, obwohl er es einmal versucht hat, warum er lieber mit der »Virginian« explodiert, dann offenbart das Märchen über die Freundschaft und die Treue zu sich selbst tatsächlich tiefe philosophische Dimension.
R.U.
Nürnberger Nachrichten 09.02.2006

Kindertheater-Festival
Der Pianist im Bauch des Ozeanriesen
Sein Name lautet 1900, genauer gesagt Danny Bootsmann T.D. Zitrone 1900. Gefunden wurde er im Ballsaal eines Ozeanriesen, der jahrein, jahraus zwischen Europa und Amerika hin- und herpendelt. Genauso ungewöhnlich wie sein Name ist auch sein Schicksal: Er wird vom Maschinisten des Schiffes aufgezogen, entdeckt eines Tages, dass er wunderbar Klavier spielen kann und entschließt sich irgendwann, die "Virginia" - so lautet der Name des Schiffes - niemals zu verlassen.
"Novecento", so lautet der Titel der literarischen Vorlage von Alessandro Baricco, nach der das Theater Ultima Thule aus Antwerpen ein Erzähl- und Figurentheaterstück inszenierte. Wie diese Erzählung ist auch die Aufführung ein fragiles Stück Poesie zwischen Surrealismus und Melancholie.
Hans van Cauwenberghe und Filip Peeters fangen diese Atmosphäre perfekt ein: Indem sie zum einen selbst in die Rollen von "1900" und den anderen Personen auf der "Virginia" schlüpfen und zum anderen hölzerne Figuren sprechen lassen, halten sie die Spannung zwischen Traum, Realität und Fantasie aufrecht. In leisen Momenten und sich steigernden Spannungsbögen entfaltet sich eine Parabel über die Beziehung zwischen dem Einzelnen und der Welt.
Für "1900" ist die Welt eben ein Ozeandampfer mit seinem Mikrokosmos von reichen und armen Passagieren, Luxussalons und schäbigen Unterkünften für mittellose Auswanderer. Seine Sprache ist die der Musik, weshalb sein einziger Freund auch ein anderer Musiker ist, der im Bordorchester Trompete spielt.
Nur ein einziges Mal denkt er ernsthaft darüber nach, das Schiff zu verlassen, um - ein wunderbar poetischer Moment - "den Ozean einmal vom Land aus zu sehen". Doch auf der Treppe macht er kehrt: "Die Welt ist ein zu großes Schiff für mich", erkennt er. Ein beeindruckendes Stück Literatur, von "Ultima Thule" inspiriert und einfühlsam umgesetzt.
Clemens Helldörfer
Nürnberger Zeitung 09.02.2006

Regentropfen auf der Reise im Raumschiff
Kindertheaterfestival „Panoptikum“ fesselt ganz kleine und auch jugendliche Zuschauer
(gwen). Auf dem Kindertheaterfestival „Panoptikum“ im abraxas zeigen das Junge Theater Augsburg und das Theater Mummpitz aus Nürnberg aktuelle Kinder- und Jugendtheaterproduktionen. Jetzt konnten sich die Größeren mit Wichard in einen Bus begeben, die Kleineren gingen mit Rosa in einem Wolkenraumschiff auf große Fahrt.
„Der Junge im Bus“ von Suzanne von Lohuizen gehört zum Repertoire des europäischen Jugendtheaters. Das Theater Ingolstadt spielt das Drama im Bus. Dieser ist für Richard, der seinen Namen nur noch als Wichard aussprechen kann, Wohn- und Zufluchtsort. Er weiß nicht mehr, wie alt er ist und wie lange er schon in diesem Bus lebt. Klar ist, dass er ein Junge auf der Suche nach ein bisschen Liebe und Zuneigung ist. Doch seine Mutter kann ihm diese nicht geben, sie scheitert selbst an diesem Leben. So bleibt der Junge in seinem blauen Bus und träumt sich mit Karolin an das blaue Meer. In Alpträumen wird er immer wieder von seiner Mutter heimgesucht, doch stets erleiden sie aufs Neue Schiffbruch miteinander.
Enrico Spohn gibt den Jungen sehr eindringlich unter größtem körperlichem Einsatz. Man nimmt ihm seine Wut und seine Verzweiflung ab, die ihn in diese autistische Welt drängt. Dank der intensiven Darstellung gelang es Spohn mit der Zeit, seine anfangs nicht immer aufmerksamen Zuschauer, eine achte Klasse, zu fesseln und zu begeistern.
Von „Rosas Wolkenraumschiff“ waren die vier- und fünfjährigen Kinder von Anfang an begeistert. Für die Geschichte des Regentropfens Rosa durften sie in eine riesiges weißes Zelt schlüpfen. Dieses luftige Zelt war Wolke und Raumschiff in einem. Kaum hatten sie Platz genommen, kam auch Rosa hinzu. Rosa war ein Regentropfen und nutzte die Wolke immer als Fortbewegungsmittel, bis sie wieder schwer genug war, um als Regentropfen auf der Erde ein neues Abenteuer zu erleben. Diesmal ging die Fahrt nach Paris.
Christiane Ahlhelm vom Münchner Theater Kunstdünger hatte die Idee zu diesem fantasievollen Stück. Auch wenn zu Beginn nicht jedem ganz wohl war im Zelt, wollten schließlich doch alle mit Rosa reisen. Am Ende wären sie lieber in Paris ausgestiegen, als wieder nach Augsburg zurückzufliegen. Auf ihrer Reise befreit Rosa einen Regenbogen aus seiner Kiste, spielt mit dem Gewitter Fangen und erzählt von früheren Erlebnissen. Immer wieder kommentierten die kleinen Zuschauer mit Begeisterung Szenen und Text.
Christiane Ahlhelm verstand es bestens, auf die Reaktionen der Kleinen einzugehen. Nach dem Theater fragten die Kinder eifrig die Akteurin und die Regisseurin Stefanie Hahnzog über Requisiten, das Zelt und vieles mehr.
Augsburger Allgemeine 09.02.2006

Dreierlei Rotkäppchen
Premiere eröffnet „Panoptikum“
(gek). Dreimal neu wird dieses Märchen erzählt: Ungewöhnliche Perspektiven bot das italienische Replicante Teatro mit seinem „Rotkäppchen“ nach Charles Perrault, das als Deutschlandpremiere im abraxas den Auftakt zum Augsburger Panoptikum-Kindertheater-Festival bildete.
Aus kahlen, dünnen Ästen, die die drei Schauspieler herbeischleppen, entsteht auf der Bühne jener Wald, in dem sich das „Rotkäppchen“ vom Kind zur Frau entpuppt. Wie das geschieht, davon berichtet zuerst die Mutter, besorgt um ihre Tochter. Wie ein Automatenpüppchen trippelt jene los, bis sie arglos auf den Wolf stößt. Der lässt allerlei Glitzerdinge vor ihrer Nase baumeln. So hoch allerdings, dass sich Rotkäppchen strecken muss. Der Wolf macht sich inzwischen zur Großmutter auf, frisst sie und wartet, bis er auch das Mädchen mit einem Satz verschlingen kann.
Herrlich die zweite Perspektive, die des Wolfs, leidenschaftlich und gewitzt dargestellt, aber auch bedrohlich in seiner Gier nach dem Leckerbissen „Rotkäppchen“. Hinreißend die Regie-Idee, wie der Wolf ein Fleckchen Blumenwiese auslegt und an einen Faden bindet, mit dem er das naive Mädchen an sich zieht. Nun sitzt das Mädchen – die dritte Perspektive – im Bauch des Wolfs und muss erkennen, dass ihre Arglosigkeit sie „ins Dunkel hat fallen lassen“. Eine bezaubernde Aufführung, deren Bildersprache und Poesie darüber hinwegtröstete, dass das meiste, was gesprochen wurde, in Italienisch war.
Augsburger Allgemeine 08.02.2006

Kostproben für alle
Internationale Produktionen für junge Theaterentdecker
Am kommenden Dienstag geht es los: Kindertheater-Truppen aus Belgien, Deutschland, Italien und der Schweiz, den Niederlanden, Frankreich und Großbritannien sowie Ensembles aus Bayern und Nürnberg präsentieren ihre Stücke in der Stadt. Obwohl die Sponsorengelder diesmal nicht so üppig flossen wie bei der 3. "Panoptikum"-Auflage vor zwei Jahren, hat das Team um die Künstlerische Leiterin Andrea Maria Erl ein abwechslungsreiches Programm zusammengestellt. Es geht in den Häusern der Theater Pfütze, Mummpitz, Rootslöffel, dem Theater der Puppen und - wegen der Renovierung der Tafelhalle - diesmal auch im Künstlerhaus über die Bühne.
Bereits ausverkauft sind die Auftakt-Aufführung von "Haushalt ver-rückt" der französischen Compagnie Coatimundi sowie der Klassiker "Rotkäppchen" vom italienischen Replicante Teatro. Wer hier nicht zum Zug gekommen ist, hat noch jede Menge Auswahl für jede Altersstufe. Das Theater Ultima Thule aus Belgien etwa erzählt von einem musikalischen Findelkind namens "1900" (ab 12), das Schweizer Theater Sgaramusch, Stammgast bei Panoptikum, präsentiert von Kindern erdachte Wolfsgeschichten (ab 6).
Poetisches und humorvolles Figurentheater um die Beziehung zwische Jung und Alt gibt es vom Puppentheater der Stadt Halle unter dem Titel"Kannst du pfeifen Johanna?" (ab 7) das Junge Ensemble Stuttgart erzählt in "Nebensache" eine eher tragische Geschichte vom Scheitern (ab 6).
Die Kindertransporte nach Großbritannien vor dem Zweiten Weltkrieg beleuchtet die multinationale Truppe New International Encounter in "Das Ende von Allem" am Beispiel der kleinen Agata (ab 12). Von der belgischen Compagnie Kopergietery kommt das Tanztheater "Beuysband" (ab 13). Das liebenswerte Stück "Platz für den König" des Jungen Ensembles Stuttgart richtet sich an alle ab 5 Jahren.
Viele der internationalen Produktionen sind erstmals in Deutschland zu sehen. Eine Premiere steuert auch das Nürnberger Papiertheater bei: Johannes Volkmann und Martin Ellrodt geben die "Kostprobe 1 - Papier schmeckt weiß" zum ersten Mal. Bon Appetit!
BIRGIT NÜCHTERLEIN
Nürnberger Nachrichten 3.2.2006

Im Sprung über alle Grenzen
Mit nicht weniger als „einem gewaltigen Phantasieschub“ rechnet Nürnbergs OB Ulrich Maly. Wenn am kommenden Dienstag für sechs Tage das Kindertheater-Festival „Panoptikum“ in Nürnberg seine vierte Wundertüte öffnet: 19 Inszenierungen aus acht europäischen Ländern werden da zu bestaunen sein. Handverlesen nach Komödiantik, Ästhetik und – nicht zu verleugnen – Finanzrahmen.
Eine Leistungsschau, die unter Fachleuten auch die aktuellen Trends zu Debatte stellt, aber laut Andrea Maria Erl, der künstlerischen Leiterin, vor allem „ein Festival für die Stadt Nürnberg und ihr Publikum“ sein will. An fünf Spielstätten /Kachelbau, Künstlerhaus K4, Theater Pfütze, Theater im Ka-Li und Theater Rootslöffel) sind die Aufführungen zu sehen – die wichtigsten auch für die Erwachsenen mit Anbindung ans kindliche Gemüt in Abendvorstellungen.
Die Spartengrenzen sind bei den Junioren längst niedergerissen, jetzt kommt es vermehrt darauf an, was auf dem großen Frei-Gelände über die Standarts von Sprache und Spiel, Comedy und Musik hinaus passiert. Tanz beispielsweise, wenn in einer Koproduktion aus Genua und Amsterdam unter dem Titel „Den Mond essen!“ für ein poetisches Stück schauspielernde Tänzer mit Live-Musik auftreten. Die „Beuysband“ aus Belgien weitet den Kunstbegriff noch mehr aus, wenn sie die Story von vier Jugendlichen mit Boygroup-Träumen erzählt und den unterschiedlichen Talenten im Quartett sehr frei nach den philosophischen „Jeder ist ein Künstler“-Regeln des Joseph Beuys folgt. Das Künstlerhaus als Auftrittsort gibt der Sache noch den besonderen Kick.
Die britisch-tschechische Ensembleproduktion „Das Ende von allem“ steht für die erfreuliche Tatsache, dass das Kindertheater auch „dunkle Seiten“ aufschlägt. Die multinationale Gruppe NIE thematisiert in drei Sprachen deutsche Geschichte, wenn sie sechs Musiker und einen Schrank aufbietet, um über Kindertransporte vor Beginn des Zweiten Weltkriegs zu berichten. Spannweite unendlich, vom Puppentheater bis zur „Odyssee – in einer Stunde“.
D.S.
Abendzeitung 2.2.06

Wer hat das Geheimnis des Mondes geklaut?
KiJu-Theaterfestival „Panoptikum“: 7. bis 12. Februar
Nürnberg als deutsche Hochburg des Kinder-Jugendtheaters: zum vierten mal kommt nun das Theaterfestival „Panoptikum“, einst im Jahre 2000 anlässlich des Stadthubiläums von „Mummpitz“-Leuten aus der Taufe gehoben. Alle zwei Jahre soll es stattfinden und internationalen Charakter haben: also Truppen aus dem Großraum, aus Bayern und den vereinigten europäischen Staaten bringen, viele Aufführungen als Deutschlandpremiere! Sprachbarrieren wird es kaum geben, denn sämtliche Theatergäste sind imstande, auch nonverbal, also mit bildhaftem Spiel sich verständlich zu machen: Phantasie kennt bekanntlich keine Grenzen und ist eine Fremdsprache die man intuitiv versteht. Etwa das Auftaktstück „Den Mond Essen – Mi mangio la luna!“ von dem „Teatro del Piccione“ aus Genua, in Kooperation mit dem Kikkabù Dans Theater aus Amsterdam. Zwei spielende Tänzer sowie zwei Live-Bühnenmusiker führen vor, wie der Mond auf die Erde kommt, um sein gestohlenes Geheimnis zurückzuholen. Oder das „Objekttheater“ aus Frankreich, „Cie. Coatimundi“, mit „Haushalt ver-rückt – Lézard ménagé“, einem gänzlich wortlosem Stück für zwei Akteure, denen der Alltag aus allen Fugen gerät und wo selbst ein Staubsauger sich in ein Monstrum verwandelt. Organisiet von Cathrin Blöss und Anette Trümper, sind die Gast- und Heimspiele auf Kachelbau, K4-Festsaal, Theater Pfütze, Theater im KaLi und das Theater Rootslöffel verteilt. Hinzu kommt am 9.2. eine „Panoptikum-Landpartie“ zum Dehnberger Hoftheater mit Spaziergang, Essen und dem „Light my Fire. Prometheus“-Projekt von den Theatern Mummpitz und mimulus. Festivalzentrum ist der Kachelbau, dort findet auch das finale gemeinsame „Fest-Essen“ satt.
J.S.
Plärrer Februar 2006

Ein König, der Wolf und zwei Verrückte
Kindertheaterfestival „Panoptikum“ trotzt Finanznöten und geht in die vierte Runde
„Panoptikum“ heißt der geballte Bühnenzauber, für den sich in diesem Jahr zum vierten Mal der Vorhang hebt. Vom 7. Bis 12. Februar sind die Nürnberger Kindertheater Mummpitz, Pfütze, Rootslöffel, das Theater der Puppen im KaLi sowie das Künstlerhaus Gastgeber für das Kindertheater-Festival, dessen kleinere Ausgabe parallel in Augsburg stattfindet. Während der Festival-Tage sind in Nürnberg wider internationaleGastspiele und Produktionen aus Bayern zu erleben.
„Wir haben es tatsächlich geschafft“, sagt Andrea Maria Erl, die künstlerische Leiterin von „Panoptikum“. Einfach sei es nicht gewesen, denn für Veranstaltungen wie diese sind die Zeiten hart. Von den insgesamt 200 000 Euro, die vor zwei Jahren für das Kindertheater-Festival zu Verfügung standen, fehlten diesmal 24 000. Der Grund: Die Zukunftsstiftung der Sparkasse, die 2004 mit im Unterstützer-Team war, darf Projekte nur einmalig anschieben und ist nicht mehr mit im Boot.
Dennoch sind wieder zehn europaische Gastspiele aus Belgien, Deutschland, Italien, der Schweiz, den Niederlanden, Frankreich und Großbritannien sowie neun Produktionen aus Bayern und Nürnberg im Programm —
so viele wie beim letzten Mal. „Wir haben die verbliebenen Sponsoren weiter geschröpft und streng Haus gehalten“, erzählt Erl. Die Stadt Nürnberg half, das Stiftungsloch zu stopfen, und die beteiligten Theater-Truppen gastieren angesichts der Finanznot „zum Freundschaftspreis“.Abgespeckt wurde allerdings das immer noch üppige Rahmenprogramm. „Wir sind jetzt an der unteren Grenze“, heißt es in derStabsstelle beim Theater Mummpitz im Kachelbau.
Das Publikum wird von den Finanznöten wenig mitbekommen, wenn das bunte Theaterpaket geöffnet wird, in dem vom Erzähl- über klassisches Figurentheater, vom Tanz- über Objekttheater bis zum Schauspiel alle Sparten vertreten sind. Zum Zug kommen wie immer die Nürnberger Kindertheater-Ensemb1es. Neu dagegen: Auch jugendliche Theaterfreunde werden diesmal bedient. Wenn auch nicht gleich mit dem Eröffnungsstück
„Haus ver-rückt“ von der französischen Compagnie Coatimundi. Das Objekttheater fur Leute ab sechs Jahren kommt ganz ohne Worte aus und berichtet mit feiner Komik vom täglichen Zusammenleben zweier Leute. Dieselbe Altersstufe im Visier haben das Schweizer Theater Sgaramusch mit seinen von Kindern erdachten Wolfsgeschichten sowie das „Junge Ensemble Stuttgart“ mit „Nebensache“, der gar nicht lustigen Geschichte vom Leben eines Landstreichers. Eher majestätisch geht es zu, wenn dieselbe Truppe zusammen mit dem Züricher „Theater en gros et en détail“ „Platz für den König“ fordert.
Die Jüngsten ab vier Jahren sind beim „Teatro del Piccione“ aus Genua und dem „Et Kikkabù Dans Theater“ aus Amsterdam richtig. Deren tänzerische Koproduktion erzählt das kleine, feine Abenteuer vom Mond, der auf die Erde kommt. Klassisches Marionettentheater und die Geschichte von Freundschaft und Tod ist dagegen vom Puppentheater der Stadt Halle zu sehen. Das belgische Ensemble „Ultima Thule“ steuert die Erzählung vom musikalischen Findelkind mit Namen „1900“ bei, und in mehreren Sprachen, aber garantiert verständlich wird die niederländisch-tschechische Produktion „Das Ende von allem“präsentiert. Beide Geschichten sind wie das belgische Tanzstück „Beuysbands“ für die älteren der jungen Theaterfans gedacht. Ein Festival mit prallem Programm also. Sobald es vorbei ist, werden sich die Organisatoren für einen neuen Kraftakt rüsten müssen, um auch die fünfte Ausgabe zu stemmen.
BIRGIT NÜCHTERLEIN
Nürnberger Nachrichten 13.01.2006

Wunschliste mit »Beuysband«
Kindertheaterfestival »Panoptikum« mit 19 Produktionen
Weniger Geld, weniger Unterhaltung: 200 000 Euro minus die einmalige Unterstüzung der Sparkassen-Zukunftsstiftung von 24 000 Euro macht 330 Minuten weniger Theater-Vergnügen als beim letzten Mal. „Ja“, sagt Andrea Maria Erl, „die Zeiten sind hart, aber gerade deshalb sind wir froh, dass wir es wieder tatsächlich geschafft haben, dieses Programm auf die Beine zu stellen.“
Und mit den 176 000 Euro, die dem Kindertheaterfestival . „Panoptikum“ — eine Co-Produktion des Theater Mummpitz in Nürnberg und des Jungen Theaters in Augsburg — in der vierten Auflage heuer zur Verfügung stehen, bieten die Organisatoren immerhin 41 Vorstellungen von 19 Produktionen an. Vielleicht ja, betont Tafelhallen-Chef Michael Bader; weil die Stadt Nürnberg (beteiligt mit 60 000 Euro) sich „bemüht hat, die entstandenen Lücken zu schließen“ Alle Produktionen, die auf der Wunschliste standen, sind jedenfalls dabei. Zu den Highlights gehören das clowneske Schauspiel „Platz für den König“ vom Jungen Ensemble Stuttgart und dem Züricher„Theater en gros et en détail“ das anrührende Figurentheater „Kannst du pfeifen Johanna“ vom Puppentheater der Stadt Halle und das visuelle Musical „Beuysband“ von „Kopergietery“ aus Gent.
Natürlich beteiligt sich auch die Nürnberger Kindertheater-Szene am Festival, mit eigenen Aufführungen und mit Räumen. Besonders happy machen die Panoptikum-Macher drei Tatsachen: Zum ersten, dass zehn internationale Produktionen teilnehmen. Zum zweiten, dass mit Tanztheater, Erzähltheater, klassischem Figurentheater, Musiktheater, Schauspiel und Objekttheater jede Menge verschiedene Genres vertreten sind. Und zum dritten, dass dieses Mal auch Stücke für die bis jetzt oft vernachlässigte Generation 13+ angeboten werden. Allerdings“, sagt Erl, „auch wenn wir alle Produktionen, die wir haben wollten, bekommen haben, ist für uns, was die finanzielle Sizuation angeht, die Fahnenstange erreicht.“
ole
Abendzeitung 13.01.2006

Zum vierten Mal fördert die GfK das Europäische Kinder- und Jugendtheaterfestival Panoptikum, Nürnberg und Augsburg, Deutschland
Kindertheater in all seiner Vielfalt
Das sechstägige Europäische Kinder- und Jugendtheaterfestival Panoptikum wurde vom Kinder- und Jugendtheater Mummpitz aus Anlass der 950-Jahr-Feier der Stadt Nurnberg im Jahr 2000 Ins Leben gerufenZu seinem neuen Projekt Panoptikum hatte das Mummpitz-Team zehn europäische Theaterproduktionen für Kinder ausgewählt, die den Kindern und Jugendlichen in Nürnberg einen Mix aus anspruchsvoller Darstellung und Unterhaltung bieten sollten. Das multinationale Konzept des Festivals hat in der breiten Öffentlichkeit und in der Fachwelt beachtlichen Erfolg.
Die Vorstellungen waren zu Beginn des Festivals bereits fast vollständig ausverkauft. Sowohl Fach- und Publi-kumspresse als auch die Zuschauer waren begeistert. Der überaus positi-ven Resonanz ist es zu verdanken, dass der Freistaat Bayern und die Stadt Nürnberg signalisierten, das Festival zu wiederholen. Auch die GfK, die schon den Start des Festivals im Jahr 2000 unterstützte, war bei den folgenden beiden Festspielwochen in den Jahren 2002 und 2004 wieder mit dabei. Seit dem Jahr 2002 kooperiert Mummpitz mit dem Jungen Theater Augsburg, das lange Zeit das Bayerische Kinder- und Jugendtheaterfestival ausgerichtet hatte. Heute sind die Festivals unter dem Namen Panoptikum vereint und finden alle zwei Jahre sowohl in Nürnberg wie auch in Augsburg statt. In Augsburg liegt der Schwerpunkt auf bayerischen, in Nürnberg auf internationalen Theaterproduktionen.
Zu den 38 Vorstellungen der 21 eingeladenen Inszenierungen aus ganz Europa kamen beim dritten Panoptikum im Februar 2004 nicht nur über 5.000 Nürnberger und Augsburger jeglichen Alters. Auch über 80 Theaterexperten aus ganz Europa nutzten das vielfältige Angebot und besuchten die zusätzlich zu den Theateraufführungen angebotenen Inszenierungsgespräche, Fachdiskussionen und darüber hinaus die Tagung der Festivalveranstalter aus dem In- und Ausland.
Um nun erneut die Bandbreite des Europäischen und Bayerischen Kindertheaters in all seinen unterschiedlichen Formen zu präsentieren, werden auch vom 7. bis zum 12. Februar 2006 mit Unterstützung der GfK zehn deutsche und europäische Produktionen im Bereich Schauspiel, Tanz, Musik und Figurentheater nach Nürnberg und Augsburg eingeladen. Als künftige Highlights gelten vor allem die Europapremiere von „The end of everything else“ der Nie Company aus Tschechien, England, Frankreich und Norwegen sowie die Groteske ohne Worte „Lezard Ménagé“ der französischen Gruppe Coatimundi.
GfK Insite 04.2005

Nürnberger Kultur Nachrichten Winterprogramm 2005/06
Beuysband aus Belgien bei Panoptikum, dem europäischen Kindertheater-Festival
"Wie seine ersten Zuschauer, ist es längst den Kinderschuhen entwachsen, hat an Professionalität gewonnen und nichts an Frische verloren: Das Theater Mummpitz, das im Dezember ohne großes Spektakel seinen 25. Geburtstag feiert und als eine der tragenden Säulen der Kindertheater-Hochburg Nürnberg der Stadt noch lange erhalten bleiben möge. Was Nürnberg an Mummpitz und seinen anderen Kindertheater-Ensembles, wie den Theatern Pfütze, Salz und Pfeffer oder Rootslöffel hat, zeigt alle zwei Jahre auch der Vergleich mit der europäischen Szene, die bei Panoptikum zu Gast ist. Ein Festival, das als einmaliges Ereignis zum Stadtjubiläumsjahr 2000 geplant dank großen Erfolges 2006 in die vierte Runde geht.
Man muss kein Kind sein, um sich von den fantasievollen Produktionen, die Panoptikum nach Nürnberg bringt, faszinieren zu lassen. Aber man kann dabei wieder leicht zum Kind werden und mit leuchtenden Augen die Vorstellungen verlassen, darüber staunen, dass man noch über etwas staunen kann. Das schaffen die internationalen Ensembles, die jede Sprachbarriere spielend nehmen, häufig mit geringen Mitteln leichter Hand. Gut 5000 Besucher haben sich das beim letzten Festival nicht entgehen lassen und für ausverkaufte Vorstellungen gesorgt.
Aber sehen Sie selbst vom 7. bis 12. Februar 2006 – zum Beispiel die renommierte belgische Truppe Kopergietery, die mit ihrer jüngsten Produktion "Beuysband" anreist, einem Tanztheaterstück mit Musik, die sich zwischen Cello-Suiten und Funk bewegt, über eine Welt, in der alles käuflich ist und Joseph Beuys auf N'Sync trifft."

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