Kindertheater aus Bayern und Europa in Nürnberg

23. bis 28. Januar 2018

eine Veranstaltung von

2004 Vorberichte und Kritiken / Previews and Reviews

Theater der Zeit 4/2004
3. Internationales Kinder- und Jugendtheaterfestival "Panoptikum" in Nürnberg
von Tristan Berger
Ein "Publikumsfestival" sollte das dritte "Panoptikum"-Festival in Nürnberg nach dem Willen seiner künstlerischen Leiterin werden, eines, zu dem in erster Linie die Nürnberger kommen sollten. Und sie kamen, so zahlreich, dass fast alle Vorstellungen ausverkauft waren. Möglichst alle Genres – das Figuren- und das Musiktheater, das Schauspiel gleichermaßen wie das Tanztheater – wollte man haben, eine Vielfalt der Stile für alle Altersstufen.
Wie zaubert man mit fast nichts fantasievoll fast alles auf die Bühne? Ivica Simic bewegt sich mit seinem Zagreber Theater Mala Scena auf Augenhöhe mit der ästhetischen Entwicklung des europäischen Kindertheaters. Ihm dienen gut ein Dutzend halbmeterdicker Miniatur-Halfpipes aufeinander gestapelt als Wehrturm, auf den Rücken gestellt als schwankender Schiffskörper, hintereinander positioniert als Flucht- (oder Euro-)Tunnel. Sie liefern die Schauplätze für Ignace Cornelissens Shakespeare-Adaptation von jenem Heinrich V., mit dem der Hundertjährige Krieg zwischen England und Frankreich begonnen hatte und an dessen Ende niemand mehr wusste warum. Was für eine Herausforderung für ein Theater aus einem Land mit seinem eigenen Krieg und seinen eigenen "Königen"! "Darf man einen Krieg anschauen?", fragt eine Mädchenstimme und verwundert merken wir auf: Hier stellt noch jemand diese Frage! Die Halfpipes werden zu Riesenschaufeln des Todes, fegen die Soldaten zu Hunderten hinweg. Starke Bilder, doch auf Kosten einer differenzierten Auseinandersetzung mit den Figuren; Simic bevorzugt nicht den tiefgründigen Humor, sondern den schnellen Lacher, seine Inszenierung geht selten nur über ein Sandkastenspiel hinaus. Und wie wir uns zu Beginn über eine ungewöhnliche Frage wunderten, wundern wir uns am Ende darüber, wie erstaunlich unblutig es zugeht in diesem blutigen Krieg.

Wer in Nürnberg war, dem drängte sich auf: Kindertheater scheint ein Zweitverwertungsmedium geworden zu sein, so wie das Musik- und Filmbranche seit Jahren vormachen. Originäre Stoffe sind Mangelware, und dass Kindertheater DAS Autorentheater der Gegenwart sei, ist eine Mär: Die Grimms sind wieder in, auch wenn sie dabei regelmäßig durch den Fleischwolf mehr oder weniger sinniger Bearbeitungen gedreht werden.

In Schneeweiss, der Schneewittchen-Adaption des Zürcher Theaters an der Sihl kommt einer zu Wort, dem in diesem Eifersuchtsdrama ansonsten nur eine kleine Nebenrolle, jedoch die folgenschwersten Sätze zugedacht sind: der Spiegel. Obschon der Königin zweites Gesicht und täglicher Selbstbestätigungsbegleiter hat er ein tödliches Geheimnis: Schneewittchen (die hier "Schneeweiss" heißen darf), eine Madonnenbüste mit Glühlämpchengloriole, unerreichbare (Model-)Schönheitsikone und Heilige, der man das Lebenslicht ausbläst, indem man den Stecker aus der Dose zieht. In Antonio Viganos Regie war statt der in voreiliger Selbstbeweihräucherung versprochenen "besonderen Ästhetik" tatsächlich nur ein eklektizistisches Sammelsurium aus Elvis-Versatzstücken, Psychothrillern, Bodenturnen und Andeutungen modernen Tanztheaters zu sehen gewesen, eine ermüdende Aneinanderreihung von Regieeinfällen und Bildertableaus, die den beiden durchtrainierten Schauspielerkörpern neben Purzelbäumen und Liegestützen nur Posen abverlangte.

Gott sei Dank geht es auch anders: Nach Bertolt Brechts 1929 entstandenem "Radiolehrstück für Knaben und Mädchen", Der Ozeanflug, hat die älteste freie Theatergruppe Estlands, das 1987 gegründete VAT Teater aus Tallinn, eine temporeiche und voller überraschender Erfindungen steckende Inszenierung über Charles Lindbergh präsentiert, der 1927 als Erster den Atlantik überquerte. Dem Mann mit der Lederkappe und seiner "Spirit of St. Louis" machen Nebel, Schneesturm und Schlaf das Leben schwer. "Hast du genug Öl?", erkundigt sich besorgt der Ozeanflieger bei seinem Motor. Da tropft die körperlich wie spielerisch auftrumpfende Katariina Lauk-Tamm mittels eines spotzende Geräusche erzeugenden Kazoos Öl aus einer Kanne, bis man zu sehen meint, wie dem Motor das Öl inwendig die Benzinleitung hinunterrinnt. Geschmeidig wiegt sich der Mädchenkörper, geschmeidig läuft er wieder, der Motor, und Lindbergh herrscht ihn an wie einen Fremdarbeiter: "Du gut arbeiten!" Da wird unaufdringlich und höchstvergnüglich klar, dass Lindbergh seinen Ozeanflug nicht alleine bewältigte, er wie jeder große Erfinder, Forscher und Herrscher Helfer hatte, ohne die groß der Große nicht wäre.

Mit ebenso wenigen Mitteln ist dem TJUS aus dem fernen Jekaterinburg eine anrührend-schöne Bühnenadaption von Anton Tschechows Erzählung Kaschtanka gelungen. Es ist eine kleine unaufgeregte Geschichte um ein herrenloses Hündchen, das Unterschlupf bei einem seltsamen Unbekannten findet, der mit einem wichtigtuerischen Gänserich, einer naiven Schweinchendame und einem arroganten Kater im Zirkus auftritt. Bemerkenswert an Wjatscheslaw Kokorins jeglichen Naturalismus vermeidender Regie war neben den unvergleichlich liebevoll getroffenen Tiercharakteren vor allem die Langsamkeit und Ruhe des Erzählvorgangs. Und noch etwas erregte Aufmerksamkeit: Mit sechs Darstellern und zwei Musikern waren die Russen angereist, eine kleine Sensation im zeitgenössischen Kinder- und Jugendtheater, das gelernt hat, sich in finanziell bewegten Zeiten zu bescheiden und ohne Bühnenausstattung sowie mit zwei, höchstens drei Darstellern auszukommen.

Kreativität ist gefragt, Bildung tut Not! Da passte es, dass Bundesfamilienministerin Schmidt mehrheitsfähig und folgenlos zusammen mit ihrem bayerischen Ministerialkollegen darüber nachdachte, ob Schule Theater brauche ("Natürlich!"). Der rein utilitaristischen Debatte hielt Wolfgang Schneider, der Chef der International Association of Theatre for Children and Young People (ASSITEJ), ein Zitat der schwedischen Theatermacherin Suzanne Osten entgegen: Kindertheater sei ein Kindheitstheater, das den Erwachsenen Mitteilungen machen könne über Kindheit und Kinder.

Das zu verifizieren war das Randers Egnsteater aus Dänemark angetreten und zeigte mit Es ist ganz gewiss eine kleine, kurze Hommage an den großen Erzähler Hans Christian Andersen. Eine einzige Feder erschafft einen ganzen Hühnerhof, auf dem das hässliche junge Entlein – wie der Dichter auch – "das dringende Bedürfnis, auf die Bühne zu gelangen", verspürt. In dem Gedicht "Die Frau mit den Eiern" platzen große Träume ebenso wie die des jungen Andersen, der mit 14 Balletttänzer werden wollte. Eine wundersame Bühne, deren Hintergrund mit den Scherenschnitten H. C. Andersens ausgestattet ist, in der Mitte ein Schreibpult, aus dem, miniaturhaft, die Märchen und das Leben des dänischen Nationaldichters auf das Erstaunlichste entspringen. Und wenn ein triefend nasses Taschentuch schwuppdiwupp zur Prinzessin auf der Erbse mutiert, die im Regenschauer an das Tor des Königsschlosses klopft, dann haben die Dänen eindrucksvoll gezeigt, wie groß die gar nicht kleine Kunst für kleine Menschen – und ihre großen Begleiter – ist.

Eselsohr 3/2004
Anton Tschechows "Kaschtanka" begeisterte in Nürnberg auf der Theaterbühne
von Henning Fangauf
Alle zwei Jahre lädt die Stadt Nürnberg, eine Hochburg des Theaters für junge Menschen in Deutschland, zu "Panoptikum", dem Festival des bayerischen und europäischen Kinder- und Jugendtheaters, ein. Die Gastgeber, das Theater Mummpitz, bereiten dieses Fest für Besucher aus Nah und Fern mit großer Verantwortung vor. Jeder Gastbeitrag demonstriert die Leistungsbreite des professionellen Kinder- und Jugendtheaters: aus der Schweiz gastierte das Theater Kolypan mit der "Vladimir Show", einer "Live-Show mit Spielsachen" und vollführte eine rasante Travestie auf die täglichen TV-Talkrunden.

Das Theater Mala Scena aus Zagreb zeigte Heinrich V., eine moderne Adaption der Shakespeare-Tragödie für Kinder. Regisseur Ivica Simic nutzte die Vitalität seines jugendlichen Ensembles und präsentierte ein Comic-Spiel um Macht und Krieg. Aus Estland war das VAT Teater (Tallinn) mit Brechts Der Ozeanflug angereist und aus Dänemark das Randers Egnsteater mit Es ist ganz gewiss, nach einem Märchen von H.C: Andersen.

Dass Märchenbearbeitungen weltweit zum aktuellen Repertoire des Kinder- und Jugendtheaters gehören, verdeutlicht dieses Festival erneut. Die Bremer Stadtmusikanten, Schneewittchen und der Teufel mit den drei goldenen Haaren waren im Programm vertreten – allesamt in animierenden Fassungen, die nichts mit 'Omas Märchenbühne' zu tun haben.

Höhepunkt des Festivals war ohne Zweifel eine weitere Prosa-Adaptation für die Bühne. Das Theater des jungen Zuschauers TJUS aus Jekaterinburg/Russland gastierte mit einer Inszenierung der Tschechow-Erzählung Kaschtanka: Die Geschichte einer Hündin, die sich zwischen zwei Herrchen – und damit zwischen zwei Lebensprinzipien – entscheiden muss. Die Dramatisierung und Regie von Wjatscheslaw Kokorin, vor allem aber das einmalig einfühlsame Spiel des achtköpfigen Ensembles, setzten das Publikum in Verzückung. Kokorins Inszenierung steuerte meisterhaft auf diesen emotionalen Höhepunkt hin. Er ist jeglicher Gefahr aus dem Wege gegangen, mit der Fabel zu 'menscheln' und Schauspieler in Tierkostüme zu stecken. Seine Inszenierung ist pure Schauspielkunst. Unterschiedliche Charaktere werden mit kleinen Zeichen und Gesten verdeutlicht. Präzision und Leichtigkeit im Spiel lassen die Geschichte wahrhaftig werden. Die Aufführung aus Jekaterinburg ist der Beleg für die Kraft des psychologischen Theaters und eine Wohltat in den Zeiten der dramatischen und darstellerischen Fragmentarisierung auf unseren heutigen Bühnen.

Im Juni wird die Aufführung nochmals im süddeutschen Raum gastieren.

Kulturpolitische Mitteilungen 1/2004
Über Festivaldramaturgien im Kinder- und Jugendtheater
Anmerkungen zu Begegnungen auf dem Nürnberger "Panoptikum"

von Manfred Jahnke
Wenn auch erst zum dritten Mal das von Andrea Maria Erl, Dr. Michael Zirk und dem Team vom Nürnberger Theater Mummpitz organisierte "Panoptikum" stattfand, das alle zwei Jahre Kindertheater aus Bayern und Europa zusammenbringt, hat es sich doch innerhalb der internationalen Szene einen festen Standort geschaffen. Weil es schon jeweils Anfang Februar stattfindet und damit den Auftakt für die europäische Szene bietet, kommen schon seit der ersten Begegnung Festivalmacher aus ganz Europa, den USA und Kanada nach Nürnberg gereist. Auch dieses Mal waren Vertreter von den großen Festivals u.a. aus Großbritannien, Irland, Liechtenstein, Österreich, Schweiz, Serbien, Slowenien oder Ungarn angereist, um sich zu treffen oder das internationale Angebot für eigene Gastspielverpflichtungen zu überprüfen. Die "Nordische ASSITEJ" (Dänemark, Finnland, Island, Norwegen und Schweden) traf sich in Nürnberg gar zu gemeinsamen Vorstandssitzungen.

Wo sich traditionell so viele Menschen vom Fach treffen, bleibt der Meinungsaustausch nicht aus. Folgerichtig brachte die deutsche Sektion der ASSITEJ, der Internationalen Kinder- und Jugendtheatervereinigung, nicht nur deutsche und internationale Festivalmacher zu einem Erfahrungsaustausch über Organisationsformen und Auswahlkriterien an einen Tisch, sondern versuchte darüber hinaus auch erstmalig eine Bestandsaufnahme der deutschsprachigen Kinder- und Jugendtheaterfestivals zu erstellen. Vorläufig zählte eine erste Liste 17 große Festivals in der Bundesrepublik, in Österreich und der Schweiz auf. Aber diese Liste ist bei Weitem nicht vollständig. Eine Ausdifferenzierung in eine Fülle von lokalen, regionalen und internationalen Festivals wie zugleich in bestimmte Genres wie Figurentheater, Musiktheater für Kinder etc. war bisher unübersichtlich. Das wird sich nun ändern, denn die ASSITEJ wird nun einen Führer durch die deutsche Festivallandschaft erarbeiten, um eine Orientierung zu ermöglichen.

Neben dieser Bestandsaufnahme stand insbesondere das Verhältnis von Theater und Schule im Zentrum der Diskussion. Wer allerdings große Erwartungen an eine Podiumsdiskussion "Braucht Theater Schule?" hatte, zu der die Bundesministerin für Familie, Frauen, Senioren und Jugend, Renate Schmidt, der Staatssekretär aus dem Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultur, Karl Freller, Prof. Dr. Wolfgang Schneider (Universität Hildesheim und Vorsitzender der ASSITEJ) sowie Andrea Maria Erl in der Moderation von Dr. Georg Leipold geladen waren, konnte erwartungsgemäß nur enttäuscht werden: eine wirkliche Vision, wie sich beim Erwerb von Schlüsselkompetenzen Theater und Schule zusammentun können, entstanden nicht. Entweder blieben die Untersuchungen zu diesem Verhältnis auch aus Rücksichten in der Kompetenzverteilung zwischen Bund und Ländern zu pauschal oder zu konkretistisch: konzeptionelles Denken bleibt auf Fachleute wie Prof. Dr. Wolfgang Schneider verwiesen.

Aber bei einem solchen Festival stehen immer die Aufführungen selbst im Vordergrund. Nur, wenn diese auch interessant sind, kann man bei allem Diskussionsbedarf, der sich rund um ein solches Festival auftut, auch von einem gelungenem Festival sprechen. Und da kann beruhigt bei "Panoptikum" ein gelungener Auftakt des Kinder- und Jugendtheaterfestivaljahres 2004 konstatiert werden. Aus den zehn ausgewählten Inszenierungen ragte Kaschtanka von Wjatscheslaw Kokorin nach der Erzählung von Anton Tschechow hervor – eine Aufführung vom TJUS Jekaterinburg, die schon beim letzten Deutschen Kinder- und Jugendtheatertreffen in Berlin reüssierte und durch eine Umbesetzung in der Hauptrolle noch hinzugewonnen hat. Es gab eine ganze Reihe von Aufführungen, über die man wunderbar streiten konnte, was ja auf eine Substanz verweist: denn wo es keine gibt, lässt sich bekanntlich auch nicht streiten. So zeigte das VAT Teater aus Estland Brechts Ozeanflug in einer Zweipersonenfassung, die sehr geschickt diese Geschichte eines Forschers gegen seine Hindernisse herausstellt. Ivica Simic vom Mala Scena aus Zagreb zeigte mit Heinrich V. von Cornelissen nach Shakespeare, wie nahe Kinderspiel und Krieg sich sind: ohne Zeigefinger wird von sinnlosen Zerstörungen erzählt. Umstritten auf einem hohen Niveau blieb Das Jahr des Hasen von Hans van der Boom am Stella den Haag (Niederlande). Auf eine geheimnisvolle Art und Weise wird hier die Geschichte eines jungen Mädchens, Martha, erzählt, die über den täglichen Besuch eines Hasen lernt, ihre eigene Geschichte zu begreifen und aufzuarbeiten. Filmeinblendungen wie Musikeinlagen des Vaters, der ein (erfolgloser) Blues-Sänger ist, machen das Stück zu einem Puzzlespiel – und wer zu früh die Geduld verliert, steigt aus.

Ansonsten dominierten in Nürnberg die kleinen Formen, in denen sich Erzählen, Musik und Figurenspiel miteinander mischten, eine Form darüber hinaus, die der Spielpraxis der (kleinen) freien Gruppen in Dänemark, der Schweiz und Deutschland entgegenkommt.

SpielArt 30/2004
Und alle erwarten sich ein Fest. Das Kindertheaterfestival Panoptikum in Nürnberg
von Eckhard Mittelstädt
Ein Panoptikum ist eine Zurschaustellung von Sehenswürdigkeiten. Beim Nürnberger Kindertheaterfestival Panoptikum im Februar gastierten nun schon zum dritten Mal besonders sehenswerte Inszenierungen des Kindertheaters aus Bayern und Europa (genau so war es auf dem Programmheft zu lesen!). Eingeladen wurden vom Festivalteam des Theaters Mummpitz um Andrea Maria Erl und Michael Zirk Theater aus den Niederlanden, Dänemark und der Schweiz, dem estnischen Tallinn, dem russischen Jekaterinburg und dem kroatischen Zagreb. Ihnen und natürlich den Theatern aus Bayern und dem nichtbayerischen Theater Waidspeicher aus Erfurt ist gemeinsam, dass sie den Kindern Geschichten erzählen wollen. Etwa jene von der Hündin Kaschtanka, die es, vergessen von ihrem trinkfreudigen Herrchen, in die Gesellschaft von Tieren verschlägt, die jeden Abend in einem Zirkus auftreten. Oder jene vom Ozeanflug Charles Lindberghs, die Brecht 1927 als Radiolehrstück geschrieben hatte. Oder neue Variationen Grimmscher Märchen oder auch eine Geschichte über die Entstehung von Hans Christian Andersens Kunstmärchen. Gespielt wird für die Nürnberger Kinder und so sind die ausländischen Theater aufgefordert, nach sinnvollen Möglichkeiten der Übersetzung oder Übertitelung der Aufführung zu suchen. Denn Panoptikum ist ein Publikumsfestival, das nicht in erster Linie für das Fachpublikum gedacht ist und auch gern Stücke ins Programm nimmt, die schon auf anderen Festivals zu sehen waren. Es kommt nicht darauf an, dass eine Geschichte wahr ist, sondern dass sie schön ist, schrieb James Krüss. Es kommt nicht darauf an, ob ein Stück schon von anderen Festivals entdeckt wurde, sondern dass es schön ist und die Nürnberger Kinder es sehen sollten. So könnte man den Spruch des Altmeisters der Kinderliteratur abwandeln, wenn man die Motivation des Festivalteams vom Theater Mummpitz bei der Auswahl beschreiben sollte.

Aber das winterliche Nürnberg ist auch alle zwei Jahre Treffpunkt von Festivalmachern aus den europäischen Nachbarländern, aus Kanada, Schottland und Irland. Sie kommen auf der Suche nach neuen Inszenierungen, aber auch um sich auszutauschen über Trends in der europäischen Kindertheaterlandschaft.

Was aber macht ein gutes Festival aus, welche Konzepte stecken eigentlich hinter einer Festivallandschaft, die im deutschsprachigen Raum immerhin 25 regelmäßig stattfindende Festivals für junges Publikum umfasst? Die ASSITEJ Deutschland hatte die Macher der Kinder- und Jugendtheaterfestivals nach Nürnberg eingeladen, um über Konzeptionen und Pläne zu diskutieren, Gemeinsamkeiten und Unterschiede festzustellen und Möglichkeiten der Zusammenarbeit auszuloten. Zunächst ließen sich viele Gemeinsamkeiten feststellen: Meist bestimmt das Festivalteam die Auswahl und lässt sich dabei selten auf ein Thema oder eine Linie festlegen. Gesucht wird europaweit, einen Schwerpunkt auf in Deutschland entstandene Inszenierungen gelegt hat nur das Deutsche Kinder- und Jugendtheatertreffen "Augenblick mal", das auch als einziges Festival eine unabhängige Jury beschäftigt.

Bemerkenswert ist auch, dass man sich in der deutschsprachigen Festivallandschaft weder auf ein Genre noch auf eine thematische Linie in der Konzeption des jeweiligen Festivals festlegen lässt. Hier wird zumeist von regionalen Gegebenheiten ausgegangen oder es spielen finanzielle Erwägungen eine Rolle, eine besondere Förderung des Austausches mit direkten Nachbarn etwa: Festivals in Emden und Duisburg widmen sich dem Austausch mit den Niederlanden, in Flensburg sind die Dänen regelmäßig zu Gast. Darüber hinaus gibt es regionale Treffen, wie etwa in Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Hessen, die mit internationalen Gastspielen ergänzt werden. Insgesamt ist die Festivallandschaft also vielfältig und sorgt für einen Fachaustausch. Kaum ein Treffen kommt noch ohne Aufführungsgespräche, Vorträge und Werkstätten aus. Auch die beiden von der ASSITEJ veranstalteten Treffen "Spurensuche" (in diesem Jahr in Freiburg) und die Hallenser Werkstatt-Tage, stellen den Fachaustausch in den Mittelpunkt. Gleichwohl fehlt es an Nachwuchsförderung und Wagnis. So fehlt den meisten Festivals ein Platz, der für junge Theaterkünstler reserviert ist, wohl aber ist eine Mischung mit dem nichtprofessionellen Bereich zu verzeichnen. Gelegentlich sind Inszenierungen mit Jugendlichen zu sehen, werden Mischformen präsentiert, wie etwa die Inszenierungen des Jungen Theaters Basel.

Das Treffen der Festivalmacher diente vor allem einem grundsätzlichen Überblick und der Erkenntnis, dass sich bei vielen Kooperationen lohnen. Die ASSITEJ wird aus den gesammelten Informationen einen "Festival Guide Germany" machen, der auch den internationalen Besuchern als Wegweiser nützlich sein kann.

Dass man sich bei Panoptikum traf, ist sicher kein Zufall. Festivals sind Feste und damit bilden sie schon seit der Antike Inseln außerhalb des Alltags, auf denen die Regeln des Alltags vollständig oder partiell außer Kraft gesetzt werden. Ein Theaterfestival ist aber immer auch ein Gesamtkunstwerk, das von den Machern geschaffen wird für die Besucher, erkennbar als solches wird es aber oft nur den Fachbesuchern. Die Kunst des Festivalmachens ist immer ein Balanceakt zwischen verschiedenen Publikumsinteressen, denen des Fachpublikums und denen der Kinder und Jugendlichen, der eigentlichen Adressatengruppe. Für Letztere hier zu sprechen verbietet sich. Panoptikum ist aber in jedem Fall ein Fest für die Fachbesucher, die überaus zahlreich und meist nicht zum ersten Mal nach Nürnberg kamen.

Das Team vom Theater Mumpitz versteht sich eben nicht nur auf das Präsentieren von ausgezeichnetem Theater für Kinder, sondern auch auf das Schaffen von vielen Anlässen zum Austauschen, Plaudern und Diskutieren. Und so genießen alle Teilnehmer die besondere Atmosphäre und die Gastfreundschaft des Theaters Mumpitz. Solcherart aufgehoben wagen sich alle Festivalteilnehmer am Ende der Woche sogar gemeinsam aufs Eis und jene, die den Schlittschuhlauf noch nicht beherrschen, werden tatkräftig bei ihren ersten Schritten unterstützt. Ein treffendes Bild zur Kunst des Festivalmachens.

Spiel & Bühne, 1/2004
Im Namen der Kinder. Nürnberger Festival "Panoptikum" präsentiert Theater und diskutiert über Theater und Schule
von Gerd Taube
Das Panoptikum ist eine alte Erfindung. Auf kleinstem Raum alles sehen zu können, was die Welt an Merkwürdigkeiten bietet, das war das Angebot jener Kuriositätenschauen, die auf Messen und Jahrmärkten ihre Buden aufgeschlagen hatten. Ein Kindertheaterfestival mit dem Namen Panoptikum müsste sich also an diesem Anspruch messen lassen. Um es gleich vorwegzunehmen, des Merkens und des darüber Redens würdig waren die Aufführungen, die das Festivalteam um die künstlerische Leiterin des veranstaltenden Theaters Mummpitz in Nürnberg zusammengetragen hatte, allemal. Ausreichend kurios waren da die Geschichten, die da erzählt wurden. Von einem entlaufenen Hund namens Kaschtanka handelt die preisgekrönte Inszenierung des Kinder- und Jugendtheaters aus Jekaterinburg (Russland), von Charles Lindberghs weltbekanntem Ozeanflug erzählt die Aufführung des estnischen VAT Teaters aus Tallinn und in der Aufführung der Gastgeber vom Theater Mummpitz in Nürnberg "Victor und Christabel" wird ein Gemälde lebendig und erzählt über das Schicksal der abgebildeten Christabel.

Kurios erscheint auch der Untertitel des Festivals, das im Februar in Nürnberg und Augsburg über die Bühnen ging: "Kindertheater aus Bayern und Europa". Jedem ist natürlich klar, dass diese Konstellation auf die Förderer dieses Festivals zurückgeht, andererseits erscheint die regionale Fokussierung im Vergleich zur europäischen Kindertheaterlandschaft auch reiz- und spannungsvoll. Wann hat man schon Gelegenheit, eine regionale Szene in einem europäischen Kontext zu präsentieren und alles in einer Zusammenschau gegenüberzustellen?

Die Regionalität und das Bundesinteresse waren auch das Leitmotiv einer Podiumsdiskussion mit dem rhetorisch anmutenden Titel "Braucht Schule Theater?", bei der mit der fränkischen Bundesministerin Renate Schmidt die Ressortleiterin des Bundeskabinetts für die Jugendpolitik neben dem Staatssekretär im Bayerischen Schulministerium, Karl Freller, saß. Und wo mit Prof. Dr. Wolfgang Schneider, Präsident der ASSITEJ international und der deutschen ASSITEJ, und mit Andrea Maria Erl, Künstlerische Leiterin des Theaters Mummpitz, zwei starke Verfechter der Sache des professionellen Kinder- und Jugendtheaters vertreten waren. Mehr noch als das fast schon obligatorische Geplänkel um Bundes- und Landeszuständigkeit war die Diskussion von einem grundlegenden Missverständnis geprägt. Wenn die im Auditorium zahlreich vertretenen Lehrer und der Staatssekretär auf dem Podium Theater sagten, meinten sie entweder das bürgerliche Stadttheater oder das Schultheater, die anwesenden Kinder- und Jugendtheatermacher – nicht weniger zahlreich anwesend – meinten mit Theater immer Theater für Kinder und Jugendliche und ganz selten Theater mit Kindern und Jugendlichen, dann aber meist nicht das Schultheater.

So verwirrend dieser Begriffskuddelmuddel in der Beschreibung klingt, so verwirrend, das heißt auch von mangelnder gegenseitiger Wahrnehmung geprägt, stellt sich ebenfalls die Realität des Verhältnisses von Kinder- und Jugendtheater (als Theater für Kinder und Jugendliche), Kinder- und Jugendtheater (als Theater mit Kindern und Jugendlichen), Schultheater und Stadttheater dar. Das müsste eigentlich nicht so sein, und man müsste nicht den Bundespräsidenten bemühen, der erst unlängst forderte, dass die Theater ein Bündnis mit den Schülerinnen und Schülern eingehen sollten, wenn man die Augen und die Arme öffnete und nicht so peinlich darauf bedacht wäre, die jeweils reine Lehre zu predigen.

Das Kind und der Jugendliche sind nicht teilbar in den Zuschauer des Kinder- und Jugendtheaters, den Spieler im Schultheater, den Zuschauer im Weihnachtsmärchen des Stadttheaters und den Teilnehmer an einem theaterpädagogischen Projekttag. Einer solchen Logik folgend, wurde jedoch in der Podiumsdiskussion argumentiert, jeder aus seiner Ecke und jeder mit dem Anspruch, die alleinige Deutungshoheit über das Verhältnis von Kindern und Jugendlichen und Theater zu haben. Und so richtig und unangreifbar die einzelnen Argumente sein mögen, nimmt man die Perspektive derjenigen ein, in deren Namen und zu deren Vorteil dort diskutiert wurde, werden die einzelnen Festschreibungen fragwürdig.

Die Fragestellung der Diskussion, ob denn Schule Theater brauche, war ja so verkehrt gar nicht gewählt, denn die unterschiedliche Auffassung von Theater und die vielfältigen Möglichkeiten von Theater spielen und Theater sehen im schulischen Kontext bis hin zur Theatralisierung von Lernprozessen wären sowohl für die Schule als auch für das Theater produktiv zu machen. Dazu müsste man sich gegenseitig wahrnehmen, dazu müssten die diversen Alleinvertretungsansprüche für die einzelnen Felder im Verhältnis von Kindern und Jugendlichen und Theater aufgegeben werden und dazu müsste man Theater spielen und Theater sehen als zwei Seiten desselben Modells, des Modells Kinder- und Jugendtheater begreifen, das konsequent vom Kind bzw. vom Jugendlichen aus zu denken wäre.

Aber es ist eben auch heute noch eine kuriose Vorstellung, althergebrachte Positionen kampflos aufzugeben. Wie sagte Hartmut von Hentig: "Was machen wir in Deutschland, wenn wir ein Problem nicht gelöst haben? Wir verdoppeln die Maßnahmen, statt einmal was zurückzunehmen!"

Nürnberger Nachrichten, 16. Februar 2004
Tänzer, Clowns und ein Schwein im Rock
von Katharina Erlenwein
Man könnte ja furchtbar jammern, wenn´s nicht so schön wäre. Heulen über die Geldnot der unabhängigen Kulturinitiatven, über die ewige Klinkenputzerei, die Kreative von ihrer eigentlichen Arbeit abhalten. So wie das Team vom Theater Mummpitz und sämtliche Nürnberger Kollegen von „Pfütze“, den „Rootslöffeln“ und den Puppenspielern im „Kali“, die alle ihre Spielstätten für das Kindertheater-Festival „Panoptikum“ zu Verfügung gestellt haben. Aber nach einem Festival, das mit großen Schwierigkeiten gestemmt und doch wieder professionell, charmant und mit einer Auslastung von 95 Prozent (rund 5000 Zuschauer) erfolgreich auf die Beine gestellt wurde, denkt miemand mehr an leere Taschen. Zu viel gelacht, zu schöne Bilder gesehen, zu viel Auswahl gehabt unter 17 verschiedenen Produktionen, die fast die die ganze Palette der Theater-Möglichkeiten ausgeschöpft haben.

Dabei sind die Grenzen der Darstellungsformen längst fließend. Schneewittchen zum Beispiel lässt sich nicht nur erzählen, sondern auch tanten. Das Züricher Theater an der Sihl ließ in Antonio Viganòs Adaption Schneeweiss die Zwerge großzügig weg, dafür entfesselt der Spiegel mit der Königin einen spannungsgeladenen Pas de deux. Schließlich hat noch niemand die Frage beantwortet, wie sich so ein Spiegel fühlen muss in der Zwickmühle zwischen Solidarität zur eitlen Herrin und seiner Liebe zu Schneewittchen.

Ein untreuer Spiegel

Sarah Hinnen als eifersuchtszerfressene Königen und Pascal Holzer als Spiegel, der nachts heimlich seinem Schneewittchen den Schleier lüpft, tanzen und spielen diese elementare Dreiecks-Beziehung mit Verve und Witz. Da wird der untreue Spiegel zur Not auch mit Klebeband gefesselt, der madonnenhaften Schneewittchen-Büste der Strahlenkranz ausgeknipst und die Welt per Tonband hereingeholt. Merke: Tanztheater ist auch was für Kinder. Dass man mit klassischem Clownstheater mindestens ebenso viel Unterhaltung auf die Bühne bringen kann, bewies das Theater Goigoi aus Potsdam: Herr Fernando und Frau Trotzki mit roter Nase, ein Akkordeonspieler, der zwischendurch auch als Staubsauger und Bankkassier dient, ein rotes Tuch – mehr braucht es nicht für die emotionsgeladene Geschichte von Lea, dem Mädchen ohne Eltern, das nie weint.

Tröstendes Tuch

Lea ist so tapfer, weil sie Goigoi, das rote Tuch, hat. Es kann sprechen, erzählt von früheren Jobs als fliegender Teppich und Prinzessinnenschleier, und gluckst, wenn Lea es knuddelt. Katja Rogner und Detlef Gohlke als Clowns wechseln fliegend die Rollen, speilen mit einer irrwitzigen Variationsbreite an Mimik und Körpersprache und helfen ihrem Publikum so auch locker über die Längen gegen Ende des Stückes hinweg.

Mit ebenso wenig Mitteln kann auch ein Literaturklassiker vom hohen ross geholt werden: Das Theater TJUS aus Jekaterinburg brachte Anton Tschechows Erzählung Kaschtanka mit einer großen Truppe von sechs Schauspielern und zwei Musikern im Theater „Pfütze“ auf die Bühne. Die Hündin Kaschtanka, die von ihrer ärmlichen Behausung bei einem Tischler zu einem Zirkusdompteur samt Menagerie kommt, winselt und bellt zwar ab und zu, doch ansonsten vermeiden die Russen jeglichen Naturalismus. Der Ganter krächzt und stelzt mit seinen roten Socken umher, wenn er den sterbenden Schwan gibt, das Schwein trägt Rock und eine dicke Schleife auf dem Kopf und rennt mit herrlich drögem Gesichtsausdruck im Kreis, der Kater ist ein ältere Herr mit Bäuchlein.

Gefühlvoll, ohne rührselig zu werden, mit Geige und Quetsche untermalt, charmant gespielt und vom Publikum bejubelt – der Blick in die osteuropäischen Kindertheater–Produktionen hat sich für das Festival jedenfalls gelohnt. Bleibt zu hoffen, dass die Panoptikum–Erfinder weitermachen unter dem Motto: Jammern gilt nicht.

Abendzeitung, 14./15. Februar 2004
Spiegel–Gefechte und ein russischer Dr. Doolittle
Entdeckungen beim Nürnberger Festival Panoptikum, das morgen zu Ende geht

von Andreas Radlmaier
Geht doch nichts über eine gesunde Selbstbespiegelung. Was beim Züricher Theater an der Sihl zu einer auf die Zehenspitze gestellten Neudeutung des Schneewittchen-Themas führte, gilt erst recht für die Aufführungen der Nürnberger Szene. Die Häuser zwischen Mummpitz und Pfütze waren zum Erstaunen der Veranstalter des Panoptikum-Festivals, das morgen mit Moral-und-Magen–Finale zu Ende geht (erst das Theater Sgaramusch „Der Teufel mit den drei goldenen Haaren“, dann Frühstück im Kachelbau), durch die Bank ausverkauft. Das Publikum setzt auf Vertrautes und tendiert massiv zur Kurzentschlossenheit, wie Michael Zirk beim Zieleinlauf des internationalen Kindertheater-Treffens bilanziert. Über 5000 Zuschauer bei 35 Veranstaltungen sorgen jetzt für zufriedene Mienen.

Die von Mummpitz vorgenommene Einladungs-Auslese, die mit Vorliebe am Anspruch und der Phantasie größerer und großer Kinder kitzelte, war auch aller Entdeckung wert. Seit Groucho Marx wissen wir, das Spiegel ein eigenes Leben besitzen. Das Theater an der Sihl macht in Schneeweiss, einer Art Schneewittchen reloaded, den Spiegel zur Reflexionsebene von Selbstbestätigung, Liebes-Zerren und Augen-Blicken. Die Zuschauer sitzen sich in der Tafelhalle (nochmals heute, 20 Uhr) auf Tribünen gegenüber und erleben in dieser bewegten und bewegenden Inszenierung von Antonio Veganò, wie der weiße Boden zum Förderband einer Zwangsbeziehung wird. Darauf robbt und tanzt, gleitet und gockelt, hechtet und fechtet der Spiegel, zerrissen hin und her – zwischen Schneewittchen, die als nächtliche Fremdgänger-Madonna vom Sockel leuchtet und mit dem Gurgeln der Espresso-Maschine betört wird, und Königin, die sich im juchzenden Eitelkeits-Rausch wälzt. Das hat Folgen: Erst schreibt der Kerl seinen Drehorgel Satz vom Schneewittchen, dass „1000 x schöner“ ist, auf den Boden, anschließend wird er mit „Zu verkaufen“-Schild kurzfristig ausgemustert. Gute Untertanen sind selten, solche Märchenstunden auch. Eine der schönsten im ganzen Land.

Die Truppe TJUS Jekaterinburg, bei Pfütze bejubelt, trieb mit Kaschtanka eine wilde Promenadenmischung in die Manege eines russischen Dr. Doolittle. Der lässt in der musikalisch gefühlvoll umspülten Seelenfutterkrippe sprichwörtlich eine skurrile Tanz-Sau raus, einen aufgeblasenen Ganter herumschnattern und einen arroganten Kater herumstiefeln. Dazwischen nun die veitstänzerische Hündin Kaschtanka, von ihrem Vorbesitzer, einem trinkfesten Tischler, vergessen, als Artisten-Azubi bei der „Ägyptischen Pyramide“. Ein witzig gespielte Zirkusnummer an der langen Tschechow-Leine.

Auch das Potsdamer Theater Goigoi steuert mit seinem Clownstück (nochmals heute, 17 Uhr, im Kachelbau) ins rote-Nasen- Milieu und zapft aus Situations-Slapstick Tramp-Triebkraft, um den Irrflug der einsamen Lea und ihres sprechenden Knuddeltuchs Goigoi (Kinder können schließlich auch sprechen) nicht der Anziehungskraft der Schwermut auszusetzen. Auch wenn die Impro-Spiellaune immer wieder verblüfft, bröselt die Glückskeks-Kraft gegn Ende. Tuch drüber.

Die Panoptikum-Macher, die auf erfolgreiche Verankerung ihres Festivals in Europa hinweisen, denken schon an Auflage Nr. 4 und wollen dabei die Politik auch auf ihre Solidaritätsbekundungen hin festklopfen. Na hoffentlich.

Pressemitteilung des JTA Augsburg, 13. Februar 2004
Preis der Kinderjury in Augsburg
Traditionell wird beim Augsburger Teil des Festivals Panoptikum der mit 500 Euro dotierte Preis der Kinderjury vergeben. Die Klasse 2A der Grundschule Centerville mit ihrer Lehrerin Frau Reichardt hat sich sieben Produktionen angeschaut - Heinrich V./Mala Scena, Zagreb, Paul Felz/Junges Theater Augsburg, Freddy, ein Hamster lebt gefährlich/Theater Pfütze Nürnberg, Nebensache/Theater EigenArt Neuhaus, Der kunterbunte Zauberesel/Comoedia Mundi Trautskirchen, Kugelmenschen/Papiertheater Nürnberg, Die Vladimir Show/Kolypan Zürich - und ihre Favoriten gekürt. Es ist Die Vladimir Show mit knappem Vorsprung vor "Freddy, der Hamster".

Die Begründung: „Die beiden Schauspieler haben mit coolen Ideen direkt aus der Lebenswelt von uns Kindern eine total kreative, nie langweilige und toll gespielte Theatershow gemacht, bei der Licht und Musik und das witzige Sprechen der Puppen super zusammengepasst haben. Es war das Beste was wir bis jetzt gesehen haben. Deshalb die volle Punktzahl.“

Die Beurteilungskriterien der Kinder, die nach jeder Vorstellung ein ausführliches Gespräch mit den Theatergruppen führten, bezogen sich entlang einer Punkteskala von 1-7 auf die Bereiche „Spaß am Spiel“, „Originalität“, „Unterhaltungswert“, „Sprache und Botschaft“, „Einsatz von Licht/Musik/Bühnenbild“, „Verständlichkeit für Kinder“

Nürnberger Nachrichten, 13. Februar 2004
Von Königen und Flugpionieren
Im Kampf mit Wind und Wetter: "Heinrich V." und "Der Ozeanflug" beim Kindertheaterfestival "Panoptikum"

von Stefan Gnad
Gesetzt den Fall, die Welt wäre ein Spielplatz – würde es dann Krieg geben? Aber sicher! Inszeniert als vermeintlich unschuldiges Kinderspiel, macht das Ensemble Kazaliste Mala Scena aus Zagreb beim "Panoptikum"-Auftritt in der Nürnberger Tafelhalle deutlich, wie's funktioniert: Heinrich V. wird König von England, doch die Staatskasse ist leer und in sein Schloss regnet es rein. Da liest er in einem alten Buch, dass das reiche Frankreich früher mal zu England gehörte und zieht los über den Ärmelkanal, um sein vermeintliches Eigentum einzufordern – notfalls mit Gewalt.

Mit viel Schwung startet die kroatische Theatertruppe Ignace Cornelissens pfiffige Parabel auf die blutige Absurdität der "politischen Auseinandersetzung in letzter Konsequenz", neudeutsch auch gerne als "friedenschaffende Maßnahmen" genannt. Die vier Schauspieler zucken über die Bühne, toben, albern, posen, streiten, schneiden schräge Grimassen und lassen mit einem Minimum an Requisiten kraftvolle Bilder entstehen.

Die mit behänder Leichtigkeit und charmantem Akzent auf Deutsch erzählte Geschichte steckt voller witziger Ideen, vor denen selbst dramaturgische Traditionen nicht sicher sind. "Können wir nicht ein paar Jahre überspringen, damit ich gleich Königin werden kann?", umgarnt die von allen Seiten bedrängte französische Prinzessin den allwissenden Erzähler – um ihn kurz darauf auszutricksen, einen flinken Rollentausch vorzunehmen und statt seiner die Geschichte weiterzustricken. Leider geht dem famos aufspielenden Quartett zum Finale hin ein wenig die Luft aus. Am Ende sitzt Heinrich in der glücklich eroberten, wenngleich nun von seinen Feinden belagerten französischen Burg, in die es ebenfalls hineinschneit – weil seine Soldaten bei der Erstürmung das Dach weggeschossen haben.

Nicht Heinrich, sondern Charles heißt der Held in Der Ozeanflug, den das VAT Teater im Kachelbau zeigte. Mai 1927: Der 25-jährige Charles Lindbergh setzt seinen Traum um, mit einem kleinen Flugzeug den großen Atlantik zu überqueren. Er trotzt Wind und Wetter, Sturm und Schlaf und landet in Paris und wird ein Held. Zwei Jahre später strickt Bertolt Brecht aus diesem Stoff ein "Lehrstück für Knaben und Mädchen". Unter der Regie des Stockholmers Bengt Andersson hat sich das VAT Teater einer Bühnenversion des berühmten Radioexperiments angenommen. Obwohl die Sprachbarrieren gekonnt zweisprachig umschifft werden, setzt das Duo als Tallinn/Estland auf Slapstick und vordergründigen Klamauk. Auch die witzige Flugzeugkonstruktion und die vielen lustigen Effekte können nicht darüber hinwegtäuschen, dass es hier nur wenig zu erzählen gibt. Nette Bilder, magerer Inhalt.

Nürnberger Zeitung, 13. Februar 2004
Lächerliche Hindernisse
Estnisches Ensemble glänzte beim Kindertheater-Festival

von Ella Schindler
Das gestrige Shauspiel des estnischen VAT Teater (Tallin) beim Kindertheater-Festival „Panoptikum“ fing für die kleinen Besucher gut an: Sie durften in eine Kiste voller Bonbons greifen, bevor sie die Plätze im Saal gut füllten. Der Flugzeugmechaniker, von Katariina Lauk-Tamm gespielt, ging durch die Reihen, witzelte mit den kleinen Zuschauern, ließ ein Stück Papier zum Propeller werden und schaffte damit einen fließenden Übergang zu Der Ozeanflug.

Die von Bengt Andersson (Theater TRE, Stockholm) inszenierte Aufführung, die auf eine Vorlage Bertolt Brechts zurückgreift, spielt im Jahr 1927. Sie erzählt die wahre Geschichte des weltberühmten Piloten Charles Lindbergh, der in eine kleine Frlugmaschine in New York einsteigt und erst in der Nähe von Paris wieder den Boden berührt. Somit schafft der schüchterne 25jährige etwas, was keinem vor ihm gelungen ist: Er überquert den Atlantik per Flugzeug.

Lindberg, gespielt von Tanel Saar, nahm die Zuschauer auf eine Abenteuerreise voller Hindernisse. während seines Fluges kämpfte er mit Nebel, Schnee und senem Bedürfnis nach Schlaf. Es war tragisch, und trotzdem durfte auch gelacht werden – die Szenen waren gespickt mit Witz - , was das Publikum mit Vergnügen aufgriff. Mit einfachsten Mitteln, wie etwa einem weißen Mantel und Mütze, die Lauk-Tamm in einen Schneesturm verwandeltern, mit wenig Sprache, aber viel Pantomime vermittelten die estnischen Schauspieler ihre Botschaft doch unmissverständlich. Die Zwischenrufe der Kinder bewiesen dies. Die kleinen Zuschauer wurden ohnehin immer wieder ins Geschehen miteinbezogen: Mal mussten sie den Mechaniker auf den jungen Piloten aufmerksam machen, mal zusammenrücken, um fotografiert zu werden.

Die Geschichte hatte ein glückliches Ende. Auch das Theaterstück machte eine gute Landung bei den Zuschauern. Sie ließen sich anschließend den Trick des als Propeller fliegenden Papiers von der Schauspielerin genauestens erklären.

 

Nürnberger Zeitung, 12. Februar 2004

Europäisch-Bayerisches Kindertheaterfestival Panoptikum eröffnet

Alterslos

Kreative Präsentation

"Gute Kunst erkennt man daran, dass man Lust bekommt sie zu stehlen", verriet die künstlerische Leiterin des Kindertheaterfestivals "Panoptikum" Andrea Maria Erl bei dessen Eröffnung am Dienstagabend im Kachelbau. Deswegen habe das "Geschlecht der von Mummpitz" Kulturgut gestohlen, um es für sechs Tage in der Hochburg Nürnberg festzuhalten – ein kreativer Start eines Theaterfestes mit einer Anspielung auf den Raub der Sabinerinnen.

Herausragend, sehenswert und aus verschiedenen Sparten – das waren die Kriterien für die Auswahl der Ensembles, die aus sieben verschiedenen Ländern nach Nürnberg angereist sind. Im Häschenkostüm, mit einer Krone auf dem Kopf oder einem Spiegel in der Hand stellte das Theater Mummpitz die Stücke seiner Gäste dem internationalen Publikum am Eröffnungsabend vor.

Finanzen gesichert

"Kindertheater ist alterslos", so lautete das Credo der Kulturreferentin Julia Lehner "und hat in Nürnberg Tradition". Dass diese Tradition in Zukunft fortbestehen kann, dafür ist finanziell gesorgt. Michael Mihatsch vom Bayerischen Staatsministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst versicherte, die Gelder auch in den nächsten Jahren fließen zu lassen.

Der "Raub" des Geschlechtes der von Mummpitz bedeutet vor allem einen multikulturellen Austausch zwischen den verschiedenen Ensembles. "Etwas ganz Besonderes" ist "Panoptikum" für Michael Zirk, das zeitgleich in Augsburg stattfindet. Für ihn heißt es in diesem Jahr Abschied nehmen. Nach drei Jahren legt er die Leitung im künstlerischen Bereich nieder. Ironisch-witzig gestaltete sich nicht nur die Moderation. Mit einem Augenzwinkern spielten die Windsbacher Blechbläser, eine Gruppe junger Musiker, Melodien aus dem "Karneval der Tiere" oder die "Pizzicato-Polka" von Johann Strauß. Der Dank an diesem Abend galt besonders den Geldgebern und Sponsoren. Ohne die finanzielle Unterstützung von Stadt, Staat und privaten Trägern wäre es nicht möglich, sechs Tage lang nur Theater für Kinder zu spielen.

Abendzeitung, 12. Februar 2004
Die Routine in den Sand gesetzt
Auf dem Friedhof der Kuscheltiere: Panoptikum-Festival startete erfolgreich

von Andreas Radlmaier
Die malerisch verteilten Ruhekissen im Treppenhaus der Nürnberger Tafelhalle täuschen. So gemütlich geht es inhaltlich beim 3. Kindertheaterfestival Panoptikum nicht zu. Das niederländische Theater Stella den Haag etwa, das mit Das Jahr des Hasen anreiste, macht aus dem Stimmungsmosaik eines in Auflösung befindlichen Familienglücks ein schillerndes Angst-Kammerspiel, das James Stewarts „Freund Harvey“ zum harmlosen Zauberkaninchen schrumpeln lässt. Dass die Märchenstund nicht mehr Gold im Mund hat, war schon beim Auftakt am Abend vorher im vollen Kachelbau klar: Da hatte Die Vladimir Show aus der Schweiz das Kuscheltier-Paradies in eine hysterische Plapper-Hölle voller seelischer Spielzeug-Wracks verwandelt und das Theater Waidspeicher aus Erfurt streuselte nicht Sand in die Betthupferl-Augen. sondern ins Routine-Getriebe von Grimms Bremer Stadtmusikanten. Ein Vergnügen, ein grimmiges, so kanns weitergehen.

Der Fluchtgedanke in eine bessere Welt reißt viele mit. Bei der Festival-Eröffnung verwies Michael Mihatsch, Theaterreferent der Staatsregierung, auf die eigens zugenähten Taschen seines Sakkos, betonte aber gleichzeitig, dass man Panoptikum auch "künftig fördern" will. Es werde "keine Abstriche geben" bei Kultur-Institutionen. Ob das zum Überleben langt, sagte Mihatsch nicht. Die Macher von "Mummpitz", ganz im Banne von drohenden Austrocknungsphasen, konterten spielerisch: als der "theaterpsychologische Dienst der Stadt Nürnberg" dem Festival "den Saft abdreht", geht man dazu über, Beutekunst zu machen. Denn die Nürnberger lassen sich nicht hängen...

"Keine Experimente" zischelt später der besserwissende Figuren-Dompteur des Theater Waidspeicher seinem Kollegen schon beim Weg durchs Publikum zu und hat die Lösung: "Gehen Sie zupfen!" Die jahrelange Zusammenarbeit steht vor dem Kollaps, weil der Musiker im Hintergrund Ansprüche anmeldet auf das Sandkastenspiel mit Esel, Hund, Katze und Hahn. Ein "Wahnsinn" sei der Rollentausch, sagt "Her Pölzl". Und damit ist die Aufführung treffend umschrieben. Ronald Mernitz und Torsten Mielentz setzen – wunderbar genau in Gestik und Tonfall – Die Bremer Stadtmusikanten wortwörtlich in den Treib-Sand der Anarcho-Gefühle und der Mobbing-Triebkraft. Über soviel Boshaftigkeit mit poetischer Komik juchzte das Publikum.

Wie Waidspeicher bildete zu vorgerückter und dann fast kinderfreier Stunde Kolypan aus Zürich den Hinweis darauf, dass das Figurentheater-Festival heuer turnusmässig pausiert. Die Schweizer versammeln in ihrer Vladimir-Show Pocahontas, Tarzan, ein Rudel Barbies, ein Lego-Mann mit Zweitfunktion als Shampoo-Flasche (Überlebensstrategie!) und andere Abschiebehäftlinge zu einem kindlich-bemühten Trashbuden-TV total, das schnell zum Gedanken-Zapping einlädt.

Da konnte Stella den Haag mit Das Jahr des Hasen schon mehr verunsichern. Mit einem Mädchen Martha, das im Verlustschmerz von der Mutter umstellt ist von Hassgedanken auf den Glamour-Papa, die Raketenbusen-Ersatzfrau, vom grünen Riesenhasen, der nachts ans Bett tritt und die Stille vertreibt. Ein spiralförmig bohrendes Schauspiel mit swingender Balsam-Tonspur. Allein der schmelzende Gesang der Schauspieler würde einen Abend rechtfertigen.

Nürnberger Nachrichten, 12. Februar 2004
Stadtmusikanten in der Sandkiste
Zwischen Märchen und TV-Show: In Nürnberg startete das Kindertheatefestival „Panoptikum“
von Katharina Erlenwein
Bei den Offiziellen waltet Vorsicht: Michael Mihatsch, Theatermann des Bayerischen Kunstministerums, hat vorsichtshalber seine Sakkotaschen zugenäht, um in Nürnberg nicht heimlich um ein paar Millionen erleichter zu werden. Kulturreferentin Julia Lehner spricht gar nicht von städtischen Mitteln, sondern bedankt sich lieber gleich bei den Sponsoren von der Zukunftstiftung der Stadtsparkasse. Und so muss das Theater Mummpitz, pardon, das Geschlecht derer von Mumpitz, auf Raubzüge gehen, um hochkarätiges Kultugur aus aller Welt in die eigene (Hoch-)Burg zu holen und zum dritten Mal das Kindertheater-Festival „Panoptikum“ zu stemmen. Egal, nach Jammern ist trotz schwieriger Finanzierung keinem zumute bei der Festivaleröffnung. „Kinder zum Kachelbau“ fordert denn auch Mihatsch, der Geldgeschenke in jüngster Zeit eher zur staatstheateralen Hochkultur am Richard-Wagner-Platz schaufeln durfte als zur nimmermüden Truppe am Schlachthofgelände.

Urkomische Partnerschaft

Nun also zum dritten Mal hohe Kinderkultur, zeitlich etwas geschrumpft, wieder im Verbund mit dem Jungen Theater Augsburg, das allerdings nur ein schmales Appetithäppchen vom Programm für sein Haus abgekrieg hat.

Beim Auftakt konnte man eindrucksvoll erleben, dass weniger mal wieder mehr ist: Der Vergleich von Die Bremer Stadtmusikanten des Theater Waidspeicher aus Erfurt mit Die Vladimir Show von „Kolypan“ aus der Schweiz fiel eindeutig zu Gunsten der gewitzten Thüringer aus. Die Herren Bölzow und Klutig sind offenbar ein seit Jahren eingespieltes Team, nur will der Musiker Klutig heute unbedingt die Rolle des Puppenspielers bei den „Bremer Stadtmusikanten“ übernehmen. Mit dem kurzen Befehl „Bülzow, gehn`Se zupfen!“ wird der Chef an die Gitarre verwiesen, und der leicht verklemmte, aber dickköpfige Zweite im Bunde daf endlich mal die vier Tiere durch die Sandkisten-Bühne bewegen.

Dass er die Katzenszene lieber auf einem Friedhof spielen lassen will und den Hahn gehörig furzen lässt, erträgt Bülzow nur schwer. Tiefe Brüche in der urkomischen Bühnenpartnerschaft tun sich auf, als es ans Sandkuchen-Essen geht: Den Trick mit dem Kuchen aus Brotkrümeln, die wie Sand aussehen, aber doch leichter zu schlucken sind, hat Klutig einfach jahrelang nicht durchschaut.

Ronald Mernitz und Tomas Mielentz hangeln sich mit keckem Hüftschwung und gehobener Streitkultur durchs Grimmsche Märchen. Dick und Doof mit Charme und abgründigem Witz, üppige Bilder mit einfachsten Mitteln – da bleibt einem der lachende Mund offen stehen.

Die Schweizer dagegen setzen auf Hochdruck-Theater ohne große Raffinesse: Ihre „Vladimir-Show“ ist eine Art „Fliege“-Talkrunde für abgelegte Spielzeugwesen. Mit viel Fernsehstudio-Gezappel samt Warm-up geht es los, Moderator Vladimir ist selbst ein abgegratschter Puppenmann aus russischer Handarbeit. Bei ihm auf der Couch landen nicht nur eine Pocahontas-Barbie und ihr Lover Tarzan, sondern auch ein Plüsch-Pink-Panther, der von „seinem“ Kind nicht mal ganz aus dem Geschenkpapier ausgepackt wurde und deshalb ohne Unterleib leben muss.

Eine witzige Idee, mit viel Getöse und Musik, aber weing Inspiration umgesetzt. Fabienne Harkon leiht den Spielzeugen zwar vituos verschiedene Stimmen, doch das können auch Fünfhährige beim Puppenspiel mit verteilten Rollen. Viel Glitter, wenig Glanz – da sehnt man sich den Mond herbei, der im Laternchen auf Herrn Klutigs Kopf aufging

Augsburger Allgemeine, 11. Februar 2004
Die Schlacht der Limoflaschen
Kroatische Eröffnung des Kindertheater-Festivals Panoptikum

Schauspielensembles, die von weither anreisen, sind gut beraten, sich auf eine Bühnenaussattung zu beschränken, die fast schon ins Handgepäck passt. So brachte die Zagreber junge Truppe „Mala Scena“ zur Eröffnung des Kindertheaterfestivals „Panoptikum“ vor allem sich selbst mit.

Mit waghalsigem Körpereinsatz, rasantem Tempo und verschieden farbigen Limoflaschen für die turbulente Schlacht zwischen England und Frankreich spielten sie ihr (Anti-)Kriegsstück frei nach Shakespeares Königstragödie Heinrich V. Erzähler Niksa Butjer wahrte den roten Faden unbeirrt von der abstrusen Handlung. Die quirligen Figuren - König Heinrich V. von England (Ronald Zlabur), der sich wegen der leeren Staatskasse unbedingt die Französische Burg aneignen muss, die Prinzessin Katherine aus Frankreich (Helena Minic), die so furchtbar schön laut um ihrem Vater wehheulen kann und deren verschmusten Cousin (Daniel Radecic), der gierig und tollpatschig das Zepter des toten alten französchischen Königs übernehmen will, führte er an das offene Ende.

Die stetig wechselnden Schauplätze waren dank halbierter Röhrenelemente, die mal Burg, mal Schiff, mal Schild, mal Badewanne, Mal Buch und Schatzkammer wurden, flugs parat. Den Rest der imaginären Kulisse füllten die Schuapieler mit Wort, flinkem Spielwitz und Pantomime sowie einigen Requisiten wie Fahne, Brautschleier oder Limoflaschen

Abendzeitung, 9. Februar 2004
Kindertheater kippt zuerst
Andrea Maria Erl übers Festival Panoptikum und Krisen-Gefahren

von Andreas Radlmaier

Es ist "mühsamer geworden", sagt Andrea Maria Erl: Die Zeiten werden härter, das europäische Angebot guter Produktionen nimmt ab. "2055 Minuten Theatervergnügen" will das Internationale Kindertheaterfestival "Panoptikum", das dritte seit Nürnbergs Stadtjubiläum 2000, an sechs Tagen in 35 Vorstellungen dennoch anbieten. Neben Michael Zirk ist Andrea Maria Erl, die eigentlich Hausregisseurin beim Theater Mummpitz ist (nach "Ox und Esel" folgt im Mai im Kulturforum Fürth "Hodder, der Nachtschwärmer"), künstlerische Leiterin des Festivals. Wir sprachen mit ihr.
AZ: Frau Erl, kann man beim dritten Mal schon von Tradition sprechen?
Andrea Maria Erl: Ich denke schon. Was sich schon an der Zahl der internationalen Gäste niederschlägt. Mit 70 Theatermachern sind das so viele wie bei keinem anderen bundesdeutschen Festival.
AZ: Sieht auch das Publikum die Wichtigkeit?
Erl: Was ich höre, sagen alle ja. Deshalb verblüfft uns heuer die verhaltene Reaktion der Schulen und Lehrer. Damit haben wir nicht gerechnet.
AZ: Ist die Auswahl eine Auslese der Besten oder eine Liste der Lieblinge?

Erl: Wir haben geguckt, was uns am besten gefallen hat. Ein Auswahlkriterium war aber auch die Verständlichkeit durch Sprache. Es ist für uns ein Publikumsfestival. Von Anfang an war unser Hauptinteresse, dass Nürnberg geballt gutes Theater zu sehen bekommt. Wir wollen die ganze Bandbreite von Klein bis Groß ansprechen und möglichst alle Genres, also bis zu Bewegung und Tanz, anbieten. Das ist das Profil.
AZ: Ausflüge in den Tanz zum Beispiel kommen im aktuellen Festivalprogramm aber weniger vor. Woran liegt das?
Erl: Ich vermute, das hängt mit dem Geld zusammen. Das sind sehr oft freie Produktionsgemeinschaften und die tun sich zur Zeit schwer, Finanzmittel zu finden. Da ist im Jugendtheater momentan mehr zu holen.
AZ: Bislang wurde aber doch immer behauptet, dass das Jugendtheater das Stiefkind sei?
Erl: Wir beobachten, dass ein Jugendtheater-Boom eingesetzt hat. Das hängt mit der Entdeckung junger Autoren und Stücken wie "Feuergesicht" und "Norway today" zusammen. Damit kann man als Theatermann auch viel mehr Aufsehen erregen als mit Kinderproduktionen.
AZ: Also war die Aufbauarbeit, die Emanzipation weg vom Pflicht-Weihnachtsmärchen am Ende umsonst?
Erl: Wir fragen uns das schon. Wir fangen vielleicht nicht wieder beim Punkt Null an, aber beim Punkt Eins. Als erstes kippt immer das Kindertheater runter. Überall wird die Liste der Weihnachtsmärchen immer größer, und damit ist der Pflicht Genüge getan.
AZ: Osteuropa ist bei diesem Panoptikum-Festival stark vertreten. Weil da jetzt der Nachholbedarf geweckt ist?
Erl: Der Osten war lange in alten Stilmitteln verhaftet, was Themen und Stoffe anlangt. Das ist jetzt aufgebrochen. Die Theatermacher fahren rum, gucken und nehmen sich davon, was sie brauchen. Eine Zeitlang kamen in den Stücken nur Handys als Symbole des Westens vor, das ist jetzt nicht mehr so.
AZ: Tschechow, Brecht, Grimm – darf man hinter dem Griff zum Klassiker einen Trend vermuten?
Erl: Es ist nach wie vor so: Titel und Name sind unheimlich wichtig. Weil die Erwachsenen einkaufen. Auch wenn wir hoffen, dass sich das ändert: Etwas Bekanntes ist immer gut. In Nürnberg gab es mal eine Zeit, da funktionierte dies auch anders.
AZ: Also steht der Begriff von der "Kindertheaterhochburg" eher auf tönernen Füßen?
Erl: Es gibt keine andere deutsche Stadt, wo so viele anerkannt gute Theater zu Hause sind. Das ist Fakt.
AZ: Aber das blinde Vertrauen des Publikums ist nicht mitgeklettert.
Erl: Das ist ein Zug der Zeit. Im Erwachsenenbereich ist das doch auch so. Entweder es ist ein Event oder ein Klassiker.
AZ: Sie sehen Anzeichen einer Kindertheater-Krise?
Erl: Es macht keinen Sinn, in dieses Wort reinzuschießen. Krise beinhaltet ja: In einem Jahr ist es überstanden. Ich glaube, dass sich die Dinge grundsätzlich verändern werden. Eine Zeitlang funktionierte Kindertheater von allein. Jetzt muss man auf die Situation reagieren, fragen, was brauchen, was können wir.
AZ: Es wird zur Auslichtung der Szene kommen.
Erl: Das ist ja auch nicht die Lösung. Wir müssen uns in anderen Ecken unverzichtbar machen. Theater ist Kultur – das müssen wir vermitteln. Wir müssen an die Leute ran, fragen, was sie interessiert, wacher sein, das Bedürfnis wecken. Wir müssen eine Form finden, die wir uns leisten können.

Süddeutsche Zeitung, 5. Februar 2004
Wissen, wie der Hase läuft
Das Festival "Panoptikum" trotzt dem Sparzwang
In Zeiten wie diesen muss man ja schon froh sein, wenn ein staatlich gefördertes Kindertheater-Festival nicht völlig dem Rotstift der Kulturbremser zum Opfer fällt. Dass die dritte Auflage des "Panoptikums" lediglich einen Tag kürzer ausfällt, weil das Budget auf 200.000 Euro leicht schrumpfte, ist vor diesem Hintergrund unbedingt als Erfolg zu sehen. Zumal die Organisatoren erneut ein pralles Programm auf die Beine gestellt haben: 18 Ensembles aus sieben Ländern spannen in 35 Vorstellungen einen Bogen zwischen Musical, Figurenspiel und Papiertheater, zwischen Liveshow, Szenencollage und Tanz. Organisationsleiterin Cathrin Blöss ist sich sicher, dass die 5500 Karten für die Aufführungen in Nürnberg (europäische Szene) und Augsburg (Bayerische Szene) wie vor zwei Jahren und zur Premiere 2000 stark nachgefragt werden.

Neben Gruppen aus Deutschland, den Niederlanden, der Schweiz und Dänemark dürften sich Publikum und Fachleute auf Thetare aus Kroatien, Estland und Russland freuen. Als weiteren Höhepunkt bezeichnet Blöss das Stück "Das Jahr des Hasen" von Hans van den Boom: "Das ist schwerer Stoff auch leichte Art präsentiert", sagt sie. Schwerer Stoff in harten Zeiten – das kann auch Kindern nicht schaden.

Nürnberger Zeitung, 24. Januar 2004
Auf die Bühne, fertig, los
Blick auf das Kindertheatertreffen "Panoptikum"

von Nina Zschiesche

Das Nürnberger Stadtjubiläum im Jahr 2000 hat so manches ins Rollen gebracht. Einige Veranstaltungen, die zunächst als einmalige Attraktionen gedacht waren, sind der Stadt erhalten geblieben. So kehrt nicht nur die "Blaue Nacht" seitdem immer wieder, sondern auch das europäische Kindertheater-Festival "Panoptikum". Seit sich das Nürnberger Festival 2002 mit dem Bayerischen Kindertheater-Festival in Augsburg zusammengetan hat, findet nun alle zwei Jahre das bayerisch-europäische Theatertreffen "Panoptikum" zeitgleich in beiden Städten statt. Die Veranstalter sind das "Theater Mummpitz" und das "Junge Theater Augsburg".

Unter der Leitung von Andrea Maria Erl und Michael Zirk sind im diesjährigen "Panoptikum" vom 10. bis zum 15. Februar insgesamt 19 Gruppen zu sehen. Das sechstägige Festival präsentiert sich bunt gemischt: vom klassischen Märchen bis zur modernen Eigenbearbeitung ist so gut wie jede Spielart des Kindertheaters vertreten. Neben Teilnehmern aus Deutschland und Bayern sind verschiedenste Gruppen aus den Niederlanden und der Schweiz sowie aus Dänemark, Kroatien, Estland und Russland zu Gast.

Die Puppen tanzen

Eröffnet wird das Festival in Nürnberg im Kachelbau mit "Die Bremer Stadtmusikanten" des Erfurter Theaters "Waidspeicher". Mit Puppen und Musik wird darüber sinniert, wie das althergebrachte Grimm'sche Märchen eigentlich 'richtig' erzählt werden muss. In Augsburg wird es gleich zu Beginn international: Am ersten Festivaltag spielt das kroatische Theater "Kazaliste Mala Scena" im Abraxas das Stück "Heinrich V." in deutscher Sprache. Das Thema Krieg soll hier auf gewitzte Weise umgesetzt werden. Zu sehen ist dies auch am 12. Februar in der Tafelhalle.

Traurige Spielsachen

Außer den hiesigen Gruppen präsentiert sich in Nürnberg nur ein weiteres bayerisches Theater. Das Neuhauser "Theater Eigenart" erzählt am 11. Februar mit der Produktion "Nebensache" die Geschichte eines Mannes, der auf der Straße lebt. Um vernachlässigte Spielsachen hingegen geht es in dem schrägen Musical "Vladimir Show" der Schweizer Gruppe "Kolypan" (10./11. Februar, Kachelbau).

"Das Jahr des Hasen" des niederländischen Theater "Stella den Haag" (11. Februar, Tafelhalle) verspricht, ein surreal-musikalischer Krimi zu werden. Eine klassische russische Erzählung in modernem Gewand über einen Hund auf der Suche nach sich selbst zeigt die Gruppe "TJUS Jekaterinburg" mit "Kaschtanka" (12./13. Februar, Theater Pfütze).

Abendzeitung (Nürnberg), 24. Januar 2004
2055 Minuten Theater und eine Eisbahn
Von der Toy Story zum Zirkushund: Das Programm des Festivals Panoptikum
von Andreas Radlmaier

Eine künstliche Schlittschuhbahn wird zur Zeit neben den Kachelbau, vom 10. bis 15. Februar wieder Zentrum des Internationalen Kindertheaterfestivals Panoptikum, hingespritzt. Die Macher erwarten für Besucher, Ensembles und Festivalleiter aus 21 Ländern also auch eine fröhliche Eiszeit, obwohl die Perspektiven für Kinderkultur bei leeren öffentlichen Kassen (ein Subventionsschwund von 30 Prozent wird prognostiziert) eher frostig ausschauen.

In Nürnberg war es denn auch 50.000 Euro der Zukunftsstiftung der Sparkasse, die – neben Freistaat und GfK – die Kuh vom Eis holte und die Drittausgabe des Treffens sicherte, das seit 2000 schnell den Status "Tradition" erreichte.

Die Festivaldauer ist wie der Etat (200.000 Euro) leicht geschrumpft (von sechs auf fünf Tage), das Programm nicht. 35 Vorstellungen (zwischen Tafelhalle und Kali) von 18 Ensembles (darunter Nürnbergs komplette Szene) mit genau ausgerechneten 2055 Minuten Theatervergnügen stehen für den Anspruch eines "prallen" Angebots, das zwischen Musical, Figurenspiel und Tanz, Grimm und Tschechow "alle Genres" und Altersgruppen zwischen 4 und 70 erfassen will.

Andrea Maria Erl, mit Michael Zirk Programmmacherin, sieht in Deutschland, wo das Augenmerk zur Zeit auf Jugendstücke liege, im Kindertheaterbereich Anzeichen einer Krise und wurde besonders im Osten fündig. Aus Tallinn kommt das VAT Teater mit Brechts "Der Ozeanflug", aus Zagreb die Gruppe Kazaliste Mala Scena mit der Parabel "Heinrich V." ("ein Stück über das Kriegen: Will einer zuviel kriegen, gibt's Krieg") und aus dem russischen Jekaterinburg mit der gelobten Zirkushund-Geschichte "Kaschtanka" nach Tschechow.

Ergiebig ist auch die Szene Schweiz. Das Theater Sgaramusch aus Schaffhausen setzt den Schlusspunkt mit "Der Teufel mit den drei goldenen Haaren", das Theater an der Sihl in Zürich erzählt "ein Stück Schneewittchen" aus der Spiegel-Perspektive und zum Auftakt spielt die Gruppe Kolypan aus Zürich "Die Vladimir Show", eine Toy Story über entsorgte Barbies und Pink Panther – nachts um 22 Uhr für Kinder ab 5 Jahren (was also eindeutig nicht mit dem CSU-General abgesprochen ist)

Nürnberger Nachrichten, 24. Januar 2004
Von der Achterbahn zum Ozeanflug
Festival Panoptikum in Nürnberg
von Birgit Nüchterlein
Da ertönt es wieder, das Gruselwort nicht nur für Nürnbergs Kulturschaffende. Ulrich Glaser vom Amt für Kultur und Freizeit ist es diesmal, der von den viel zitierten Einsparungszwängen bei der Stadt spricht. Denen nachzukommen und gleichzeitig nach vorne zu denken, komme einer Fahrt in der Achterbahn gleich.

Wenigstens das Kindertheaterfestival "Panoptikum", das in diesem Jahr vom 10. bis 15. Februar zum dritten Mal in Nürnberg und Augsburg statfindet, sei ein Lichtblick auf dem Schlingerkurs. Denn der Vorstellungsmarathon, den das Theater Mummpitz im Zwei-Jahres-Rhythmus mit dem Jungen Theater Augsburg auf die Beine stellt, biete nicht nur inhaltliche Qualität, sondern sei auch ein Publikumsrenner, lobt Glaser.

Trotzdem mussten die Nürnberger Organisatoren um die Künstlerischen Leiter Andrea Maria Erl und Michael Zirk diesmal mit nur rund 200.000 Euro auskommen – also mit 90 Prozent des Budgets, das 2002 zur Verfügung stand. Hilfestellung kam heuer unter anderem von der Stadt, aus dem Bayerischen Kunstministerium, von den Nürnberger Nachrichten und der Zukunftsstiftung der Sparkasse Nürnberg, die "Panoptikum" mit 50.000 Euro unterstützte.

Sparen muss sein, deshalb wurde der zeitliche Rahmen von bisher sieben auf sechs Tage eingedampft, "weniger Vorstellungen gibt es deshalb nicht", versichert Andrea Maria Erl, "lediglich ein dichter gedrängtes Programm". Insgesamt 19 Ensembles aus den verschiedensten Ländern, darunter Island und Nigeria, Russland und die Schweiz, Holland, Dänemark und Deutschland, laden zu 37 Vorstellungen ein.

Mit dabei sind erstmals Gruppen aus dem osteuropäischen Raum, deren Stücke natürlich für deutsche Kinderohren übersetzt werden: "Tjus" aus Russland präsentiert "Kaschtanka" nach einer Erzählung von Anton Tschechow, das Stück "Heinrich V." kommt aus Kroatien, das Theater Vat aus Estland präsentiert den "Ozeanflug" von Charles Lindbergh nach Bertolt Brehct. Vom dänischen Randers Egnsteater ist ein Stück nach Hans Christian Andersen zu sehen und Stella den Haag aus den Niederlanden feiert das "Jahr des Hasen".

Außerdem sind die "Bremer Stadtmusikanten", "Max und Moritz", "ein Stück Schneewittchen", ein "Goigoi" und der "Teufel mit den drei goldenen Haaren" zu Gast. Über die Bühne geht das Festival, das mit einem Rahmenprogramm angereichert ist, in der Tafelhalle sowie in den Häusern von Theater Mummpitz, Pfütze, Rootslöffel und im Theater der Puppen im KaLi. Heimspiele der Nürnberger Ensembles stehen selbstredend ebenfalls auf dem Programm.

Donaukurier Ingolstadt, 14. Januar 2004
Wo das Spielzeug rebelliert und die Odyssee eine Stunde dauert
von Anja Witzke
Heinrich V. und Max und Moritz, der Teufel mit den drei goldenen Haaren und die Bremer Stadtmusikanten, Kaschtanka und die Kugelmenschen · sie sind die Stars des europäischen Kindertheaterfestivals "Panoptikum", das von 10. bis 15. Februar gleich in zwei bayerischen Städten, Nürnberg und Augsburg, stattfindet. 17 Theater aus Deutschland, Estland, Kroatien, Russland, Dänemark, den Niederlanden und der Schweiz zeigen in dieser Woche die vielen Facetten der internationaler Kindertheaterszene: eine Live-Show mit Spielsachen, Musicals, Märchen und klassische Literatur, Clowns-, Figuren- und Papiertheater. Dazu gibt es Diskussionen, Workshops und Gespräche rund ums Thema. DK-Redakteurin Anja Witzke sprach mit Andrea Maria Erl, der künstlerischen Leiterin des Festivals. Schon zum zweiten Mal präsentieren Augsburg und Nürnberg das europäische Kindertheaterfestival. Wie kam es zur Zusammenarbeit der beiden Städte?

Donaukurier: Schon zum zweiten Mal präsentieren Augsburg und Nürnberg das Europäische Kindertheater Festival Panoptikum. Wie kam es zu dieser gemeinsamen Zusammenarbeit der beiden Städte?

Andrea Maria Erl: Das Theater Mummpitz hatte im Jahr 2000 zum 950-Jahr-Fest der Stadt Nürnberg ein europäisches Kindertheaterfestival organisiert. Das schlug so ein, dass - obwohl es sich um eine einmalige Sache handeln sollte - viele für eine Neuauflage plädierten. Dazu kam, das sich der Freistaat sehr stark finanziell engagiert hatte und dies auch fortsetzen wollte, allerdings nur für Projekte, die für die bayerischen Kultur relevant sind. Da es in Augsburg ein bayerisches Kindertheaterfestival gab, das sich ein bisschen öffnen wollte, haben wir uns überlegt, die beiden zu kombinieren und gemeinsam ein bayerisches Festival im europäischen Kontext auszurichten. Das macht auch einen Vergleich möglich.

DK: Gibt es denn landesspezifische Unterschiede? Ist deutsches Kindertheater anders als das in Russland? Werden Geschichten in der Schweiz anders erzählt als in Kroatien oder in den Niederlanden?

Erl: Theater ist ja immer auch ein Spiegel der Wirklichkeit. In der Auseinandersetzung wird sichtbar, welche Themen in einem Land gerade vorherrschen, welchen Stellenwert Kinder haben oder welche Kunstformen angeboten werden. Tendenziell wird im nördlichen europäischen Raum wie auch im Westen sehr viel Wert auf Psychologie gelegt. Während man in Russland sehr stark klassisch orientiert ist: klassische Märchenstoffe oder Literatur. Das TJUS Jekaterinburg bringt beispielsweise die Adaption einer Tschechow-Erzählung auf die Bühne. Die Schweizer dagegen sind sehr offen, spielen mit den Themen und Genres, sind wirklich oft frecher im Umgang mit bestimmten Stoffen. Natürlich gilt das alles nicht zu 100 Prozent. Aber man sieht sehr wohl Unterschiede in Ausbildungsstand und Ästhetik.

DK: Früher boten die Stadttheater gerade mal das traditionelle Weihnachtsmärchen für Kinder an. Heute bemüht man sich überall, gerade den jungen Theaterbesuchern ein vielfältiges Programm zu bieten. Wann hat diese Entwicklung begonnen? Und wohin führt sie?

Erl: In städtischen Theatern begann der Trend, eigene kleinere Sparten für Kinder- und Jugendtheater zu öffnen, sich anderen Stücken zuzuwenden, mit kleiner Ensembles vor weniger Publikum zu spielen, etwa in den 80er und 90er Jahren. Bei den freien Theatern muss man den Anfang dieser Entwicklung sicherlich in die 70er datieren. Ausgehend vom Grips-Theater, beschäftigten sich viele freie Bühnen damals vor allem mit Stücken aus Schweden. Die brachten wirklich den Durchbruch, führten ganz neue Formen vor, Kindern Themen zu vermitteln. Im Moment dreht sich das Ganze wieder. Das Finanzvolumen geht zurück. Die großen Theater setzen verstärkt auf das Weihnachtsmärchen, auf Renner wie "Dornröschen", denn damit kann man gut viel Geld einspielen. Die anderen Produktionen werden extrem zurückgefahren. Wünschenswert wäre ein Familientheater mit gleichwertigem Angebot für Kinder und Erwachsene. Aber im Hinblick auf die derzeitige Finanzkrise muss man hier einfach einen Rückschritt konstatieren.

DK: Was macht gutes Kindertheater aus?

Erl: Wenn man merkt, dass Kinder ernst genommen werden. Und das zeigt sich auch in der Wahl der Mittel. Wo wird ernsthaft über Form und Ästhetik nachgedacht, ein Thema auf die Bühne zu bringen? Wo werden Inhalte ernst genommen? In jedem Märchen finden sich z. B. existenzielle Grundprobleme. Theater verändert sich. Und Kinder haben das gleiche Recht auf ästhetische Entwicklung wie erwachsene Theaterbesucher.

DK: Wie stellen Sie das Festivalprogramm zusammen?

Erl: Der Vorlauf dauert etwa eineinhalb Jahre, wobei die Auswahl etwa ein Jahr dauert und die letzten drei Monate die Organisation betreffen, also Einladungen, Rahmenprogramm, Kartenverkauf etc. Von etwa 500 Bewerbungen aus Europa entscheiden wir uns für zehn Gruppen aus möglichst allen Genres - mehr ist in einer Woche einfach nicht drin. Dazu kommen noch die bayerischen Theater, deren Auswahl Augsburg obliegt. Wir sprechen dann ab, welche Produktionen in den beiden Städten gezeigt werden.

DK: Was darf man denn auf keinen Fall verpassen?

Erl: Außergewöhnlich ist sicherlich "Das Jahr des Hasen" von Stella den Haag. Das ist ein Theater, das wirklich richtig neue Wege geht. Obwohl ich den Ausdruck eigentlich nicht mag. Mir geht es nicht darum, Neues zu zeigen, sondern Gutes. Aber Stella den Haag ist sehr sehr mutig. Auch mit seinem Thema. Es geht um Tod, das ist keine leichte Kost. Das Theater hat exzellente Schauspieler, verbindet exzellentes Handwerk mit neuen Medien. Es verlangt dem Publikum etwas ab, aber es bietet ihm auch etwas. Das ist mit Sicherheit eine Produktion, die aus dem Rahmen fällt.

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